Augsburger Bischof im Gespräch

„Ukrainische Katholiken in einer Art Sandwichposition“

Der Vorsitzende der Kommission Weltkirche, Bischof Bertram Meier, befürwortet im Tagespost-Interview eine Weihe Russlands und der Ukraine an die Gottesmutter.
Augsburger Bischof Meier zum Krieg in der Ukraine
Foto: Nicolas Armer (dpa) | "Der Papst ist selbst in die Stadt Rom gefahren und hat die Botschaft Russlands beim Heiligen Stuhl besucht und um einen Waffenstillstand gebeten", so Bischof Meier. Das sei kein alltäglicher Vorgang.

Exzellenz, Augsburg gilt als die „russischste“ Stadt Bayerns wegen des überdurchschnittlichen Bevölkerungsanteils aus den ehemaligen GUS-Staaten. Wirkt sich der Konflikt auch in der Stadt aus?

Bis jetzt ist alles sehr ruhig. Augsburg ist eine Friedensstadt. Es gab eine große Demonstration und Friedensgebete; daran haben auch Politiker und Vertreter der Kirchen teilgenommen. Neben der russischen Community haben wir auch viele Ukrainer im Bistum. Ein Zentrum ist beispielsweise Neu-Ulm, wo ich als Pfarrer tätig war. Aber von großen Spannungen kann ich nicht sprechen. Auch der russisch-orthodoxe Priester, der Mitglied am Runden Tisch der Religionen in Augsburg ist, ist sehr integriert in der Stadtgesellschaft. Im Moment steht die Stadtgesellschaft zusammen – ich hoffe, es bleibt so.

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Wie reagieren die Menschen in Ihrer Umgebung auf den Konflikt?

Wir haben derzeit die sehr emotionalen, kurzfristigen Aktionen: Sachspenden und eine sehr hohe Spendenbereitschaft. Es sind Pfarrsäle zur Verfügung gestellt worden und Wohnungen der Caritas. Ich hoffe, dass sich diese Solidarität nach der ersten Welle verstetigt.

Bischöfe wie Anton Koschau von Chisinau in der Republik Moldau befürchten, dass es nach der Ukraine zu neuen Flüchtlingsströmen kommt. Bekommen Sie als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der deutschen Bischöfe Anfragen nach Unterstützung?

"Wir beten für alle, die unter diesem Krieg leiden,
für die Mütter und Väter der Soldaten und für die Flüchtlinge"

Ja, wir werden um Hilfe gebeten, die aber nicht mit heißer Nadel gestrickt sein soll. Die erste Hilfe auf den SOS-Ruf ist das Gebet um den Frieden und die leibliche Unversehrtheit der Zivilbevölkerung. Das finde ich gut. Es geht vor allem um eine ökumenische Gebetsgemeinschaft. Wir beten für alle, die unter diesem Krieg leiden, für die Mütter und Väter der Soldaten und für die Flüchtlinge. Es ist nicht so, dass die Bischöfe um Geldspenden bäten. Da besteht ein großer Unterschied zur Tsunamikatastrophe im Jahr 2004. Damals kam bei den Sternsingern soviel Geld zusammen, dass wir versuchen mussten, diese Gelder auch mit rechtlichen Klimmzügen in der Katastrophenhilfe auf andere Hilfswerke zu verteilen. Die Solidargemeinschaft kommt, was die Bitte um Gelder angeht, derzeit gar nicht unter Druck. Im Gegenteil: Mancher ukrainische Bischof sagt mir: „Gemach. Wir hoffen, dass der Krieg möglichst rasch zu Ende geht. Dann helft uns bitte beim Wiederaufbau“.

Hat der Krieg Ihre Pläne beeinflusst?

Ja, ich wäre im Frühsommer nach Lemberg gefahren, um dort den Grundstein für eine Kirche der Lateiner von Erzbischof Mokrzycki zu legen. Er war früher zweiter Sekretär bei Papst Johannes Paul II. Die Grundsteinlegung ist noch nicht abgesagt; ich hoffe, dass die Kirche gebaut werden kann. Dafür hat die Diözese Augsburg viel getan. Ich bin in engster Verbindung mit dem Apostolischen Exarchen für die Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland und Skandinavien, Bischof Bohdan Dzyurakh, CSsR. Er hat früher in Kiew gearbeitet und sagt: „Erst müssen wir aus dem Krieg herauskommen“ Auch er bittet um Gebet. Durch Kontaktpflege zeigen wir, dass wir eine christliche Familie sind. Dann ist die finanzielle und materielle Hilfe dran.

Stichwort Ökumene: Der Krieg scheint einen Keil in die Orthodoxie zu treiben. Wie wirkt sich der Krieg auf die Ökumene aus?

"Man befürchtet vor allem, dass die zum Moskauer
Patriarchat gehörenden orthodoxen Gläubigen,
sollte Putin siegen, am Ende noch stärker gemacht werden"

Die Ukraine ist ohnehin eine komplizierte Landschaft, was die Orthodoxie anbelangt. Und das nicht nur, weil sich der der Moskauer Patriarch nie von Putin und dem Angriffskrieg distanziert hat. Die orthodoxen Christen bilden die große Mehrheit in der Ukraine. Es gibt nur wenige Protestanten, bei den Katholiken gibt es Lateiner, vor allem im Westen des Landes, und die Griechisch-katholischen. Nach allem, was ich erfahre, herrschte schon vor dem Krieg die Angst, dass sich die Mitglieder der katholischen Kirche, sowohl Lateiner als auch Griechisch-katholische, am Ende in einer Art Sandwichposition zwischen den beiden orthodoxen Kirchen wiederfinden. Man befürchtet vor allem, dass die zum Moskauer Patriarchat gehörenden orthodoxen Gläubigen, sollte Putin siegen, am Ende noch stärker gemacht werden.

Die römisch-katholischen Bischöfe der Ukraine haben den Heiligen Vater gebeten, sowohl die Ukraine als auch Russland dem Unbefleckten Herzen Mariens zu weihen. Würden Sie das unterstützen?

Ja, das kann ich nur unterstreichen. Auch das ist ein Brückenschlag der Ökumene, auch zur Orthodoxie. Denn die Muttergottes als Mutter der Kirche und Mutter der Länder in Osteuropa ist eine Brückenheilige für alle. Gerade in der Orthodoxie sind viele Christusikonen auch Marienikonen, zum Beispiel die berühmte Ikone, bei der die Mutter Gottes in der Orantenhaltung gezeigt wird und in ihrem Leib Christus leuchtet. Der Betrachter denkt dabei an das Wort aus dem Galaterbrief: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Wenn das ökumenisches Programm für alle Christen würde, wäre eine Brücke des Friedens gebaut.

Könnte ein flammender Appell des Papstes etwas Positives bewirken?

Flammende Appelle haben es an sich, Schlagzeilen zu machen. Denken wir an die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937). Was hat sie letztlich gebracht? Papier ist geduldig. In der Diplomatie gilt immer der Grundsatz: „Offene Gespräche sind meistens das Gegenteil von öffentlichen Gesprächen“. Die Vatikandiplomatie ist nicht passiv. Der Papst selbst tut viel, auch wenn nicht das nicht in der Öffentlichkeit gesehen wird. Drei Akzente, die Papst Franziskus gesetzt hat, möchte ich nennen: Der Papst ist selbst in die Stadt Rom gefahren und hat die Botschaft Russlands beim Heiligen Stuhl besucht und um einen Waffenstillstand gebeten. Das ist kein alltäglicher Vorgang. Daran sieht man: Der Papst geht Russland entgegen. Er hat hier einen Akt der Demut gesetzt. Er kann derzeit nicht selbst in die Ukraine reisen und die Einladung der Klitschko-Brüder annehmen. Doch er hat zwei renommierte Kurienkardinäle als Brückenbauer in die Ukraine geschickt: Kardinal Konrad Krajewski (58) und Kardinal Michael Czerny SJ (75). Drittens hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin angeboten, dass der Heilige Stuhl als Vermittler aktiv werden könne. Das ist mutig.

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