Gegenreformation

François Fénelon: Meister der Mystik

Vor 370 Jahren wurde François Fénelon geboren. Er spielte eine wichtige Rolle in der Gegenreformation, war Prinzenerzieher und später Erzbischof von Cambrai. Bekannt geworden ist er auch als Verteidiger der reinen selbstlosen Gottesliebe.
François Fénelons
Foto: Hartmut Sommer | In aristokratischer Gelassenheit in einem Augenblick der Kontemplation. Die Grabskulptur François Fénelons befindet sich in der Kathedrale von Combrai.

Hell schimmert das aus weißem Marmor gehauene Grabmonument des Erzbischofs François Fénelon (1651–1715) in der Apsis der neuen Kathedrale von Cambrai. Der „Unvergleichliche“, wie ihn Leibniz nannte, hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden, nachdem die ursprüngliche Bischofskirche in den Wirren der Revolution zerstört worden war. Locker hingestreckt, den Oberkörper auf zwei Kissen gestützt zeigt ihn die Grabskulptur in aristokratischer Gelassenheit, hingegeben an einen Augenblick der Kontemplation. Sein Blick verliert sich im Unnennbaren, eine Hand liegt auf dem Herz, dem Symbol der Liebe, die andere tastet nach dem Unsichtbaren, das nur der Mystiker zu schauen vermag. So scheint er zugleich etwas zu geben von der reinen Liebe zu Gott, die sein Lebensthema war, und zu empfangen, was ihm mit ihr geschenkt wird.

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In dieser Bildsprache ist gut zusammengefasst, was Fénelon ausmachte: seine selbstbewusste aristokratische Haltung, seine der Wahrheit mehr als formeller Autorität und Macht verpflichtete Unabhängigkeit und seine Suche nach einem vertieften Gebetsweg der reinen Liebe. Zum Preis der Verbannung vom Hof Ludwigs XIV. und der entgangenen Kardinalswürde hat er an dem festgehalten, was er für richtig hielt und wert dafür einzutreten: an der Kritik am Absolutismus und am Kampf gegen den Hedonismus, für den es illusionär ist, den Nächsten und Gott selbstlos lieben zu wollen, ohne eigenes Glück und Seligkeit als Entgelt dafür zu erwarten.

Kindheit und Jugend in einer bäuerlich geprägten Gegend

Vor 370 Jahren wurde Fénelon im Südwesten Frankreichs, im Grenzbereich von Périgord und Quercy auf Château de Salignac geboren. Der wuchtige mittelalterliche Bau liegt auf einer Anhöhe, die zum Flusstal der Dordogne und zum Dorf Sainte-Mondane hin abfällt, das auch heute noch keine 300 Seelen zählt. Ein schlichtes, bäuerliches Umfeld, von Weinbau und Wallnussplantagen geprägt, keine Gegend für repräsentative Karossen, eher für massive Bauernkarren, denn „die Wege sind holprig und Feind der Räder“, wie Fénelon sich bildhaft ausdrückte. Nur drei Wegstunden entfernt war der Bischofssitz Sarlat, wo mit Fénelons Onkel François de Salignac bereits der sechste Bischof aus der Familie Salignac residierte. Das genaue Geburtsdatum Fénelons ist umstritten. Traditionell wird der August angegeben, in dem aber nach neueren Dokumenten auch seiner Taufe gewesen sein könnte. Fénelon hieß mit vollen Taufnamen François-Armand de Salignac de La Mothe-Fénelon, ein unhandlicher Name, den er bei seiner Unterschrift immer weiter abgekürzt hat, bis er schlicht als L‘Abbé de Fénelon unterzeichnete, bevor er Erzbischof wurde.

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Als Missionar der Gegenreformation, als Prinzenerzieher und später als Erzbischof von Cambrai war Fénelon an allen großen politischen und intellektuellen Kämpfen seiner Zeit beteiligt. Es war die Zeit der absolutistischen Herrschaft Ludwig XIV., dessen lange Regentschaft die gesamte Lebenszeit Fénelons über andauerte und Frankreich in eine schwere Krise führte. Ludwigs nach Osten ausgreifende Eroberungskriege, begleitet von drakonischer Kriegswirtschaft, laugten das Land aus. Die Zwangsmissionierung der Hugenotten, unter anderem mit dem Mittel der Einquartierung von Soldaten, den sogenannten „Dragonaden“, hatte eine Massenemigration zu Folge. Innerhalb der Kirche kämpften die Befürworter einer größeren Unabhängigkeit der französischen Kirche, die Gallikanisten, gegen die romtreuen Ultramontanisten. Um die richtige Auslegung der Gnadenlehre Augustins rangen Jansenisten erbittert mit Anti-Jansenisten. Das Verständnis der Mystik und des kontemplativen Gebetsweges war Gegenstand heftig geführter Dispute um den Quietismus. Descartes Philosophie fand Eingang an den theologischen Fakultäten und verdrängte trotz päpstlicher Verurteilung die alte scholastische Lehre. Malebranche war der führende Vertreter einer breiten Strömung in Theologie und Philosophie, die Descartes Denken mit der Lehre Augustins verbinden wollte. An Descartes Rationalismus knüpfte jedoch vor allem der neuzeitliche Säkularismus an, mit dem sich ein auf Nützlichkeit ausgerichtetes wissenschaftliches Denken vollständig vom Glauben ablöste und verselbstständigte.

Streiter gegen den modernen Hedonismus

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Fénelon war einer der profiliertesten Köpfe in diesen Auseinandersetzungen, aber kein Frühaufklärer, wie man ihn insbesondere im 18. Jahrhundert gerne sehen wollte, vielmehr einer der letzten bedeutenden Verteidiger des Einklanges von Glaube und Vernunft, ein Streiter für die selbstlose Liebe, den „amour pur“, und gegen den modernen Hedonismus, der allein in der Lust die Triebfeder des menschlichen Handelns sieht, eine Auffassung, die sich mit der Aufklärung schließlich durchsetzte.

Der inspirierende, aber durchaus distanzierte Austausch mit der Mystikerin Madame Guyon und der Lehrstreit mit Jacques Bénigne Bossuet, dem einflussreichen Bischof von Meaux, über den „amour pur“ ließ Fénelon zu einem Meister der mystischen Theologie werden. Mit seinen bedeutenden Briefen zur Seelenführung hat er einen Weg zum kontemplativen Gebet gewiesen, der ohne den Höhenflug außerordentlicher spiritueller Erfahrungen auskommt als gelassene, von sich selbst absehende und Gott hingegebene und vertrauende Haltung.

Fénelons Schriften behandeln die zeitlose, vor dem Hintergrund des modernen Hedonismus sich verschärft stellende Frage, ob die Liebe zu Gott und zum Nächsten gänzlich frei sein kann von eigennützigen Motiven.

Ein Mitbruder im Amt intrigiert

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Er hat das bejaht und diese Position gegen Bossuet verteidigt, der mit seiner entgegengesetzten Parteinahme letztlich einem modernen Egoismus und Individualismus in die Hände gespielt hat. Bossuet blieb in diesem Streit der Sieger, weil er mit Ludwig XIV. die Staatsmacht hinter sich hatte, mit deren Hilfe er Druck auf den Papst ausüben konnte. Der widerstrebende Papst Innozenz XII. musste angesichts der stets drohenden Abspaltung einer französischen Nationalkirche schließlich nachgeben und Fénelons Schrift Erläuterung der Maximen der Heiligen über das spirituelle Leben (Explication des maximes des saints sur la vie intérieure) verurteilen. Fénelon hat die gesamte Tradition der christlichen Philosophie und Mystik auf seiner Seite und mit der reinen selbstlosen Liebe eine zentrale christliche Lehre verteidigt, bis heute aber haften an ihm die ungerechten Vorwürfe Bossuets und die eher in der milden Form eines Verweises erfolgte Verurteilung seiner Schrift durch ein Breve. Immer noch findet sich die Einordnung seine Lehre als „Semi-Quietismus“, was meist unkritisch mit den Anschuldigungen Bossuets belegt werden soll. Dabei betraf das Breve des Papstes nur die unzureichende und missverständliche Darstellung in den Maximen, seine mystische Theologie der reinen Liebe selbst ist nie verurteilt worden. Wir haben sie als zeitlos bleibende Frucht des Lehrstreits und als sein letztes, reifstes Wort dazu mit seiner 1700 für Papst Clemens XI. in Latein verfassten Abhandlung über die reine Liebe (Dissertatio de amore puro). Papst Innozenz XII. wollte Fénelon sogar die Kardinalswürde verleihen, was ebenfalls aus Rücksicht auf Ludwig XIV. nicht erfolgte.

Fénelon war Royalist, zugleich aber Kritiker des Absolutismus und der Kriegspolitik Ludwigs. Dabei hatte es der Spross eines verarmten südfranzösischen Adelsgeschlechtes als Prinzenerzieher des Enkels von Ludwig XIV. sogar bis in den Nahkreis der Macht geschafft. Dass er den schwierigen jungen Prinzen mit behutsamer Lenkung zu einem vielversprechenden zukünftigen Regenten formen konnte, dankte ihm der König mit der Ernennung zum Erzbischof von Cambrai.

„Dieser subversive Text,
der den Antimachiavell Friederichs II. beeinflusst hat,
war im 18. Jahrhundert eines der europaweit
am meisten verbreiteten Bücher“

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Während aber Ludwig der XIV., der absolutistisch regierende „Sonnenkönig“, in Versailles glanzvoll Hof hielt, bereitete Fénelon den möglichen Thronfolger darauf vor, es einmal ganz anders zu machen als sein Großvater. Das für seinen Schützling als Lehrschrift verfasste, an die Odyssee anknüpfende Heldenepos Die Abenteuer des Telemach (Les Aventures de Télémaque) entwirft das Bild eines gerechten und friedliebenden Herrschers, das als herbe Kritik an Ludwig der XIV. gelesen werden kann und nach der Veröffentlichung auch so gedeutet wurde. Dieser subversive Text, der den Antimachiavell Friederichs II. beeinflusst hat, war im 18. Jahrhundert eines der europaweit am meisten verbreiteten Bücher.

Leibniz, Hegel und Ranke beziehen sich darauf und für Goethe war es eine prägende Jugendlektüre. In gewisser Weise war Fénelon nach einem Wort von Marcel Prousts „sanftmütiger Anarchist“ (doux anarchiste), nicht im Sinne politischer Theorie, sondern im Sinne desjenigen, der sich missbräuchlicher Macht subtil zu entziehen versteht, sie geräuschlos zu umgehen und zu unterlaufen versucht, im Falle Fénelons das absolutistische Regime Ludwigs XIV.

Zu viele Angriffspunkte für Neider und Feinde

Wäre sein prinzlicher Schüler, der Duc de Bourgogne, König geworden hätte Fénelon tatsächlich der Geschichte Frankreichs und Europas eine andere Richtung geben können. Doch seine Kritik am Absolutismus blieb nicht verborgen und seine Parteinahme für die Mystikerin Madame Guyon, der man vorwarf, den verurteilten Lehren des Quietismus anzuhängen, bot seinen Neidern und Feinden gefährliche Angriffspunkte.

So zog Fénelon sich schließlich den Unwillen des Königs zu und wurde vom Hof verbannt. Seinen vielversprechenden prinzlichen Schüler durfte er nicht mehr sehen und seine Diözese Cambrai nicht mehr verlassen. Der frühe Tod des von ihm geformten Thronfolgers zerstörte dann endgültig seine Hoffnung auf eine durchgreifende Gesellschaftsreform, die er mit den Tables de Chaulnes entworfen hatte.

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Ältere, Fénelon nahestehende Biographen neigten dazu, ihn zu idealisieren, und seine Gegner haben ihn einseitig und verkürzt ausgelegt. Erst sein von Jean Orcibal herausgegebener, 18 Bände umfassender Briefwechsel (1972–2007) hat ein vollständigeres und klareres Bild seines Lebens und Schaffens ermöglicht. Neben der großen zehnbändigen, von Gosselin editierten Gesamtausgabe der Werke Fénelons (1851–1852) ist insbesondere die von Jacques Lebrun sorgfältig kommentierte zweibändige Zusammenstellung seiner wichtigsten Texte in der Bibliotheque de la Pléiade (1983 und 1997) eine zuverlässige Grundlage für die Erschließung seines philosophischen und theologischen Denkens. Eine erste deutsche Übersetzung seiner geistlichen Werke hat Matthias Claudius vorgelegt. Die von François Varillon zusammengestellte Sammlung von Briefen, Predigten und Traktaten erschien 1961 auch auf Deutsch. Fénelons Abhandlung über die reine Liebe liegt ebenfalls inzwischen in deutscher Übersetzung von Irmgard und Albert Kreuzer vor (Verlag Karl Alber 2017). Robert Spaemanns Studie „Reflexion und Spontanität“ (2. Aufl. 1990) zur Theologie Fénelons hat dessen hoch aktuelle Lehre vom „amour pur“, von der selbstlosen Liebe, wieder in den Blick der philosophischen und zeitkritischen Diskussion gerückt. Es ist lohnend, sich mit diesem Meister der Mystik zu befassen.


Der Autor ist Verfasser der ersten deutschprachigen Fénelon-Biographie, die im April 2022 im Patrimonium-Verlag erscheinen wird.

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