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Peter Seewald: "Wir haben den Himmel verloren"

Das Leben vom Ende her denken: Im Wortlaut der Vortrag des Benedikt-Biografen anlässlich der Ehrenpromotion durch die STH Basel.
Peter Seewald bei seinem Vortrag
Foto: Sung-Hee Seewald | "Sobald wir an das Ende denken, spüren wir die Großartigkeit unserer Existenz, wird uns wieder bewusst, wie wunderschön und aufregend es ist, das Geschenk des Lebens leben zu dürfen", so Peter Seewald in seinem Vortrag.

Die Universitäre Theologische Hochschule Basel (STH Basel) hat dem Publizisten und Biografen von Benedikt XVI., Peter Seewald, am 13. Mai die Ehrenpromotion verliehen. Seewald erhielt den Doctor honoris causa der Hochschule zufolge für seine publizistischen Leistungen, beispielsweise eine Biografie über Jesus Christus. Die "Tagespost" dokumentiert den Vortrag mit freundlicher Genehmigung Seewalds.

 

Sehr geehrtes Kollegium der Universitären Theologischen Hochschule Basel mit Rektor Professor Dr. Thiessen,
lieber Herr Erzbischof Dr. Gänswein,
sehr geehrte Damen und Herren!

Zunächst Ihnen, lieber Herr Professor Dr. Schwanke, herzlichen Dank für Ihre Laudatio, die ich sehr zu schätzen weiß. Viel zu viel des Lobes, wie ich meine, das mich aber natürlich riesig freut.  

Ich danke vielmals für die hohe Ehre, die Sie mir heute mit der Verleihung eines Ehrendoktortitels Ihrer Hochschule erweisen. Als Ausdruck meiner Dankbarkeit möchte ich Ihnen einige Gedanken zu einem Thema vortragen, dem im Grunde niemand entkommen kann. Niemand hier im Raum und niemand da draußen. Auch wenn wir das allzu gerne ignorieren möchten. Wie sagte Sigmund Freud: „Jeder Mensch hält jeden Menschen für sterblich – ausgenommen sich selbst.“

Der Tod ist die Scheidewand

Es geht um den Tod. Den „Silent Highway-Man“, wie die Briten ihn nennen. Der so viele Facetten hat, so viele Riten kennt, so viele Dichter, Denker, Komponisten und Maler beschäftigt. Der Tod ist die Scheidewand. Nicht nur weil er das Leben vom Nicht-Leben trennt, sondern auch, weil sich an ihm zwei Weltanschauungen scheiden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach der einen lebe ich, als ob das kurze Erdendasein alles ist, was ich zu erwarten habe. Nach der anderen glaube ich an ein unsterbliches, phantastisches weiteres Sein, das im Christentum „ewiges Leben“ heißt.

„Man stirbt nur einmal“, schrieb der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer, „das dafür mit Garantie“. Wenn das Christentum vom Tod spricht, dann geht es dabei allerdings nicht um ein ultimatives, finales Ereignis oder um eine „Absurdität“, wie Sartre den Tod klassifizierte, und auch nicht um das Heideggersche „Sein zum Tode“, das dem Leben den unerlässlichen Abschluss gebe. Die christliche Vorstellung zielt auf das Große und Ganze. Sie behauptet kühn, der Mensch sei einerseits sterblich, zugleich aber auch unsterblich. 

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Gibt es ein Leben nach dem Tod? Der christliche Glaube beantwortet diese Frage mit einem klaren „Ja“. Wenn es einen irdischen Leib gibt, versicherte der Apostel Paulus, „gibt es auch einen überirdischen“ (1 Kor 15,42). Karl Rahner nennt es „sich zur Vollendung bringen.“ Verbunden ist damit die Frage, was es heißt, ein Mensch zu sein. Und warum in der Natur des Menschen eine tiefe Sehnsucht nach zeitlosem Glück, nach Frieden und Gerechtigkeit verankert ist, die kein Geschick der Welt, kein Reichtum, kein Luxus, keine Karriere, kein Sex je befriedigen können. Heinrich Böll erklärte diese Sehnsucht mit der „Tatsache“, „dass wir alle eigentlich wissen – auch wenn wir es nicht zugeben –, dass wir hier auf der Erde nicht ganz zu Hause sind. Dass wir also noch woanders hingehören.“

Wer über das ewige Leben spricht, muss zunächst vom Sterben reden. „Der Tod ist eingetreten“, lautet die alte Formel, wenn das Ab-Leben eines Menschen mitgeteilt wird. Der Tod klopft an, und niemand kann ihm die Tür weisen. Jeden Tag sterben weltweit etwa 160.000 Menschen, fast 60 Millionen pro Jahr. Das entspricht der Bevölkerung von Schweden, Norwegen, Belgien, Österreich und Australien zusammen. Viele davon durch Unfälle, Gewalt, Krieg, die meisten an Diabetes, Krebs, Alzheimer, Herzinfarkt. Man könnte auch sagen: am Alter. Die Frage ist dann: Ist das Alter eine Krankheit, die überwunden werden kann, wie das die Transhumanisten propagieren, um dann für immer jung zu bleiben? Oder ist da ein Programm, das auf ein Finish eingestellt ist?

Nie ist der Mensch nur Leben

Der älteste Mensch, den wir kennen, war Jeanne Louise Calment aus der Provence. Sie starb 1997 mit 122 Jahren. Sie hatte nie gearbeitet, rauchte ihr ganzes Leben lang, aß jede Woche ein Kilo Schokolade und erfreute sich bis zum Schluss einer robusten Gesundheit. „Ich hatte nie mehr als eine Falte“, kokettierte sie noch als Hundertjährige, „und auf der sitze ich.“ Der zweitälteste Mensch der Welt war die französische Klosterschwester André. Sie wurde 118 Jahre alt. Als ein Reporter sie nach dem Geheimnis ihres langen Lebens fragte, meinte sie: „Der liebe Gott will mich nicht.“

Im Hochmittelalter und weit darüber hinaus lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 33 Jahren. Aber plötzlich, innerhalb eines einzigen Jahrhunderts, von 1870 bis 1970, verdoppelte sie sich von rund 35 auf glatt 70 Jahre. Heute liegt sie in Deutschland bei Männern bei 78,9, bei Frauen sogar bei 83,6 Jahren. Tendenz, wie in vielen Teilen der Welt, weiter steigend.

So alt wir freilich auch werden, sterben bleibt uns nicht erspart. Und das beginnt schon ziemlich früh. „Nie ist der Mensch nur Leben“, wusste der heilige Augustinus, „vom ersten Augenblick an befindet er sich im Tode“. Im biologischen Sinne sind wir schon morgen nicht mehr dieselben, die wir heute sind. Von den rund 100 Billionen Zellen, über die jeder von uns verfügt, gehen Tag für Tag Myriaden altersmüder Haut-, Leber-, Blut- und anderer Zellen verloren. Sie werden repariert oder durch frische ersetzt. Allerdings nur so lange, bis ihre Deadline erreicht ist. 

In der Summe sind es 30 bis 40 Prozesse, die uns alt und irgendwann bereit zum Sterben machen. Um einige wenige Beispiele zu nennen:
- Ab 25 Jahren nimmt die Fruchtbarkeit der Frau ab. Beim Mann sinkt der Testosteronspiegel.
- Zwischen 30 und 40 Jahren beginnt der Knochenabbau dem Knochenaufbau zu überwiegen.
- Mit 65 sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung dement. Mit 85 sind es bereits fünfzig Prozent. Und der Zug, in dem die restlichen Fahrgäste sitzen, rast unweigerlich in Richtung Finsternis.

Werden wir ins Leben gerufen ohne Sinn und Ziel?

Die Zellen sind ausgepowert, ihre Lebensuhr ist abgelaufen. War’s das dann mit unserem oft doch auch sehr anstrengenden Schalten und Walten auf dieser Welt? Alles aus und vorbei? Werden wir ins Leben gerufen ohne Sinn und Ziel? Am Ende verloschen wie eine Kerze, die niemand mehr anzünden will?

„Es gibt keine Hoffnung mehr“, heißt es in den Medien, sobald ein Promi ohne Aussicht auf Gesundung auf der Intensivstation liegt.  Wie kann es dann aber sein, dass das Christentum gerade da von Hoffnung spricht, wenn nach menschlichem Ermessen die Lichter ausgehen? Der Tod löscht nicht aus, sagt der Glaube, er beendet nur das Unfertige. Das letzte Stündchen, das einem schlage, sei in Wahrheit eine Geburtsstunde, der Geburt in den Himmel hinein. Ist das so? Oder ist das nur eine schöne Idee? Ein Mythos, um mit der unerklärlichen Frage, warum wir sterben müssen, irgendwie fertig zu werden? Oder weil Begriffe wie Unendlichkeit, Ewigkeit, Zeitlosigkeit, Raumlosigkeit jenseits unserer Vorstellungskraft liegen? Ist es nicht eher vernünftig, dass, wie Atheisten sagen, mit dem großen Zapfenstreich vom Menschen nichts übrig bleibt außer ein löchriger Totenschädel und ein paar morsche Knochen? Der Lyriker Ernst Jandl machte sich seinen eigenen Reim drauf: „Jetzt sind wir die Menschen auf den Wiesen, dann sind wir die Menschen unter den Wiesen, dann werden wir Wiesen, dann werden wir Wald, was für ein lustiger Landaufenthalt“.

Noch immer versichern Christen im großen Credo: „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“ Die heilige Kommunion gilt als die „Wegzehrung“ für die „Pilgerreise“ vom Diesseits ins Jenseits. Frühere Gotteshäuser wurden mit ihren mehrdimensional anmutenden bunten Fresken so gestaltet, dass Gläubige beim Blick nach oben einen Blick auf ihre himmlische Zukunft bekommen konnten. Im Grunde ist die ganze Liturgie mit all ihren Zeichen, Texten, ihren seraphischen Klängen und meditativen Gebeten zu nichts anderem angelegt, als schon mal einen Eindruck von der zu erwartenden Glückseligkeit zu vermitteln. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir“, beten wir in katholischen wie in evangelischen Gottesdiensten, „bis du kommst in Herrlichkeit“.

Wohlgemerkt: Wir sprechen hier nicht von einer Geschichte a la Hollywood, sondern von der postmortalen Existenz des Menschen, wie sie nach christlichem Weltbild aussehen wird. Bewirkt durch den Abstieg Christi in das Reich des Todes und seine nachfolgende Auferstehung. Papst Benedikt XVI. nannte das „die größte Revolution der Weltgeschichte und die kräftigste Explosion des Lebens“ überhaupt. Man könne hier von dem entscheidende „Sprung in ganz Neues hinein“ sprechen: Aus dem grenzenlosen Dunkel sei das „hellste Zeichen einer grenzenlosen Hoffnung“ geworden.

Ohne Auferstehung keine Kirche

Die Auferstehung Jesu und Verheißung des ewigen Lebens bilden die Kernaussage des Christentums. Jede Zeile des Evangeliums ist davon durchtränkt. „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören“, mahnte Jesus, „sondern sammelt euch Schätze im Himmel“ (Mt 6,19-21). Das Hauptfest der Christenheit ist kein Hasenfest, zu dem es die Nazis umcodieren wollten, sondern die Feier des Sieges über den Tod. Wäre „Christus nicht auferweckt worden“, gab Paulus zu bedenken, wäre „unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15,14). „Unsere Heimat ist der Himmel“, bekräftigt er in einem Brief an die Philipper. Und der eben zitierte Joseph Ratzinger machte deutlich: „Wenn Zugehören zur Kirche überhaupt einen Sinn hat, dann doch nur den, dass sie uns das ewige Leben und so überhaupt das richtige, das wahre Leben gibt. Alles andere ist zweitrangig“.

Die unerhörte Botschaft Jesu hatte die Kraft, die Welt zu verändern, wie sie noch nie verändert wurde. Ohne Auferstehung keine Apostelbewegung, die nach Christi Tod konsterniert am Boden lag. Ohne Auferstehung keine christlichen Gemeinden, keine Kirche, kein modernes Europa, das, verbunden mit den Errungenschaften der Antike und dem Judentum, auf christlichen Werten beruht. 

Ohne Auferstehung säßen wir heute nicht hier. Ohne Auferstehung kein Dürer, kein Nikolaus von Flüe, kein Michelangelo, keine „Matthäuspassion“ von Bach und keine „Auferstehungs-Symphonie“ von Mahler. Der jüdische Konvertit war beseelt von der christlichen Überzeugung, dass der Tod nicht das Ende bedeutet. Mahlers letztes Werk, das „Lied von der Erde“, schließt mit der Sehnsucht nach der Schönheit und Ruhe, die im Jenseits herrsche. 

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Ohne die historisch verbürgte Auferstehung Christi wäre die Geschichte der Welt völlig anders verlaufen. Und doch: Es gehört zu den seltsamsten Erscheinungen unserer Zeit, dass die christliche Deutung von Sterben, Tod und Ewigkeit im Bewusstsein der modernen Welt kaum noch eine Rolle spielt. Der Tod? Na ja, den kann man hassen, weil er unseren Drang nach dem selbstbestimmten Leben durchkreuzt. Wie Elias Canetti es tat, der sich an seinem, wie er es nannte, „Buch gegen den Tod“ die Finger wundschrieb. Man kann ihn herbeisehnen wie Hermann Hesse, der dichtete: „Bruder Tod/ Auch zu mir kommst du einmal,/ Du vergisst mich nicht,/ Und zu Ende ist die Qual,/ Und die Kette bricht.“ Aber Auferstehung? Ewiges Leben? Heute macht es auch Christen fassungslos, wenn geliebte Menschen, wie es heißt, „das Zeitliche segnen“. Unsterblichkeit? Man zuckt die Schultern. Frei nach dem Motto: „Wer‘s glaubt, wird selig.“

Die "letzten Dinge" lediglich als Metapher?

Sterben geht schon lange nicht mehr wie früher. Immer mehr Menschen entscheiden sich für ein Erdloch im „Friedwald“ als letzter Ruhestätte; den Leichnam eingeäschert und biologisch abbaubar. In den Todesanzeigen verschwinden die Kreuze, in den Aussegnungshallen wird kein Segen mehr gesprochen. Der Blick, der einmal auf den Gekreuzigten gerichtet war, der für uns gestorben ist, gilt nun dem Trauerredner, der anstelle des Priesters mit soften Kalendersprüchen dem Tod seine Schwere zu nehmen versucht. Und wenn wir öffentlich schon mal über den Tod sprechen, dann reicht das über Dinge wie Bestattungsformen und Trauerbegleitung selten hinaus. Fest steht: In der neuen „Endlichkeitskultur“, wie das heißt, hat sich eine neuheidnische Gesellschaft nicht nur vom „Gottesacker“, sondern auch von Gott verabschiedet. 

Was ist passiert, dass wir eine Denk- und Lebenswelt beiseiteschoben, die weit über tausend Jahre lang unsere Kultur prägte? Die von den klügsten Köpfen der Menschheit geprüft, gereinigt und überzeugend weitergegeben wurde? Für die unzählige Menschen ihr Leben gaben? Sind wir wirklich soviel klüger geworden, dass wir uns erlauben könnten, die Zentralität des Evangeliums Christi als überholt zu betrachten? Oder getrauen wir uns einfach nicht mehr, die Zusicherung Jesu ernst zu nehmen, weil heute nichts anstößiger klingt, als auf die Wahrheit der biblischen Botschaft zu bestehen? 

Obwohl sich niemand als Christ bezeichnen dürfte, der den fundamentalen Kern des Evangeliums nicht teilen kann, werden die sogenannten „Letzten Dinge“ und die Verheißung des ewigen Lebens von immer mehr Priestern und Theologen lediglich als eine Metapher verstanden. Der Religionssoziologe Michael Ebertz zeigte in einer Untersuchung über den „Wandel von Jenseitsvorstellungen“ auf, wie die „Letzten Dinge“ aus Theologie und Verkündigung zunehmend verschwanden. Die Konsequenz war, so Ebertz, dass damit auch das Gottesbild flach und nichtssagend wurde. Man könnte sagen hin in Richtung eines Plastilin-Gottes, den man kneten kann, wie es einem gefällt. Wie soll man es also nennen, wenn das, wofür Jesus seine Kirche gründete, von einem großen Teil eben dieser Kirche totgeschwiegen wird? Ist das einfach nur, ja, Vergesslichkeit? Oder müsste man, wenn man Gottes Wort nicht mehr glauben will, im Grunde sogar von Gottesleugnung sprechen?

Das Phänomen des Todes gehört zu den größten Rätseln der Menschheit. Es ist kein Zufall, dass sich das älteste überlieferte Werk der Literatur, das mehr als 4.000 Jahre alte Gilgamesch-Epos, mit Unsterblichkeit beschäftigt. Schon die Höhlenbewohner waren dabei überzeugt, dass das, was den Menschen in seinem Wesen ausmacht, niemals verloren gehen kann. Im alten Ägypten galt der Tod keineswegs als Schlusspunkt am Ende einer Einbahnstraße, sondern als Beginn eines neuen Weges. Die Pyramiden wurden als Residenzen für die Ewigkeit gebaut, damit der Pharao auf ihren Stufen in den Himmel aufsteigen und als „Göttlichster der Götterschaft“ unter den Sternen sitzen konnte. 

Sich der Endlichkeit des Lebens bewusst sein

Den Philosophenschulen im antiken Athen wiederum galt alleine schon durch Logik erwiesen, dass zumindest die Seele nicht sterben kann. Nur das Zusammengesetzte, so wie es der Leib ist, sei vergänglich, lehrte Platon, nicht aber die Seele als etwas Geistiges und ungeteiltes Ganzes. Für Sokrates war der Schritt in den Tod gar die Erfüllung der Philosophie, weil er einem die Transzendenz des reinen Geistes und der unverhüllten Wahrheit ermöglicht. Sokrates nahm heiter den Becher mit Gift, den man ihm reichte, ganz in dem sicheren Wissen, jetzt zu „dem Besseren“ hinzugehen: ins Totenreich, dem Hades, wo er für immer mit weisen und gerechten Männern verbunden sein würde.

Aus dem Leitsatz, sich stets der Endlichkeit des Lebens bewusst zu sein, entstand der philosophische und literarische Topos des memento mori: „Bedenke, o Mensch, dass du sterben wirst!“. Der Leitspruch sollte gemahnen, moralisch richtig zu leben und sein Verhalten notfalls zu ändern, bevor es dafür zu spät sei. Das Mittelalter entwickelte die Ars moriendi, die Kunst des Sterbens. Die damals massenhaft verbreiteten „Sterbebüchlein“ verzeichneten die geistlichen Rituale, Zeremonien und Gebräuche, die notwendig waren, um gut gewappnet ins Jenseits zu gelangen, versehen mit Letzter Ölung und der Vergebung der Sünden.

Ein Zeugnis für den Jenseitsglauben früherer Generationen besitzen wir von einem der größten Genies der Menschheit, Wolfgang Amadeus Mozart. In einem Brief an seinen Vater Leopold schrieb er am 4. April 1787: „Da der Tod der wahre Endzweck unsres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht alleine nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes! – Und ich danke meinem Gott, dass er mir das Glück gegönnt hat… ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennen zu lernen.“ Mozart war zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alt.

Das Bewusstsein, dass der Mensch nicht einfach ausgelöscht wird, eint alle Weltreligionen, ob Judentum, Islam oder auch Buddhismus, wobei hier das ewige „Rad“ der Seelenwanderung gilt, jene endlose Wiederholung von Tod und Wiedergeburt, bis deren Pein dank guter Taten einmal ein Ende findet durch das völlige Erlöschen der Person in den ozeanischen Weiten des Nirvana. 

Paradies im Himmel - oder auf Erden?

Es war dann jüdischer Glaube, dass am Ende des messianischen Zeitalters die verwandelte, reine, zukünftige Welt für eine neue Menschheit kommen wird. Eine Welt, in der es keine Blinden, keine Lahmen, keine Tauben, keine Aussätzigen mehr geben wird (Jes 35,5 6). Christus freilich hat alles, was vor ihm gedacht und gelehrt wurde, radikal überhoben. Seine Botschaft: Ich bin es, ich und niemand sonst, der in den heiligen Schriften verheißen wird. Ich bin das Tor, durch das ihr da hinkommt, wonach ihr euch sehnt. Ich bin der Fährmann für die Überfahrt. Ich gebe euch das Ticket – und ich löse es ein. Wörtlich: „Ich bin gekommen, um das wahre Leben zu bringen – das Leben in seiner ganzen Fülle“ (Joh 10,10). Der Vater im Himmel habe ihm „aufgetragen, was ich sagen und reden soll. Und ich weiß, dass sein Auftrag ewiges Leben ist“ (Joh 12, 44 - 50).

Die Aussagen Christi sind von unvergleichlicher Wucht. „Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat“, stellte er sich vor die Menge, „hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen“ (Joh 5,24). „Euer Herz lasse sich nicht verwirren“, setzte er hinzu, „glaubt an Gott, und glaubt an mich! … Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.“ Er werde zurückkommen, um seine Leute zu holen, „damit auch ihr dort seid, wo ich bin“ (Joh 14, 1- 6). Christus ist der Weg, das Licht und die Wahrheit, wie er unmissverständlich klarstellte. Anders gesagt: Er ist der Weg, der in die neue Dimension führt. Er ist die Wahrheit, die über jeder Spekulation und jeder Wissenschaft erhaben ist. Und er ist das Leben, das vollendet ist. Martin Luther hat dies einmal so ausgedrückt: „Mit wem Gott ein Gespräch angefangen hat, der ist gewiss unsterblich“.

Nie zuvor wurde Größeres verheißen. „Tod, wo ist dein Stachel, wo ist dein Sieg!“, konnte Paulus übermütig rufen. Nie zuvor auch offenbarte sich das Wesen Gottes als das eines barmherzigen Vaters in dieser Deutlichkeit. „Gott ist die Liebe“, schreibt der Evangelist Johannes, Liebe ist stärker als der Tod. Der allmächtige Schöpfer des Universums übt keine Hinrichtung aus, wird hier mitgeteilt, er löst sein Geschöpf nicht auf, sondern macht es ganz. Es geht um Vollendung in zeitloser Ewigkeit, nicht um Vernichtung. Selbst das „Fleisch“, das in allen Kulturen für Vergänglichkeit und Verwesung steht, wird in der Offenbarung Christi zum „leid-enthobenen Leib“ gewandelt. Jesus selbst hat es vorgemacht. Seine Auferstehung in einem verklärten Körper ist das Zeugnis für die Heilung alles irdisch Gebrochenen, Verletzten und Zukurzgekommenen. Paulus bekräftigt: „Wenn Jesus – und das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“ (1 Thess 4, 13-18).

Dem Christentum wurde und wird vorgehalten, das Versprechen des Jenseits sei nur eine billige Vertröstung. Die Erzählung sei entwickelt worden, um die Leute von ihrer eigentlichen Aufgabe abzuhalten, dem Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Dem Paradies im Himmel setzten die Ideologen des 20. Jahrhunderts das Paradies auf Erden entgegen, dem ewigen Leben die Schaffung eines neuen Menschen, der, befreit von sittlich-religiösen Fesseln, endlich frei leben könne, selbstbestimmt und entfaltet.

Keine Vertröstung auf ein imaginäres Morgen

Joseph Ratzinger hat das Wort von der Vertröstung aufgegriffen und den Spieß umgedreht. Nicht die eschatologische, sondern die politische Utopie sei „ein Trugschluss“, erklärte er. Denn diese künftige Welt, auf die alle gemeinsam hinarbeiten müssten, „berührt uns nie selbst; sie ist immer nur für eine noch unbekannte künftige Generation da.“ Klar sei dabei: „Sie tritt nie ein.“ Eine Utopie, welche „die Hoffnung des Menschen aus seinen eigenen Kräften ohne den Glauben an Gott erfüllen will“, verkenne nicht nur die unauflösbare Unfertigkeit des Menschen, sondern auch die Dynamik der Geschichte, die eigenen Gesetzen folge. 

Die christliche Hoffnung umgekehrt sei weder eine Vertröstung auf ein imaginäres Morgen, noch die Absage an gesellschaftliches Engagement. „Dass es diese Zukunft gibt“, so Benedikt XVI., „ändert die Gegenwart.“ Wo der Glaube praktiziert werde, gestalte er das Leben schon lange vor der endgültigen Erfüllung. Er ziehe regelrecht „Zukunft in Gegenwart herein“. Wahre Hoffnung, die die Gesellschaft verändern kann, komme letztlich aus der Begegnung mit einem Gott, „der jeden Menschen liebt – bis zum Ende“. Diese Zuversicht initiiere eine Kultur, die im Zeitlichen Barmherzigkeit und gutes Handeln zum Gesetz macht und die Aussicht begründet, dass wir nicht nur Windhauch sind, ein unbedeutendes Nichts im Zeitlauf der Evolution, sondern wertvoll sind und wertvoll bleiben.

Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer,
zweifellos erleben wir in unseren Tagen im Westen einen Niedergang des Christentums, wie ihn sich nach den Erfahrungen mit den atheistischen Terrorregimes des vergangenen Jahrhunderts niemand hätte vorstellen können. Natürlich spielt der ungeheuerliche Skandal des sexuellen Missbrauchs eine Rolle, aber die Gründe für den Exodus reichen sehr viel tiefer. In der gesellschaftlichen Debatte jedenfalls ist christliche Weltanschauung immer weniger präsent. Dabei ist es beileibe nicht so, dass die Menschen von heute nichts mehr glaubten. Man könnte sogar sagen: Sie glauben einfach alles. Der Traum vom „Paradies auf Erden“ ist zwar ausgeträumt, an Stelle der bankrottgegangenen Weltbilder sind dafür neue Heilsverkündungen getreten, die breit nachgefragt werden, ob Fitness, Ernährungs-, Gesundheits- oder Gender-Lehre. Immer deutlicher wird freilich auch, welchen Preis eine rein diesseitsbezogene Gesellschaft zu bezahlen hat. Wir haben den Himmel verloren. Das ist keine Lappalie, das ist eine Katastrophe, und bestimmt nicht die kleinste von allen. 

Um einige wenige Beispiele für die Kosten zu nennen, die es uns abverlangt, das Jenseits gegen das Diesseits eingetauscht zu haben: 
Zunächst: Wenn wir den Sinn unserer Existenz ausschlließlich von der Ausbeutung von Welterfahrung herleiten müssen, bekommt unsere Lebenszeit ungeheure Bedeutung. In dieser kurzen Spanne gilt es, zugespitzt gesprochen, bloß keine Zeit zu verplempern, ja nichts zu verpassen, um aus dem bisschen Leben herauszuholen, was es herauszuholen gibt. Dieses Bewusstsein hat nicht nur Ich-Bezogenheit, Narzissmus und den ausufernden Kult um den Körper heraufbeschworen, es verstärkt auch den Tempo- und Termindruck, der auf allen Teilnehmern liegt. Und der dann wiederum unser ohnehin kurzes Leben noch kürzer erscheinen lässt. 

Sie wollen sterben und dürfen es nicht

Zweitens: Während das Leben einmal aus einer Existenz im Diesseits und einer zweiten im Jenseits bestand, also einer Lebenszeit plus X, liegt das moderne Double-your-life ausschließlich in der Optimierung der irdischen Möglichkeiten. Wenn ich die Geschwindigkeit verdopple, so das große Versprechen der Beschleunigung, bekomme ich das doppelte Pensum an Leben: doppelt so viele Reisen, doppelt so viele Filme schauen, doppelt so viele Beziehungen haben. Nicht von ungefähr bieten inzwischen fast alle Wiedergabe-Apps an, ihre Inhalte schneller abzuspielen. Auf Spotify etwa lassen sich bei 3,5-facher Beschleunigung Podcasts von einer Stunde Dauer in nur 17 Minuten durchpetschen. Der Nachteil ist: das Verfahren kostet nicht nur eine Unmenge an zeitraubender Aufmerksamkeit, sondern schafft auch den tonnenschweren Druck auf der Brust, ständig up to date sein zu müssen. Am Ende wird deutlich: Wie schnell ich auch konsumiere, ich bleibe stets unbefriedigt hinter den Angeboten eines schier unerschöpflichen Marktes zurück. 

Der Prognostiker Jeremy Rifkin fügt hier einen weiteren Gedanken an: Alles im Hier und Jetzt ausbeuten und erreichen zu müssen, habe aus dem Effizienzgedanken des Kapitalismus mit seiner hemmungslosen Ausbeutung menschlicher und ökologischer Ressourcen ein „Grundübel“ gemacht und global Probleme geschaffen, die inzwischen nicht mehr bewältigt werden können.

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Der Verlust des Himmels macht es schwer, den Tod zu akzeptieren und Trost zu finden. Um schon mal nicht zu altern verspricht eine profitable Industrie mit Anti-Aging-Cremes, -Pillen, -Drinks, und Anti-Aging-Kuren nicht nur Faltenfreiheit, sondern auch eine passable Lebensverlängerung. Weil es gilt, das Ende um jeden Preis zu verhindern, werden heute selbst Todkranke gegen ihren Willen mit Therapien behandelt, die keinerlei Nutzen bringen. Sie wollen sterben und dürfen es nicht. Einer internationalen Studie aus Sydney zufolge erhält Drittel der Patienten noch in den letzten sechs Wochen ihres Lebens eine Chemotherapie, oft auch auf Drängen der Angehörigen, obwohl nicht die geringste Aussicht auf Erfolg besteht. 

In der Hybris menschlicher Machbarkeit ist es dann nur konsequent, den Tod komplett ausschalten zu wollen. Eine neue Unsterblichkeits-Industrie arbeitet dabei mit Milliarden an Forschungsgeldern daran, durch die Umprogrammierung von Zellen den Tachometer des Alters so weit es nur geht zurückzudrehen. Oder, besser noch, durch das Hochladen des menschlichen Bewusstseins auf einen Rechner Unsterblichkeit in einem digitalen Avatar herzustellen. Ein Mensch vom Menschen. Ganz ohne Gott.

Der Ort der Läuterung und Reinigung

Niemand kann sagen, wie es im Himmel wirklich aussieht. Wenn wir nach oben blicken, sehen wir weder Jesus zur rechten seines Vaters sitzen, noch eine Spur der Milliarden von Menschen, die uns vorausgegangen sind. Der Maler Hieronymus Bosch zeigte in seinem berühmten Blick ins Jenseits zumindest die Passage, die in diesen Himmel führt. Das ikonische Bildnis mit dem Licht am Ende eines Tunnels, an dem uns ein freundlicher Himmelsbote in Empfang nimmt, entspricht interessanterweise exakt den Nahtoderlebnissen abertausender von Menschen, die den Fuß bereits in der Tür hatten. Alle bezeugen ein unbeschreibliches Empfinden von Schönheit, Liebe und Glück, so dass niemand wieder in sein vorheriges Leben zurück wollte. 

Jesus, der Gott-Mensch, der aus dem Jenseits kam, verglich das ewige Leben vornehmlich mit einem Hochzeitsmahl. Alle könnten sich glücklich schätzen, hier eingeladen zu werden. Kein Streit, keine Widersprüche, dafür vollkommene Identität, Harmonie und Erleuchtung. Die Apokalypse des Johannes fügt hinzu, Gott werde bei seinem Volk „wohnen“ und ihm „alle Tränen“ von den Augen wischen. Wörtlich: „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“

Der Himmel ist das eine, die Hölle das andere. Wie es da aussieht, lässt sich an Michelangelos riesigem Wandgemälde in der Sixtinischen Kapelle beobachten. Die gezeigten Gräuel sollten den Kardinälen bei einem Konklave verdeutlichen, was droht, wenn eine Papstwahl durch Mauscheleien entschieden wird. Neben verschiedenen Hinweisen im Alten Testament finden sich im Neuen Testament mindestens 16 Stellen, an denen von der Hölle die Rede ist. Etwa die Hälfte der Aussagen stammen aus dem Munde Jesu. „Das Tor ist weit, das ins Verderben führt“, warnt der Heiland, „und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm“ (Mt 7,13). 

Im Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus bittet der hartherzige Reiche, der für die verweigerte Mildtätigkeit in der Hölle grausame Qualen erdulden muss, man möge wenigstens seine noch lebenden Brüder vor diesem furchtbaren Ort warnen. Die Bitte wird ihm abgeschlagen. Begründung: Aus den heiligen Schriften könne ohnehin jedermann wissen, was es zu wissen gibt. Und in einer Vorausschau auf die Reaktionen, die später die Auferstehung Jesus bei vielen auslösen würde, heißt es an dieser Stelle: „Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht“ (Lk16,31).

Theologen streiten darüber, ob es sowas wie eine Hölle und ein Fegefeuer, also einen Reinigungsort, wie er in allen Weltreligionen beachtet wird, wirklich geben kann. Joseph Ratzinger, der sich intensiv mit der Eschatologie beschäftigte – ein Begriff, der übrigens auf den lutherischen Theologen Abraham Calov zurückgeht, wie ich lernen konnte –, sah im Fegefeuer keine „Art von jenseitigem Konzentrationslager“, in dem der Mensch Strafen verbüßen muss, sondern einen „von innen her notwendiger Prozess der Umwandlung des Menschen“. Der Ort der Läuterung und Reinigung sei dabei „im Letzten Christus selbst“. Die Gegenwart des Herrn werde auf alles, was im Menschen „Verflechtung in Unrecht, in den Hass und in die Lüge ist, wie eine brennende Flamme wirken. Sie wird zum reinigenden Schmerz werden, der alles das aus uns herausbrennt, was mit der Ewigkeit, mit dem lebendigen Kreislauf von Christi Liebe nicht vereinbar ist“. 

Christus selbst ist das Gericht

Auch was „Gericht“ bedeute, könne man von hier aus gut verstehen: „Christus selbst ist das Gericht, er, der die Wahrheit und die Liebe in Person ist. Er ist in diese Welt hineingetreten als ihr inneres Maß für jedes einzelne Leben. Und so wie die Hölle kein glutheißer Schreckensort unterhalb der Erde sei, sondern die „Zone der unberührbaren Einsamkeit und der verweigerten Liebe“, also „das, was wird, wenn der Mensch sich ins Eigene versperrt“, sei der Himmel kein geschichtsloser Ort über den Wolken, sondern eine Wirklichkeit, die durch die Berührung von Gott und Mensch entsteht – man nennt sie: „erfüllte Liebe“.

Wir wissen freilich auch: Die Warnung vor dem Jüngsten Gericht konnte weder die Kreuzzüge, noch den 30-jährigen Krieg oder den 1. Weltkrieg verhindern. Heute wird Putins Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine sogar vom christlich orthodoxen Patriarchen demonstrativ abgesegnet. Offenbar gab es zu allen Zeiten die Tendenz, die Warnung Christi nicht ernst zu nehmen. Und doch bleibt der Hinweis, einmal Rechenschaft ablegen zu müssen für mein Leben, mich zu verantworten, wenn mich mein Denken und Handeln zu Habsucht, Neid, zur Lüge, zu Unterdrückung, zu Lieblosigkeit oder auch zu Hass und Gewalt führten, unersetzlich. Es wäre sicherlich eine bessere Welt, würden Kriegstreibers und Missbrauchstäter sich vor Augen halten, dass sie – wie der reiche Prasser im Gleichnis Jesu – bitter für ihre Schandtaten bezahlen müssen. 

Sehr geehrte Damen und Herren,
weil wir den Tod als maximale Tragödie begreifen, haben wir ihn ausgelagert in Krankenhäuser, Sterbezimmer und Bestattungsinstitute. Der französische Historiker Philippe Aries sagte allerdings voraus, irgendwann werde sich die Öffentlichkeit ähnlich leidenschaftlich auf das Thema Sterben stürzen wie in den sechziger Jahren auf die Sexualität. Tatsächlich sind es heute vor allem die äußeren Umstände, die uns nachgerade dazu zwingen, die Frage nach der Endlichkeit alles Irdischen neu aufzurollen, und zwar dringend:

- Da ist der Schock der weltweite Corona-Pandemie mit den Millionen an Toten, der uns die Brüchigkeit unserer Existenz dramatisch vor Augen führte. Und die nächste Virus-Welle lauert vielleicht schon in der Pipeline.
- Da ist der Verlust von Sicherheiten, die sich über Nacht als trügerisch herausstellten. Etwa durch die Kriege in der Ukraine und in Nahost, durch Terroranschläge, neue Gefahren für die Demokratie und die Herausforderungen der Energie- und Versorgungskrise. 
- Beängstigend wirken vor allem die Nachrichten über die Zuspitzung der Erderwärmung. Flutkatastrophen, Stürme, Hitze und Dürre haben ein nie gekanntes Ausmaß erreicht. Wissenschaftler sprechen von einem Point of no return. Die Menschheit habe sich an einen Abgrund gebracht. Der Heimatplanet sei in seiner bisherigen Gestalt im Grunde nicht mehr zu retten. Der einst so erwartungsfrohe Blick in die Zukunft wird in unserer Epoche nicht nur von Verzagtheit und Bangigkeit abgelöst, sondern hat eine regelrechte Endzeit-Stimmung bewirkt. Die Erde hat ein Ablaufdatum, wird uns mehr und mehr bewusst. Nicht von ungefähr bezeichnet sich eine Umweltbewegung als die „Letzte Generation“ und zeigen Film und Feuilleton immer häufiger Szenarien, die nicht nur die Apokalypse, sondern schon auch das Leben in einer Welt nach der Apokalypse vorstellbar machen sollen. 

Der Glaube an den unaufhaltsamen Fortschritt hat einen Riss bekommen

Fest steht: Der Glaube an den unaufhaltsamen Fortschritt und an das menschliche Können hat einen Riss bekommen. Alles in allem beobachten wir heute eine zunehmend verunsicherte und verängstigte Gesellschaft. Sie klagt nicht nur über massenhafte physische und psychische Defekte. Was sich einmal als Krone der Schöpfung sehen konnte, empfindet sich inzwischen selbst als Bedrohung. Der Mensch, fordern Öko-Aktivisten, dürfe keine Nachkommen mehr zeugen. Schon der CO2-Fußabdruck eines einzigen Neugeborenen sei nicht mehr zu verantworten.

Mit dem Blick auf die ökologische Situation des Planeten ist inzwischen klargeworden: Ja, wir müssen auf das Ende schauen. Wir müssen vom Ende her denken, um uns des ganzen Ausmaßes unserer Lage bewusst zu werden und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Nicht weniger sollte gelten, auch das persönliche Leben von seinem Ende her zu denken. Wenn wir den Tod dann nicht mehr nur als Bedrohung und traumatischen Verlust zu betrachten lernen, verändert sich die Gesellschaft. Verändert sich die Welt. Das heißt nicht, dass alles automatisch besser wird. Aber wir bekommen ein Bewusstsein für jene existentiellen Dinge, die in der Ordnung der Schöpfung liegen. „Der Mensch braucht die Ewigkeit“, schrieb uns Papst Benedikt ins Stammbuch, „jede andere Hoffnung ist für ihn zu kurz“. Eine Gegenwart, hinter der nichts komme, lauge auch die Gegenwart aus und mache sie unerträglich. 

Sehr geehrte Damen und Herren, 
die Auferstehung Jesu Christi ist nicht Berichterstattung eines vergangenen Ereignisses, sondern zeitlos aktuell. Mit der Verkündung des ewigen Lebens besitzt das Christentum damit ein Alleinstellungsmerkmal, das den Horizont aufzeigt und, gerade in oft so hoffnungslos anmutenden Zeiten sehr konkret Zukunft eröffnet. Für die Zündkraft dieser Botschaft braucht es allerdings nicht nur die Wiederbelebung der großen Sterbe-, Todes- und Erinnerungskultur, die dem Menschen auch wirklich gerecht wird, sondern vor allem den Wechsel der Perspektive. Jesus hat es so ausgedrückt: Wandelt euch durch neues Denken. Was heißt das? Das bedeutet, mit den großartigen Möglichkeiten der spirituellen Ein-Sicht kann man eine das gesamte Universum lenkende Wirklichkeit und jene Sehnsuchtsorte erahnen, die sich erst jenseits des Tellerrandes einer rein materialistischen Betrachtungsweise auftut. 

Wir haben das Wort von William Shakespeare. „Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden“, wusste der überzeugte Christ, „als eure Gelehrsamkeit sich träumen lässt“. Dabei schließen sich Wissenschaft und Religion, Vernunft und Metphysik nicht aus. Gerade die neuere Forschung, wie etwa aus der Quantenmechanik oder der digitalen Technik, zeigt uns Möglichkeiten, geistige Prinzipien besser verstehen zu können. Ein eher kurioses Beispiel dieser Erkenntnismöglichkeit kennen wir unter einem Experiment, das unter dem Begriff „Schrödingers Katze“ bekannt wurde. Es zeigt, dass man sowohl tot sein als auch leben kann. „Ein rein verstandesmäßiges Weltbild ganz ohne Mystik“, folgerte Erwin Schrödinger, einer der Begründer der Quantenmechanik und Physik- Nobelpreisträger, „ist ein Unding“. Und wenn wir über die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz staunen, wie groß müsste dann eigentlich das Erstaunen über jene Dinge sein, zu denen eine göttliche Intelligenz imstande ist!

Altern ist keine Krankheit

Wer die Dinge dann aus dem transzendentalen und im Übrigen genuin christlichen Blickwinkel betrachtet, kann ähnlich aufregende Einsichten gewinnen, wie sie uns „Schrödingers Katze“ eröffnete. Etwa:
1.) Altern ist keine Krankheit, sondern ein Transformationsprozess zu einem Neubeginn auf einem höheren Level. 
2.) Wer im Hier und Jetzt die Augen schließt, schlägt sie in einer anderen Welt wieder auf.
3.) Christen haben die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie sind sowohl Bürger einer irdischen, als auch einer überirdischen Welt, in die sie durch das Evangelium vorbereitet werden. 
4.) Sich mit dem unvermeidbaren Lebensende zu befassen, führt nicht in die Depression, sondern hilft einen, etwas so Flüchtiges wie das Leben nicht über Gebühr ernst zu nehmen oder sich gar davon erdrücken zu lassen. 

Der leider in Vergessenheit geratene Philosoph und Theologe Ladislaus Boros hat in seinem Nachdenken über das Lebensende einmal das uralte christliche Symbol für den Tod aufgegriffen, das Bild einer Geburt. Aus der Enge des Mutterschoßes, so Boros, müsse der Mensch bei der Geburt ja das Beschützende und Gewohnte verlassen. Er wird gewissermaßen einem „Untergang“ ausgeliefert. Zugleich eröffnet sich vor ihm eine weite neue Welt, die Welt des Lichtes, der Farben, der Bedeutungen, des Mitseins und der Liebe. Im Tod geschehe ähnliches. Nur werde man hier in eine gänzlich „christusdurchsichtige Welt“ hineingeboren und vom kosmischen Christus ganz umfangen. Boros schreibt überschwänglich: „Alles ist nun da, was ich in meinem Leben je erwartet habe. Alles geht in eins, wundersam erstrahlend, alles glüht, alles schlägt wie ein einziges Herz, alles wallt und glänzt auf. Ich bin endlich daheim und umfasse das Universum, und ich tauche unter in die Quelle des Seins.“

Der ungarische Philosoph hält hier kein Plädoyer für einen frühen Tod. Er begeistert sich lediglich für die Vision einer glorreichen Zukunft, die nicht von ungefähr „Frohe Botschaft“ genannt wird.  Dietrich Bonhoeffer trieb ein ähnlicher Gedanke: „Wer wollte auch von Gott reden, ohne zu hoffen, ihn einmal zu schauen“, so der von den Nazis ermordete Theologe. „Wer wollte von Frieden und von der Liebe unter den Menschen reden, ohne sie einmal in Ewigkeit erleben zu wollen? “

Zusammenfassend lässt sich sagen: Es gibt nach christlicher Lehre ein Leben vor dem Tod. Und es gibt ein Leben nach dem Tod. Wenn die Zeit aufhört, beginnt die Ewigkeit. Und wenn Gott der „Liebhaber des Lebens“ ist, wie es das biblische „Buch der Weisheit“ bezeugt (Weish 11,26), ist er der „Liebhaber“ beider Leben. Zur Wahrheit gehört eben auch, dass der Tod uns zeigt, wie unendlich wertvoll bereits das Leben hier auf Erden ist. Ist es nicht so: Sobald wir an das Ende denken, spüren wir die Großartigkeit unserer Existenz, wird uns wieder bewusst, wie wunderschön und aufregend es ist, das Geschenk des Lebens leben zu dürfen. Und das – bitte – noch so lange wie es nur irgendwie geht.

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