Katholikentag

Aufruf zum Ungehorsam

Auf dem Katholikentag wird deutsch geredet, nicht aber über die Wortführer des Synodalen Wegs.
Teilnehmer des Katholikentages traten für grundlegende Veränderungen in der Kirche ein
Foto: Marijan Murat (dpa) | Wie noch nie traten Teilnehmer des Katholikentages für grundlegende Veränderungen in der Kirche ein.

Stille empfängt den Besucher im Haus der Deutschen Wirtschaft. Der Stuttgarter Katholikentag ist anders als seine Vorgänger. Weit und breit kein Schild „Saal überfüllt“, keine schwatzenden Schulklassen, keine Singkreise mit Gitarre in der Fußgängerzone. Im Pressezentrum stehen die meisten Tische unbenutzt herum. Selbst die knallorange gewandete Margot Käßmann füllt keine Halle mehr. Etliche Plätze bleiben während ihrer Bibelarbeit über das alttestamentliche Loblied der Hanna frei. Das Programm quillt über: „Wir sind Kirche“ und Aktivisten für und gegen fast alles sind dabei.

Grenzverletzungen, Übergriffe und Missbrauch

In der halbvollen König-Karl-Halle debattieren der scheidende Missbrauchsbeauftragte der deutschen Bischöfe, der Trierer Oberhirte Stefan Ackermann, mit Lars Castellucci, religionspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, die ehemalige österreichische Politikerin Waltraud Klasnic, Robert Köhler vom Verein Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer und Pater Klaus Mertes SJ, vormaliger Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, über die Aufarbeitung der Missbrauchskrise.

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Mertes warnte vor einer Entgrenzung des Missbrauchsbegriffs innerhalb der kirchlichen Debatte um Missbrauchsfälle. Dies sei für die Präventionsarbeit wichtig. Wörtlich sagte Pater Mertes auf dem Stuttgarter Katholikentag: „Wenn jeder Übergriff  eines Lehrers oder einer Lehrerin schon als Missbrauch konnotiert wird, sind die Dinge fast nicht mehr ansprechbar.“ Zu einem Missbrauch gehöre immer das Machtgefälle und die Systematik und die bewusste Zielsetzung. Es müsse unterschieden werden zwischen Grenzverletzungen, Übergriffen und Missbrauch, damit überhaupt die Bereitschaft entstehe, auch in den Gemeinden über das Thema zu sprechen.

Schweigespirale um Bischof Bätzing

Castelucci ist zwar kein Freund von im Auftrag der Kirche erarbeiteten Missbrauchsgutachten, stärkt den Katholiken aber den Rücken: „Wir brauchen die Kirche.“ Sie tue einen Dienst an der Gesellschaft, zumal „die anderen gar keine Aufarbeitung machen“. Die Stiftung des Münchner Kardinals Reinhard Marx für Missbrauchsopfer hat ihn nicht überzeugt. Die 500 000 Euro Stiftungskapitel wären aus Sicht Casteluccis besser in eine Unabhängige Organisation für die Opfer investiert worden. Zugleich plädiert er für Verbindlichkeit und „klare Vorgaben“ in der Missbrauchsaufarbeitung, auch in Form von Berichten unabhängiger Stellen an den Bundestag, um „dann sagen zu können: Es ist irgendwann mal abgeschlossen“.

Viel Applaus für Casteluccis Kritik an Kardinal Marx zeigt, dass er einen Nerv im Saal getroffen hat. Moderatorin Verena Wodtke-Werner bemüht sich, das Publikum zu disziplinieren. Als eine Frage zu Bischof Bätzings umstrittener Verteidigung seiner Beförderung eines übergriffigen Limburger Diözesangeistlichen gestellt wird, rügt sie den unbotmäßigen Fragesteller, sie halte es für „nicht zuträglich“, dazu etwas zu sagen, solange Bischof Bätzing sich dazu nicht habe äußern können. „Das ist für mich spekulativ.“ Erst nachdem ihr die Meldung des Kölner Domradios vom Vortag vorgelegt wird, aus der das Gegenteil hervorgeht, rudert sie zurück. Die Schweigespirale um den Vorsitzenden funktioniert. Castelucci antwortet ausweichend, seine Mitstreiter gar nicht.

Viel Reformrhetorik und eine Hoffnung, die man nit teilen kann

Auf dem Podium über die Leitlinien für eine kirchliche Verfassung wird deutsch gesprochen. Die Veranstaltung erinnert an eine Auseinandersetzung zwischen Realos und Fundis bei einem Parteitag der Grünen. Claudia Lücking-Michel vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken muss sich beim Schlagabtausch mit Pfarrer Helmut Schüller, dem Theologen Hermann Häring, dem Tübinger Kirchenrechtler Bernhard Anuth und Sigrid Grabmeyer von der Initiative „Wir sind Kirche“ den Zahn ziehen lassen, es gehe heute noch um die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Häring kritisiert die Konzilsbeschlüsse als „höchst zwiespältig“ und voller Kompromisse. Anuth hadert mit dem ZdK, weil es seine Teilnahme beim Synodalen Weg nicht von verbindlichen Beschlüssen abhängig gemacht habe. Die deutschen Bischöfe „können in allen zentralen Fragen ohnehin nichts entscheiden“. Alle Themen des Synodalen Wegs seien „universalkirchlich reserviert“. Er sieht viel „Reformrhetorik und Hoffnung, die ich aus meinem nüchternen kanonistischen Blickwinkel nicht teilen kann“.

Veränderungen gehen von Deutschland aus

Eine Vertreterin von Maria 2.0 gibt bei der Fragerunde des Publikums zu bedenken, dass derzeit kein Bischof schlechte Presse haben wolle. Deswegen müsse man zum Ungehorsam aufrufen. Angesichts der spürbaren Dynamik im Saal lässt sich Claudia Lücking-Michel nicht lange bitten. Sie erwarte, dass die deutschen Bischöfe in Rom für die Voten der Synodalversammlung kämpften. Das Argument, der deutsche Weg spalte die Weltkirche, lässt sie nicht gelten. „Wer ist die Weltkirche?“, ruft die Sechzigjährige unter Applaus in den Saal. Selbst wenn manche Positionen der Synodalmehrheit woanders „noch nicht“ mitgetragen werden, solle „uns das nicht davon abhalten, deutlich zu machen, was in Deutschland gedacht, gewünscht und gefordert wird!“

Sie ist zuversichtlich, dass von Deutschland Veränderungen ausgehen: „Wir werden das Lehramt bewegen, wir werden die Kirchenrechtssituation ändern. Wir brauchen das nächste Konzil; wir brauchen grundstürzende Veränderungen.“ Als Vorbild verweist sie auf die Liturgische Bewegung, die nicht auf die römische Erlaubnis gewartet habe, Liturgien in deutscher Sprache zu feiern, sondern Fakten geschaffen habe. Sigrid Grabmeyer von „Wir sind Kirche“ ist weiter: „Wenn wir untereinander feiern, brauchen wir kein Amt“, stellt sie beim Podium „Aufbrechen statt Aussteigen“ in ihrer Rolle der Vertreterin des Kirchenvolks entspannt fest. Im gastgebenden Bistum Rottenburg-Stuttgart sieht man den Synodalen Weg als „Experiment“. Weihbischof Matthäus Karrer erklärt Widerstände gegen den deutschen Kurs in den Reihen der Bischöfe biografisch: Bei Mitbrüdern, die aus der Priesterausbildung oder aus dem „akademischen Lehramt“ kämen, erlebe er einen „Kulturschock“.

Kritik an Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

Immerhin schwelgt Karrer in Herrschaftswissen: Die offenen Briefe, in denen Bischöfe Bedenken am Synodalen Weg in Deutschland äußerten, seien doch „nur ein kleines Spiegelbild dessen, was weltweit in der Diskussion ist“. Er selbst hat „den Schuss gehört“ und kommentiert das Denken andersdenkender Mitbrüder: „Wenn ich der Theologie der ,societas perfecta‘ mit platonischer Aufladung folge, derzufolge Kirche eine heilige Organisation ist, die sich nie mit dieser Welt gemein machen darf – da können Sie schießen soviel Sie wollen, sie werden es nicht hören!“

Der 53-Jährige spart nicht mit Schuldzuweisungen an den heiligen Johannes Paul II. und den emeritierten Papst Benedikt, deren Pontifikate er mit dem oben skizzierten Kirchenbild gleichsetzt. Letzteres sei für die politischen Veränderungen, die Johannes Paul II. angestoßen habe, „vielleicht richtig gewesen, für die kirchliche Entwicklung aber absolut schädlich“, erklärt er unter Applaus.

Nun soll alles anders werden. Am 24. September fordert die Initiative „Konzil von unten“ im Bistum Rottenburg-Stuttgart bei einem Aktionstag, an dem sich der BDKJ, der Katholische Deutsche Frauenbund und Maria 2.0 beteiligen, „Zugang zu Weiheämtern für alle Geschlechter“, „Neubestimmung der Rolle des Papstes in ökumenischer Gesinnung“, „Vielfalt in der Einheit statt römischem Zentralismus“.

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