Lektürerausch

Probier's mal mit  Désinvolture 

Wie reagieren auf Corona? Manche flüchten in Arbeit und Aktivismus, andere in Hobbys und Projekte. Es geht aber auch anders. Man kann in einen unbekannten Raum eintreten, Details beobachten und lesen. Ein Selbstversuch.  
Lesen im Bett
Foto: Stockbroker, imago-images | Die Seuche bietet genug Zeit, um sich derart in Lektüre zu versenken, dass das Lesen beinahe rauschhaft wirkt und so Distanz zur Realität aufbaut, die zu gelassenem Betrachten führt.

Im Corona-Jahr 2020 verfielen zahlreiche Menschen nach dem ersten Schock, der sich breit machenden Angst und der anschließenden Erstarrung einem Aktivismus, der sich gezwungenermaßen ins Private verlagerte. Man nahm sich Projekte vor. Die einen starteten ein Fitness-Programm, andere versuchten, ihre Kochkünste zu verfeinern, wieder andere begannen zu aquarellieren oder wandelten ihren Balkon in einen prächtigen Kräutergarten um. Der offensichtliche Anlass und Motor dieser Aktivitäten war die plötzlich in Überfülle zur Verfügung stehende Zeit, die sinnvoll und strukturiert gefüllt sein wollte.

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So übertrug man die gewohnte Arbeitsdisziplin in den Bereich des Privaten, in dem sich die Freizeit selbst wieder in eine Form der Arbeit verwandelte. Ernst Jünger hat diese Durchdringung aller Lebensbereiche mit dem Gedanken der Arbeit bereits Anfang der Dreißigerjahre als ein wesentliches Merkmal der technischen Moderne identifiziert und beschrieben. Die Allgegenwart digitaler Hilfsmittel, die den innersten Bereich des menschlichen Seins ordnen und kontrollieren, indem sie Pläne, Daten und Auswertungen zur Verfügung stellen, ist nichts anderes als eine unendliche Verfeinerung dieses Prozesses der Universalisierung des Arbeitsprinzips   der allerdings von der herrschenden Meinung über das, was ein gut gelebtes Leben darstellt, als ein Weg in die Resilienz, in die Widerstandsfähigkeit gegenüber der permanenten und herausfordernden Transformation der Umwelt dargestellt und apologetisch behandelt wird. 

Arbeiten als Freizeit getarnt

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Es gab aber auch andere Reaktionen auf den Einbruch des Virus in den gewohnten Ablauf des Lebens. Allerdings waren diese viel seltener. Lässt man die Fraktion der Verneiner und Verweigerer außer Acht, die sich im Namen eines unscharf formulierten Freiheitsanspruches auf eine diskursiv kaum überzeugende Totalkonfrontation mit der neuen Wirklichkeit einließen, so blieben wenige Menschen übrig, die sich der Aufhebung der normierten Abläufe des Lebens und der mechanischen Routine des Alltags anders zu entziehen wussten als durch eine Substitution von Arbeit durch eine als Freizeit getarnte Form derselben. 

Diese Wenigen unternahmen es, die Schnittstelle zwischen dem monotonen, weil durchgetakteten Vorher und dem monotonen, weil völlig offenen und erst mit Sinn zu füllenden Nachher zunächst einmal als eine solche zu ertragen und diesen Raum auf seine Möglichkeiten hin zu erkunden. Sie ließen sich von der Forderung nach einer die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse stabilisierenden Resilienz – denn nur ein resilienter Mitarbeiter ist ein guter Mitarbeiter – ebenso wenig aus der Ruhe bringen wie von dem kollektiven Ruf nach einer Freiheit; sie sondierten den angeblich universellen Stillstand vielmehr nach seinen versteckten Dynamiken.

„Diese Form der weltanschaulichen Verbarrikadierung
erweckt den Eindruck, als würde man sich in einem Krieg befinden“

Humor gehört in Deutschland, im Unterschied beispielsweise zu Frankreich, nicht zu den gängigen Kommunikationstugenden und damit auch nicht zu den Waffen eines individuellen Widerstands gegen den Zeitgeist. Das hat vielleicht mit unserem preußischen Erbe zu tun, das uns Distanz und Steifheit in die Denk- und Sprachgene eingeschrieben hat. Humor entsteht durch Interaktion, durch ein Sich-Einlassen auf Situationen, durch Spontaneität, die nicht rational gefiltert ist und sich durchaus auch ungeschützt zu geben traut. Aus ebendiesem Risiko heraus formuliert sich Humor in Deutschland von vorneherein als politisch, um sich ja nicht auf das Eis der geringsten Inkorrektheit führen zu lassen. Deutscher Humor klingt daher stets wie eine mäßig heitere Version linksliberaler Parteiprogramme. Diese Form der weltanschaulichen Verbarrikadierung erweckt den Eindruck, als würde man sich in einem Krieg befinden. Ein solcher funktionalistischer Humor bietet keinerlei Spielraum, um in einer Ausnahmesituation, die alle Funktionen außer Kraft setzt, Handlungsräume aufzureißen.

Die preußische Distanz hingegen hätte zumindest den Vorteil, klärenden Abstand zum Geschehen herzustellen, wenn sie nicht sogleich in die historisch tief verwurzelte Geste des germanischen Generalgehorsams verfallen würde. Die einzige Distanz, die man hier einnehmen kann, ist diejenige der Herrschenden und Tonangebenden. Und dieser Umschlag von Analyse in Gehorsam ereignet sich nicht in zwei Schritten, sondern besteht aus ein- und derselben Aktion: diese Analyse ist ein a prioristischer Gehorsam, der, das soll nicht verschwiegen werden, eine Stärke des deutschen Bürgertums darstellt, aber der Freiheit des Einzelnen nicht unbedingt förderlich ist.

Befreiung durch intellektuelle Reflexion 

Eine solche Reflexion über die intellektuellen Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen im Abgrund zwischen Vorher und Nachher, ein solches Abwägen zwischen dem eigenen humoristischen Talent und der eigenen Neigung zur Anarchie einerseits und den tief in die eigene Psyche eingegrabenen Mechanismen und Kräften post-preußischer Disziplin war aber selbst schon ein Akt der Befreiung aus dem Sog des Corona-Katastrophismus. Ja dieser Gedanke war bereits ein Akt der echten inneren Freiheit, weil er der abwärts gerichteten Spirale des Endzeitstrudels eine   wenn auch noch schwach ausgeprägte   aufwärts gerichtete Spirale der inneren Freiheit entgegensetzte. 

Das Bild des Strudels legt einen Verweis auf eine Haltung frei, die komplexer ist als humoristische Abwehr und vielschichtiger als preußische Distanz: die Désinvolture. Man kann diese Haltung als eine Unverschraubtheit übersetzen, als ein situatives Sich-frei-Machen oder ein generelles Frei-Sein von Verbindlichkeiten jeder Art, als Ungezwungenheit und Ungeniertheit. Um im Bild des Strudels zu bleiben: Die Désinvolture setzt der negativen, nach unten gerichteten, schraubenähnlichen Bewegung des Katastrophenstrudels eine sich dieser Bewegung widersetzende Drehung nach oben entgegen, wobei jede positive Umdrehung der Désinvolture den Raum der Möglichkeiten öffnet. 

Verstrickungen abwerfen

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Ungefähr so erlebte ich den Einbruch des Virus: als eine Tür, die sich plötzlich öffnete, hinter der sich ein Raum befand, der "Désinvolture" hieß, und in den man tatsächlich eintreten konnte, ohne den Eindruck zu haben, sich in einem musealen Ambiente zu bewegen. Corona war ein willkommener Anlass, sich aus der akademischen und passiven Haltung zu befreien, die man bisher gegenüber jenem Phänomen eingenommen hatte, das sich "Désinvolture" zu nennen pflegt und dem man immer wieder als einer Charakterisierung bestimmter Schriftsteller begegnete (Jünger, Montherlant, Chamfort, Casanova, Sagan, Céline). 
Désinvolture, so schien es bislang, eine Frage der Autorschaft. Sprache erzeugt eine sich aus den Umständen des Lebens befreiende und dieses Leben und seine Ereignisse transzendierende ruhige Kraft. Sie prägt eine Lässigkeit, die   wie man biographischen Zeugnissen entnehmen kann   auf den Autor abstrahlen konnte.

Désinvolture zeigte sich als ein literarisches Phänomen, als ein Akt des entspannten, aber nicht interesselosen Schauens auf eine Welt der Verstricktheit. Ein wichtiges Merkmal jener literarischen Désinvolture ist ihre Präzision, ihr genauer Blick, ihre Übersicht. Sie setzt ein Urteilen-Können über die eigene Gesellschaft voraus, das erst den Freiraum schafft, in dem sich die Gelassenheit artikulieren kann. Am deutlichsten wird dieses Ineinander von Schärfe und Unschärfe, von Präzision und Entspanntheit bei Ernst Jünger. In seinen Texten verdichten sich die einzelnen Beobachtungen, die oft von großer Klarheit und Genauigkeit sind, manchmal allerdings auch in pedantischer Akkuratesse erstarren, nicht zu einer Theorie oder einem System.

Eine spezielle Form der Lektürepraxis

Sie bauen keine argumentative Struktur auf, sie begründen keine finalen Schlüsse. Sie sind isoliert und stehen für sich, weil sie den Erscheinungen der Außen- und der Innenwelt folgen, ja sich von ihnen treiben lassen. Diese sich im ständigen heraklitischen Fluß befindliche Schärfe ist wohl der Kern dessen, was Jüngers Kunst ausmacht. Und ähnlich verhält es sich mit den Beobachtungen Chamforts und den moralischen Reflexionen Montherlants, die nie zur Moral erstarren, sondern sich wie eine geschmeidige Sprachhaut um die Gedanken legen. Freiheit und Unfreiheit befinden sich im Désinvolten Schreiben im Gleichgewicht, die Entscheidung für die eine oder die andere liegt beim Autor. Désinvoltes Schreiben ist das Gegenteil von ideologischem, politischem, aber auch von konsequent moralischem Schreiben. 

Der Weg zur Désinvolture schien also bisher nur über die Autorschaft zu führen. Dann aber setzte jener Moment des Aus-der-Zeit-Fallens, als den wir Corona erlebten, eine Erkenntnis frei, die sich in einem Versuch konkretisierte: Désinvolture entsteht auch durch exzessive Lektüre. Man stößt nicht zu ihr vor, wenn man vor dem Schlafengehen noch drei Seiten in einem schwedischen Krimi liest. Auch nicht, wenn man sich in die Neuerscheinungen des Jahres vergräbt, die durch die Bank hoffnungslos verstrickt sind in die Netze der Gegenwart (Ökologie, Gender, Betroffenheit etc.). Nein, Désinvolture als lässiger Abstand zum "Hier und Jetzt" setzt stundenlange, rauschhafte, weltvergessene Lektüre voraus, wie ich sie in der Corona-Zeit mit den 10.000-seitigen Memoiren des Herzogs von Saint-Simon und Anthony Powells grandiosem 12 bändigen Roman Dance to the music of time erleben durfte.


Teil 1 eines größeren Essays über die Macht des Lesens in Corona.

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