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Sie weckten Europas christliches Gewissen auf

Vor 75 Jahren fand der erste Kongress „Kirche in Not“ statt. Er war ein europäischer Aufbruch nach dem Krieg: Aus der Flüchtlingshilfe entwickelte sich ein internationales Forum für Religionsfreiheit.
Vor 75 Jahren fand der erste Kongress „Kirche in Not“ statt
Foto: Kirche in Not | Bei den Kongressen konnten auch immer prominente Gäste begrüßt werden: Hier ist Pater Werenfried van Straaten (r.)1954 im Gespräch mit dem Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings.

Es begann als Beratung über die dramatische Lage von Millionen katholischer Heimatvertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg  und entwickelte sich zu einem einzigartigen kirchlichen Forum von europäischer und später weltweiter Bedeutung: Der Start war vor 75 Jahren, vom 8. bis 11. Februar 1951 fand im niederländischen Hilversum der erste internationale Kongress unter dem Titel „Kirche in Not“ statt. Der Kongress markierte eine entscheidende Wegmarke in der Geschichte des heute weltweit tätigen katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“.

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Mehr als 100 Vertreter aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Österreich, Frankreich und der Schweiz kamen damals in der Heimvolkshochschule „Drakenburgh“ zusammen. Ihr gemeinsames Anliegen: die religiöse, soziale und menschliche Not der Millionen Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg – darunter allein rund sechs Millionen katholische Heimatvertriebene in Deutschland sowie zahlreiche osteuropäische Flüchtlinge in Westeuropa.

Kirche in Not: Der Titel war Programm

Europa stand Anfang der 1950er-Jahre noch immer im Schatten von Krieg, Zerstörung und moralischer Erschöpfung. Millionen Menschen lebten entwurzelt, ohne feste Heimat, oft in behelfsmäßigen Lagern, abgeschnitten von gewachsenen sozialen und kirchlichen Strukturen. Der Kongress in Hilversum verstand sich deshalb nicht nur als Fachkonferenz, sondern als geistlicher und gesellschaftlicher Weckruf an das christliche Gewissen Europas.

Der Titel des Kongresses war Programm und Aufruf zugleich: „Kirche in Not“. Organisiert wurde das Treffen von der niederländischen „Katholischen Arbeitsgemeinschaft für geistliche Erneuerung“ und der damals noch jungen „Ostpriesterhilfe“, aus der später „Kirche in Not“ hervorging. Einer der prägenden Initiatoren war der Prämonstratenserpater Werenfried van Straaten, der bereits als „Speckpater“ bekannt war, weil er mit spektakulären Hilfsaktionen für notleidende Deutsche geworben hatte. Gemeinsam mit Prälat Adolf Kindermann aus Königstein legte er in Hilversum den Grundstein für eine neue internationale Plattform kirchlicher Solidarität.

Herausforderungen der Nachkriegszeit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Zu den Teilnehmern zählten hochrangige kirchliche und politische Persönlichkeiten, darunter die Weihbischöfe von Köln und Osnabrück, der päpstliche Beauftragte für die Seelsorge der Heimatvertriebenen sowie der erste Bundesminister für Vertriebene, Hans Lukaschek. Auch Vertreter staatlicher Verantwortung nahmen die kirchliche Dimension der Flüchtlingsfrage ernst.

Die Anwesenheit staatlicher Entscheidungsträger machte deutlich, dass die Herausforderungen der Nachkriegszeit nicht allein als politische oder soziale Aufgabe verstanden wurden. Vielmehr zeigte sich hier ein frühes Bewusstsein dafür, dass Fragen von Menschenwürde, religiöser Identität und gesellschaftlichem Zusammenhalt untrennbar miteinander verbunden sind. Lukaschek machte deutlich, wie existenziell die Lage vieler Vertriebener vor allem in Norddeutschland war, und appellierte an die Solidarität der europäischen Katholiken: „Helfen Sie Flüchtlingen, so helfen Sie dem neuen Deutschland.“

Über die nationalen Grenzen hinaus

Der Kongress verstand sich von Beginn an nicht als rein nationales Anliegen. Pater Werenfried sprach bereits im Vorfeld von einem internationalen Auftrag: Die „Ostpriesterhilfe“ sei zu einem Anliegen der Weltkirche geworden, das das Gewissen Europas wachrütteln müsse.
Dieser Anspruch war neu. Er durchbrach die bis dahin vorherrschende Sichtweise, Flüchtlingshilfe primär als nationale Aufgabe zu begreifen. Stattdessen wurde sie als gemeinsames europäisches und kirchliches Anliegen formuliert – getragen von der Überzeugung, dass Leid und Verfolgung die Kirche insgesamt betreffen.

Tatsächlich markierte der Kongress einen Wendepunkt: Die von Beginn an seelsorglich und karitativ geprägte, zunächst auf die deutschen Heimatvertriebenen konzentrierte Hilfe wurde programmatisch über nationale Grenzen hinaus erweitert. Zugleich leitete der Kongress den Übergang zu einer gezielten Unterstützung der bedrängten und verfolgten Kirche in Ostmittel- und Osteuropa ein – ohne den seelsorglichen Kern des Werkes aufzugeben.

Kirche im kommunistisch beherrschten Raum

Mit dem Blick auf die Lage der Kirche im kommunistisch beherrschten Raum rückten erstmals systematisch auch die Ursachen von Verfolgung, Entwurzelung und ideologischer Unterdrückung in den Mittelpunkt.

Diese Dimension prägte auch die Beiträge des Kongresses. Der aus dem Sudetenland vertriebene Pater Paul Sladek, Gründer und spiritueller Motor der Ackermann-Gemeinde, schilderte in erschütternden Worten die unmenschlichen Lebensbedingungen in deutschen Massenunterkünften und kam zu dem verzweifelten Schluss: „Hier können die Zehn Gebote nicht gehalten werden.“

„Dieses Mal geht der Levit nicht vorbei“

Seine Worte machten deutlich, dass materielle Not untrennbar mit einer geistlichen und moralischen Krise verbunden war. Wo Menschen ihrer Würde beraubt würden, gerieten auch elementare ethische Maßstäbe ins Wanken – eine Erfahrung, die viele Teilnehmer des Kongresses teilten.
Prälat Kindermann sprach über die Verantwortung der Christen und zog das Bild des barmherzigen Samariters: „Dieses Mal geht der Levit nicht vorbei.“

Besondere Aufmerksamkeit fand der Beitrag Pater Werenfrieds zur ideologischen Bedrohung durch den Kommunismus. Er warnte eindringlich davor, dass Menschen, die heimatlos, arbeitslos und seelsorglich verlassen seien, für totalitäre Ideologien anfällig würden. Damit verband er soziale Analyse und geistliche Deutung: Christliche Nächstenliebe und seelsorgliche Begleitung verstand er nicht nur als Hilfe für den Einzelnen, sondern als Bollwerk gegen Entmenschlichung, ideologische Verführung und Gewalt.

Christliche Nächstenliebe, geistliche Begleitung und internationale Solidarität seien deshalb nicht nur karitativ, sondern zutiefst präventiv im Einsatz für Freiheit und Menschenwürde.

Flüchtlingsfrage ist eine Angelegenheit ganz Europas

Die Bedeutung des Kongresses wurde auch durch die Unterstützung aus Rom unterstrichen. Papst Pius XII. sandte seinen Apostolischen Segen, übermittelt in einer Depesche des damaligen vatikanischen Substituten Giovanni Battista Montini – des späteren Papstes Paul VI. Diese Unterstützung verlieh dem jungen Werk nicht nur kirchliche Anerkennung, sondern stärkte auch seine internationale Ausstrahlung. Die Anliegen des Kongresses wurden damit ausdrücklich in den Horizont der Weltkirche gestellt.

Auch die Nuntien in Belgien und den Niederlanden würdigten die Arbeit der „Ostpriesterhilfe“. Das mediale Echo war beachtlich. Beobachter stellten fest, dass hier nicht Selbstmitleid, sondern europäische Verantwortung sichtbar wurde. Der Münchner Journalist René Michel schrieb, der Kongress habe gezeigt, dass die deutsche Flüchtlingsfrage eine Angelegenheit ganz Europas sei.

Aus dem ersten Kongress erwuchs eine einzigartige Tradition: Von 1952 bis 1995 folgten 44 weitere Kongresse, veranstaltet in Königstein im Taunus, dem heutigen Sitz der internationalen Zentrale des Hilfswerks. Sie behandelten Themen wie Christenverfolgung, Religionsfreiheit, Menschenrechte, Flüchtlingsnot, Kommunismus und Atheismus – lange bevor diese Fragen breite öffentliche Aufmerksamkeit fanden.

Die Kongresse entwickelten sich zu einem Forum, das kirchliche, politische und gesellschaftliche Fragen miteinander verband und dabei stets die konkrete Lage der betroffenen Menschen in den Mittelpunkt stellte. In zahlreichen Vorträgen, Lageberichten und Diskussionen wurde Wissen gesammelt, analysiert und weitergegeben – oft gegen den Zeitgeist und nicht selten gegen politischen Widerstand.

Der Geist von Hilversum lebt weiter

Zum 75-jährigen Jubiläum des ersten Kongresses wird deutlich: Der Geist von Hilversum lebt fort. „Kirche in Not“ versteht sich bis heute als Stimme für verfolgte Christen, als Mahner für Religionsfreiheit und als Brückenbauer zwischen Völkern, Konfessionen und Kontinenten. Was 1951 mit der Not der Flüchtlinge begann, ist heute ein weltweites Engagement für Menschenwürde, Glaubensfreiheit und Solidarität – aktueller denn je. „Kirche in Not“ leistet mit 24 Nationalbüros weltweit Hilfe für verfolgte und notleidende Christen. 


Der Autor ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei „Kirche in Not“.

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