Würzburg

Corona: Auch ans Leid der anderen denken

Die Tristesse hierzulande beschäftigt uns so, dass wir die Folgen des wirtschaftlich-humanitären Chaos in unserer östlichen und südlichen Nachbarschaft vergessen. Aber wir können das Leiden der anderen nicht dauerhaft ignorieren. Ein Kommentar.
Obdachlos in Athen
Foto: Imago Images | Obdachloser in Athen: Sehr bald schon werden wir aber spüren, dass die Katastrophen vor unserer Haustür im Zeitalter der Globalisierung uns direkter und härter betreffen als uns lieb ist.

Das Wort „Pandemie“ bringt es auf den Punkt: Corona betrifft uns alle, entweder gesundheitlich, finanziell, beruflich oder zumindest als Sorge und Unsicherheit. Aber wenn jeder direkt betroffen ist, fällt es vielen schwer, an das Leid der anderen zu denken. Die Sorge um Intensivbetten-Kapazitäten in der eigenen Region lässt übersehen, dass es in weiten Teilen der Welt gar keine funktionierenden Gesundheitssysteme gibt. Die Angst vor wachsender Arbeitslosigkeit, vor Insolvenzen und drohender Inflation lässt vergessen, dass Millionen Menschen in Afrika, Lateinamerika und Asien nicht wissen, wie sie sich und ihre Kinder heute ernähren sollen.

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Direkter und härter getroffen als befürchtet

Der Ärger über Distance-Learning lässt übersehen, dass Millionen Kinder weltweit durch die Lockdowns jede Chance verlieren, zu Bildung zu kommen, und damit zu einem Weg aus dem Elend. Die Tristesse hierzulande beschäftigt uns so, dass wir vergessen, dass in Mitteleuropa niemand verhungern muss – in vielen Ländern der Welt allerdings schon. Die Pandemie und die Panikreaktionen auf sie haben Schwellenländer in neue Armut und Entwicklungsländer ins Elend gestoßen.

Noch sind die eigenen Sorgen zu groß, noch sind Politik und Wissenschaft mit dem Krisenmanagement im eigenen Land aus- und überlastet. Sehr bald schon werden wir aber spüren, dass die Katastrophen vor unserer Haustür im Zeitalter der Globalisierung uns direkter und härter betreffen als uns lieb ist. Schon vor Corona saßen in Afrika Millionen auf gepackten Koffern, jetzt wurde ihnen jede Zukunftshoffnung, vielen sogar die Überlebenschance in der Heimat genommen. Wenn die schlimmsten epidemiologischen und medizinischen Szenarien hierzulande bewältigt sind, werden uns die Folgen des wirtschaftlich-humanitären Chaos in unserer östlichen und südlichen Nachbarschaft eingeholt haben. Ob wir wollen oder nicht: Das Leiden der anderen können wir nur kurz, aber nie dauerhaft ignorieren.

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Stephan Baier

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