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Friede als „Ruhe der Ordnung“

Was meinten die Engel, als sie den Hirten ihren berühmten Friedensgruß zuriefen? Bei Augustinus und Thomas von Aquin finden sich Antworten, die auch in Zeiten des Krieges überzeugen.
Das Königreich des Friedens
Foto: Wikimedia Commons (https://www.nga.gov) | Der US-amerikanische Künstler Edward Hick ließ sich von der Friedensvision des Propheten Jesaja zu seinem Werk "Das Königreich des Friedens" (ca. 1834, National Gallery of Art, Washington, D.C.) inspirieren.

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“, riefen die weihnachtlichen Engel den Hirten einst zu. Angesichts der weltweit und auch wieder in Europa tobenden Kriege kann man sich die Frage stellen, ob dieser himmlische Friedensgruß heute noch Gültigkeit besitzt – und damit: Wer sich zu den Menschen des göttlichen Wohlgefallens zählen darf. Von welcher Art Frieden spricht die Heilige Schrift hier und wie ist dieser Friede mit der Existenz kriegerischer Auseinandersetzungen vereinbar?

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Glücklicherweise haben die beiden wohl größten Theologen der Geschichte – der heilige Augustinus und der heilige Thomas von Aquin – nicht nur über die Frage des „gerechten Krieges“ nachgedacht, sondern diese Überlegung zugleich auch eingebettet in eine umfassende Theologie des Friedens. Schon die heidnischen Philosophen, beispielsweise Platon und Aristoteles, sahen im Krieg höchstens ein unter Umständen notwendiges Mittel zur Wiederherstellung eines stabilen Friedenszustandes. Nicht der Krieg, sondern nur der Frieden war für sie ein Selbstzweck des menschlichen Strebens. Diesen Gedanken griff Augustinus auf und bettete ihn in einen weiteren, theologischen Kontext ein. Der allmächtige und vollkommen gute Schöpfergott ist für Augustinus der „Friedenswart über das ganze Weltall“. Das bedeutet, dass der gesamten Schöpfung ein Streben nach Frieden innewohnt. Dieser Friede ist dabei aber mehr als das Schweigen der Waffen.

Das Friedensprinzip wirkt universell

Der augustinische Begriff des Friedens ist viel weiter gefasst und besteht in einem harmonischen Zusammenstimmen und Zusammenruhen der Teile eines Ganzen sowie jedes Einzelnen mit seiner Umwelt. Die Welt ist auf Frieden hin geschaffen, was so viel bedeutet wie: Was Gott in ihr angelegt hat, ist ein harmonisch-zweckgerichtetes Zusammenstimmen aller Dinge. Augustinus erkennt diese friedensträchtige Harmonie selbst noch in Verfallsprozessen, etwa in der Verwesung eines Leichnams: Wenn man dem Leib keine Begräbnispflege zuwende, sondern ihn dem Lauf der Natur überlasse, so sei „er zwar gleichsam in Aufruhr, der sich in fremdartigen und unserem Geruchssinn widerlichen Ausdünstungen äußert (ich meine den Geruch der Fäulnis), aber doch nur so lange, bis er sich den Elementen der Welt anpasst und nach und nach, Stück für Stück, in Frieden mit ihnen eintritt.“ Was auch geschehe, wie die Dinge sich auch verwandelten, stets gälten „die gleichen über das All hin verbreiteten Gesetze, die zum Wohlergehen einer jeden Art vergänglicher Wesen Gleiches bei Gleichem zum Frieden bringen.“

Aus diesen Überlegungen folgt, dass sogar im Rahmen eines ungerechten Krieges – der ein moralisches Übel darstellt – noch das universelle Friedensprinzip des Schöpfers wirkt: „Selbst das Wüten des Krieges und überhaupt alle Unruhe, die sich die Menschen machen, zielt“, so Augustinus im „Gottesstaat“, „auf den Frieden, ja es gibt kein Wesen, das nicht nach ihm strebte.“ Selbst derjenige, der ohne moralische Rechtfertigung einen Krieg beginnt oder ihn auf ungerechte Art und Weise führt, wolle am Ende doch vor allem eines: siegen. Mit dem Sieg aber ende auch der Krieg.

Der gerechte Krieg rückt die Friedensordnung zurecht

Damit möchte Augustinus freilich keineswegs ungerechte Kriege rechtfertigen. Es geht ihm vielmehr darum, aufzuzeigen, dass der göttliche Friede das wahre Seins- und Ordnungsprinzip des Universums darstellt, und zwar selbst dann, wenn der von Rachsucht, Habgier oder Herrschsucht motivierte Kriegstreiber gegen dieses Prinzip verstößt. Zu kritisieren sind mit Augustinus jene, die ungerechte Kriege vom Zaun brechen, gerade dafür, dass sie einen falschen, ungerechten Frieden anstreben. Die Gerechtigkeit eines Friedens misst sich daran, ob und inwiefern er die gerechte Ordnung Gottes widerspiegelt, die vor allem zwei Aspekte umfasst, die auch noch aufeinander bezogen sind: erstens die „Gleichheit mit dem Nebenmenschen“ und zweitens „die Unterordnung unter Gott“, zusammengenommen eben die „Gleichheit mit dem Nebenmenschen in der Unterordnung unter Gott“.

Diese Gleichheit der Menschen wird missachtet, wenn ein Herrscher oder Staat „dem Nebenmenschen seine Herrschaft an Stelle Gottes aufdrängen“ will. In diesem Fall wird die falsche Selbstliebe des Aggressors und sein Streben nach einem „ungerechten Eigenfrieden“ an die Stelle der wahren Liebe zur göttlichen Friedensordnung gesetzt. Der ungerechte Friede enthält so eine ungelöste Spannung, die gerade nach Lösung in und durch einen gerechten Frieden strebt. Augustinus führt hier das Bild eines mit dem Kopf nach unten hängenden Menschen an, in dem alles danach strebt, wieder die richtige Stellung und Ordnung herzustellen. Daher ist es in besonderen Fällen auch gerechtfertigt, dass Christen Krieg führen: Der gerechte Krieg beschränkt sich dabei darauf, die auf den Kopf gestellte Friedensordnung wieder zurechtzurücken.

Frieden und Liebe

Kein anderer Theologe hat den heiligen Thomas von Aquin in seinem Nachdenken über Krieg und Frieden so beeinflusst wie der heilige Augustinus. So stehen auch die berühmten kriegsethischen Ausführungen des Thomas aus der „Summe der Theologie“ im Kontext einer übergreifenden Friedensethik. Der Krieg ist für Thomas ein Übel, weil er gegen das Gut des Friedens verstößt, der Friede aber wiederum steht für den Kirchenlehrer im inneren Zusammenhang mit der übernatürlichen, göttlichen Tugend der Liebe (caritas). Der Friede ist für Thomas nämlich zwar selbst keine Tugend, aber – neben Freude (gaudium) und Mitleid (misericordia) – eine von drei inneren Wirkungen der Tugend der Liebe.

Wie schon bei Augustinus ist auch für Thomas der wahre Friede mehr als Abwesenheit kriegerischer Handlungen, ja er ist sogar mehr als bloße Eintracht (concordia). Eintracht besteht nämlich da, wo die Herzen mindestens zweier Menschen zusammenstimmen. Dieses Zusammenstimmen kann sich dabei aber auch auf Böses beziehen, etwa wenn sich zwei Verbrecher in Eintracht zusammentun, um einen Raub zu begehen. Daher muss zur Eintracht nach Thomas noch etwas Weiteres hinzukommen, nämlich die seelische Wohlgeordnetheit. Die „verschiedenen Strebekräfte“ – sprich: die Begierden, Motive und Interessen – eines Menschen müssen in seinem Inneren ein harmonisches Ganzes bilden. Jeder Aspekt der Seele muss das ihm angemessene Gewicht und den richtigen Ort in der seelischen Hierarchie erhalten. Entscheidend ist dabei, dass Gott an der Spitze dieser Hierarchie steht, indem er als das ultimative Ziel und Gut erstrebt wird. Nur auf diese Weise stellt sich ein, was Thomas im Anschluss an Augustinus als „tranquillitas ordinis“, als die „Ruhe der Ordnung“, bezeichnet. Es ist diese innere Ruhe durch die rechte Ordnung der Seele, die den eigentlichen Kern des Friedens ausmacht. Aus dieser inneren, gottgefälligen Eintracht der Seele fließt dann auch die richtige äußere Eintracht mit den Mitmenschen.

Menschenliebe aus Gottesliebe

Der innere Friede und die Eintracht mit den Mitmenschen sind beides Wirkungen der göttlichen Tugend der Liebe und verhalten sich zueinander wie die Gottes- und Menschenliebe: Nur wer Gott, der das höchste Gut, ja das Gute schlechthin ist, mit seinem „ganzen Herzen“ und seiner „ganzen Seele“, mit seiner „ganzen Kraft“ und seinem „ganzen Denken“ liebt (Lk 10,27), wird es vermögen, die richtige seelische Ordnung in sich zu etablieren. Die Eintracht mit den Mitmenschen wiederum folgt aus dieser rechten, gottbezogenen Seelenordnung – ganz so, wie die Menschenliebe aus der Gottesliebe folgt.

Es ist wohl dieser in der göttlichen Liebe begründete, das Innere und Äußere des Menschen umfassende Friede, den die Engel in der hochheiligen Nacht der Geburt Gottes den Hirten verheißen haben. Mittelbar aber sind alle Menschen des göttlichen Wohlgefallens gemeint, also all jene, bei denen sich die Liebe zu Gott im wahren Frieden mit sich und den Mitmenschen niederschlägt. Weil aber der Mensch in dieser Welt immer im Zugriffsbereich der Erbsünde steht, bleibt dieser Friede – wenn auch Christen an ihm schon im Diesseits Anteil haben – doch nur Stückwerk, bis der Friedensfürst zurückkehrt.

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