Augsburg

Bertram Meier: "Umkehr ist nicht irgendein Richtungswechsel"

Anbetung ist zentraler Baustein von Evangelisierung. Bischof Bertram Meier warnt vor überstürzten Reformen. Auch die Strukturen der Kirche haben eine Vorgabe.
Eine Zeremonie in der Kirche zur Ausgabe der Monstranz
Foto: Adobe Stock/ Winnik_Krzysztof

Exzellenz, spätestens durch die Offenen Briefe des Vorsitzenden der Polnischen Bischofskonferenz und der Nordischen Bischöfe hat man den Eindruck bekommen, es gebe verschiedene Vorstellungen von Evangelisierung innerhalb der katholischen Kirche. In Deutschland wird behauptet, schon Strukturveränderungen seien ein Akt der Evangelisierung. Andernorts ist die Tradition und Lehre der katholischen Kirche aus der Verkündigung nicht wegzudenken.

Wie sehen Sie das?

Es ist immer schwierig, Struktur gegen Geist zu stellen, denn mit der Inkarnation hat Jesus selbst gezeigt, dass es nicht nur den Geist braucht, sondern dass auch das Wort einen Leib braucht. Das Wort ist Fleisch geworden. So ist es auch mit der Kirche. Sie kann nicht nur eine reine Geisteswelt sein, sondern sie braucht Strukturen. Wir müssen gut unterscheiden zwischen Vorgabe und Aufgabe.

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Was ergibt sich daraus?

Wir haben auch für die Kirchenstrukturen eine Vorgabe, die uns Jesus in Gottes Namen gesteckt hat. Wir haben die Aufgabe, innerhalb dieses Rahmens Dienste und Ämter auszugestalten und zu schauen, dass der Leib Christi Gemeinschaft communio ist, aber auch hierarchische Gemeinschaft. Nur Gemeinschaft ist zu wenig. Sowohl in der Dogmatik als im Kirchenrecht heißt es immer: Communio hierarchica. Das ist für mich die Grundlage der Evangelisierung. Wir müssen deswegen für Strukturen sorgen, die es uns ermöglichen, den Menschen das Evangelium glaubwürdig anzubieten. Wer jetzt sagt: "Wir ändern die Strukturen und bauen das System Kirche vollkommen um, so als ob man wie in der Politik keinen Stein auf dem anderen lassen könnte, dem sage ich: Das geht nicht."

Was wäre stattdessen dran?

Die Vorgabe mündet in die Aufgabe, die Strukturen so zu kanalisieren, dass das Evangelium wieder besser an die Menschen kommen kann. Deshalb ist Struktur und Evangelisierung für mich kein Gegensatz. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Konkret gesagt heißt das: Es gibt die Meinung, die Antwort auf den Missbrauchsskandal sei der Synodale Weg. Natürlich steht die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals an. Das ist eine Antwort, aber die ist nicht monokausal, sonst kämen wir in holzschnittartige Argumentationen. Wir haben den Missbrauchsskandal, den können wir aber nicht einfach abschalten, so wie ich einen Lichtschalter umlege. In diesem Zusammenhang ist für mich der Begriff der Umkehr zu Jesus wichtig. Umkehr ist nicht irgendein Richtungswechsel, sondern eine positive Hinkehr zu Jesus Christus und zu seinem Evangelium.

"Die konsekrierte Hostie ist kein Gegenstand,
sondern Jesus ist persönlich anwesend."

Wie handhaben Sie das im Bistum Augsburg?

Ich versuche im eigenen Bistum, den Missbrauchsskandal nicht nur aufzuklären, sondern auch aufzuarbeiten. Mein Hauptaugenmerk liegt aber darauf, Kanäle anzuzapfen, damit das Evangelium Jesu Christi zu den Menschen kommt. Mir ist wichtig, dass wir als Katholiken unser ganz normales "Programm" nicht nur abwickeln, sondern mit Leben erfüllen. Das Kirchenjahr soll nicht nur im Kalender abgehakt, sondern mit Freude gefeiert werden gerade nach der Corona-Pandemie, in der wir so gern von Start-ups gesprochen haben. Ich freue mich jetzt schon auf die Karwoche und die Osterzeit. Denn wenn jetzt keine pandemischen Krisen mehr auftauchen, wird in diesem Jahr vieles wieder möglich sein. Gehen wir wieder raus! Gerade wir Katholiken können durch viele Symbolhandlungen und Riten zeigen, an wen wir mit Freude glauben. Bitte kein Notprogramm!

Haben Sie weitere Vorschläge?

Ja, wichtig ist mir auch eine Vertiefung der Bibelarbeit. Aufgrund meiner Visitationen im Bistum kann ich sagen: Die Bibelarbeit ist ausbaufähig. Bibelkreise sind sehr selten geworden. Und: Am 20. März werden die Pfarrgemeinderäte in den bayerischen Diözesen neu gewählt. Bei den Ausschüssen kann es nicht nur darum gehen, dass der Laden läuft. Vielleicht braucht gar nicht mehr so viel zu laufen technisch und organisatorisch. Dafür könnten wir statt in die Breite mehr in die spirituelle Tiefe gehen. Da haben wir Schätze, nicht nur an Texten, sondern an Menschen. Wichtig ist mir auch die Jugendarbeit. Neben Aktionstagen soll es auch Gebetstage geben. Die sakramentale Anbetung ist ganz wichtig, etwa bei den Abenden der Versöhnung. Es geht dabei auch um eine Lebenshaltung. Kreise ich nur um mich als Christ, als Gemeinde, als Ortskirche? Oder setze ich den Allerheiligsten aus? Die konsekrierte Hostie ist kein Gegenstand, sondern Jesus ist persönlich anwesend.

Welches Papstwort bewegt Sie in diesem Zusammenhang?

Ich denke an das Wort aus der Enzyklika "Redemptor hominis" von Papst Johannes Paul II.: "Der Weg der Kirche ist der Mensch." Und das heißt: Der Weg Gottes zu den Menschen ist der Mensch. Die Kirche soll wieder stark werden in puncto Menschlichkeit. Das "humanum" müssen wir großschreiben. Wenn nun manchmal gesagt wird, man müsse die Kirche in und mit der Welt erneuern, dann füge ich hinzu: In, mit, aber auch gegen die Welt. In einer Frühschrift des Christentums, dem Brief an Diognet aus dem dritten Jahrhundert, wird beschrieben, dass der Christ in der Welt ist und mit der Welt lebt, aber er muss sich auch gegen die Welt stellen. Auch das ist Evangelium. Das ist ein Regierungsprogramm für die Alternativgesellschaft Jesu.

"Wie bei der Ökumene ist auch das Gebet
das Herz und die Seele der Evangelisierung."

Könnten Sie ein Beispiel für gelungene Neuevangelisierung nennen?

Wir haben eine eigene Abteilung für Evangelisierung im Ordinariat. Evangelisierung ist für mich eine große Querschnittsaufgabe. Da läuft viel. Wir haben einen sehr fröhlichen Priester als Leiter, der vorher Pfarrer war, und multiprofessionelle Mitarbeiter von der Ordensschwester bis zu Ehrenamtlichen. Zweimal im Jahr bieten wir Missionarische Wochen an, bei denen auch junge Leute in die Gemeinden gehen und Glaubensgespräche führen. Wir haben einen eigenen Studientag gehabt, bei dem vor allem Evangelisierung und Gebet zusammengekommen sind. Außerdem gibt es Alpha- und Beta-Kurse. Evangelisierung ist für mich keine Methode. Als Bischof möchte ich nicht ein Programm auflegen nach der Maxime: "Jetzt evangelisieren wir das Bistum Augsburg durch." Das geht nicht. Wie bei der Ökumene ist auch das Gebet das Herz und die Seele der Evangelisierung.

Wie sieht Evangelisierung gerade in der Fastenzeit aus?

Auch die Kirche selber muss sich bekehren. Am Aschermittwoch beten wir: "Bekehre uns, vergib die Sünde." Von daher ist die Beichte sehr wichtig. Die Kompassnadel des Weges muss auf Jesus Christus ausgerichtet sein. "Die Wahrheit ist symphonisch", hat Hans Urs von Balthasar einmal gesagt, aber wir dürfen nicht viele Ansprüche der Welt befriedigen wollen und den Herrn aus den Augen verlieren. Bei aller Offenheit dürfen wir nicht profillos werden.

Was bedeutet das für die Reformdebatte in der Kirche?

Wir müssen sorgfältig unterscheiden zwischen Schale und Kern. Wer bei Reformen an den Kern geht, kann nachher die Frucht nicht mehr genießen. Beispiel Frauendebatte: Da lässt sich vieles auch ohne Weiheamt machen. Ich selbst habe viele Frauen in wichtige Positionen der Diözese geholt: Eine Amtsleiterin leitet das Bischofshaus. Eine Pastoralreferentin leitet das Seelsorgeamt. Ich selbst lasse mich auch von Frauen beraten. Die Frauenfrage muss innerhalb der dogmatischen Vorgaben behandelt werden. Für mich ist das eine Ordosakrament in den drei Graden an das gebunden, was in "Ordinatio sacerdotalis" steht.

Mehr zum Studientag über das Gebet in Augsburg:

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