Coronapolitik

Wollen wir „das neue Normal“?

Der neue Normalfall wird sich aller Voraussicht nach verfestigen, meint Alexander Pschera. Warum wir seiner Meinung nach nichts aus der Corona-Krise lernen werden.
Corona-Demonstrationen
Foto: Tim Eckert (435476649) | Im Frühjahr protestieren Menschen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung unter Angela Merkel. Eine sinnvolle Kommunikation hätte solche Spaltungen der Gesellschaft durch die Politik eventuell verhindern können.

Ein gebetsmühlenartig wiederholter Grundsatz der Kommunikation lautet: Krisen sind Chancen. Aus Krisen können Organisationen und Personen gestärkt hervorgehen. Krisen härten ab und schärfen den Sinn für zukünftige Risiken. Krisen schweißen alle die zusammen, die gemeinsam Belastungen ausgesetzt waren.  

Allerdings hat das positive Potential von Krisen grundlegende Voraussetzungen. Es lässt sich nur dann wirksam abschöpfen, wenn bestimmte Regeln eingehalten und in praktisches Verhalten umgesetzt werden. Ein Beispiel aus dem Alltagsleben mag dies verdeutlichen: Ein Paar, das miteinander im Streit liegt, kann durch eine  – eventuell moderierte  – Klärung und Beseitigung der Streitursachen möglicherweise fundamentale Dissonanzen im Zusammenleben beheben und nach der Krise offener mit den Friktionen umgehen, die ihr Leben vielleicht schon vor der Krise unmerkbar beherrscht haben. In Organisationen ist das Management von Krisen natürlich komplexer, weil diese Konfliktsituationen mehr Beteiligte und auch Interessenträger haben. 

Das Zerstörungspotential überwiegt

Selbstredend sind Krisen globalen Ausmaßes   und eine solche stellt die Corona-Pandemie dar  – abermals komplizierter, und zwar um ein Vielfaches. Noch mehr Zielgruppen müssen angesprochen werden, Botschaften verschiedener Medien und Kanäle überkreuzen, ja widersprechen sich vielfach, eine organisierte, kontrollierbare Kommunikation –  Voraussetzung für jede Form positiver Krisenlösung - scheint nahezu unmöglich. So gesehen sind internationale Krisen denn auch meist alles andere als Lernstunden für ein besseres Zusammenleben. Ihr Zerstörungspotential überwiegt bei weitem ihren Katharsis-Effekt. 

Und doch ist es für die sogenannten "Leader" in Großorganisationen oder Staatengebilden nicht unmöglich, auch aus Krisen ein gewisses Hoffnungspotential zu schlagen oder zumindest dazu beizutragen, dass ihre Zielgruppe   die Mitarbeiter eines Unternehmens, die Bürger eines Staates   die Krise als weniger belastend empfinden. Man mag es Fürsorge oder Weitsicht nennen, auf jeden Fall setzt diese Form des Krisenmanagements einen Standpunkt voraus, der deutlich über denjenigen hinausgeht, den ein nur von der Krise Betroffener ohne Leitungsfunktion einnimmt. Diese Fürsorge würde sich zum Beispiel darin aussprechen, dass die Verantwortlichen immer wieder an den Normalfall erinnern, um die Krise eben nicht als einen solchen erscheinen zu lassen.

Die Politik kann kein Vertrauen erlangen

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Was wir in der Corona-Pandemie erleben, ist aber beharrlich genau das Gegenteil davon: Die Krise wird   wie auch das von vielen Menschen, die sich nach sozialen Kontakten sehnen, mit Misstrauen betrachtete Homeoffice   als der neue Normalfall interpretiert und kommuniziert. Wie sollte das krisengeschüttelte Paar weiter zusammenleben können, würde es zu dem Schluss kommen, ihre Krise sei nichts anderes als das "new normal"? Es würde im Gegenteil in immer tiefere Selbstzweifel versinken, Angstpsychosen entwickeln und sich das Leben zu Hölle machen. Und genau das passiert in der Pandemie: Menschen, die zuvor als halbwegs resilient auftraten und die Schlaglöcher des Lebens wie gut funktionierende Stoßdämpfer absorbierten, lassen sich nach mehr als einem Jahr Corona-Angst von den kleinsten Unwägbarkeiten aus der Bahn werfen.

Das Grundproblem der Krisenkommunikation in Corona-Zeiten ist aber nicht nur im Mangel an kommunikativer Weitsicht und Fürsorge des Leitpersonals  – seien es nun Politiker oder Ärzte –  zu suchen, von denen man den Eindruck hat, sie seien der Krise genauso hilflos ausgeliefert wie man selbst. Besonders schwer wog der Umgang mit den sich immer mehr Gehör verschaffenden Stimmen derjenigen, die behaupteten, es gäbe überhaupt keine Krise, sondern es handle sich bei Corona um eine Art Gegenwelt, errichtet, um obskure gesellschaftliche Ziele umzusetzen. Zugegebenermaßen ist die Argumentation dieser Krisenleugner so weit von jedem vernunftgesteuerten Verhalten entfernt und trägt so stark die Zeichen von Selbstprofilierung und Hysterie, dass man leicht in die Haltung verfallen kann, sie nicht ernst zu nehmen und die Lösung des Problems der Polizei zu überlassen. Aber genau das darf nicht passieren, denn sonst läuft alles auf einen Machtkampf der Hörbarkeit, Reichweite und des kommunikativen Impacts hinaus   und diesen werden sowohl die Politiker als auch die Journalisten der klassischen Medien gegen das Internet verlieren, das im Hinblick auf Meinungsbildung den Leitmedien längst den Rang abgelaufen hat.

„Die ,Querdenker‘ von oben herab als Spinner zu titulieren
und sie auch noch in die Nähe von Terroristen zu rücken,
mag auf den ersten Blick wie ein natürlicher politischer
und medialer Reflex scheinen,
hat aber unter kommunikativer Sicht verheerende Folgen“

 

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Nein, es wäre nötig und wichtig gewesen, sich als Führungsperson den Argumenten dieser "Quer"- oder Schiefdenker auszusetzen, jedes ihrer Argumente haarklein zu rekapitulieren, zu durchdenken und zu beantworten, und das immer und immer wieder. Nur so hätte man die Chance gehabt, diesen sich komplett verselbständigenden Kommunikationsstrom wieder in seine eigene, positiv konnotierte Botschaften-Matrix einzubinden. Die "Querdenker" von oben herab als Spinner zu titulieren und sie auch noch in die Nähe von Terroristen zu rücken, mag auf den ersten Blick wie ein natürlicher politischer und medialer Reflex scheinen, hat aber unter kommunikativer Sicht verheerende Folgen gehabt: die Etablierung und Stärkung einer Gegenöffentlichkeit, die die Faktizität oder zumindest die Prägnanz der Krise leugnete. Und wo es keine Krise gibt, da kann man aus ihr auch nichts lernen.

Ein dritter Fehler der Corona-Krisenpolitik bestand im Mangel an Kontextsensibiliät, wie man es nennen könnte. Auch vor Corona existierte in unserem Land, das sich wie die gesamte Welt in einem kapitalen Umbruch befindet, Unsicherheit: Werden wir in Zukunft noch Autofahren dürfen? Wie mächtig wird China? Was passiert in Zeiten von Bitcoin mit unserem Geld? Frisst die künstliche Intelligenz die menschliche auf? Zerstört die Pornoindustrie im Internet die Humanität? Kann Deutschland unter Löw jemals wieder Fußballweltmeister werden? Wir haben in Zentraleuropa zwar schon lange keinen Krieg mehr erlebt, aber diese unterschiedlich sensiblen, aber in verschiedenen Lebensrealitäten durchaus akuten Konfliktherde der modernen Menschheit können für die Seele zu veritablen Schlachtfeldern werden. Und dann auch noch Corona.

Es wäre gut, sich in Betroffene hineinzuversetzen

 

 

Man kann das mit einem Unternehmensleiter vergleichen, der neben einer Werksschließung noch Gehaltskürzungen für die verbleibende Belegschaft verkünden muss. Er täte gut daran, sich in die Köpfe der Betroffenen hineinzuversetzen und seine Kommunikation auf deren Zukunft auszurichten. Aber genau das ist in der Corona-Zeit nicht passiert. Alle anderen Themen, die bis zum März 2020 die Schlagzeilen beherrschten und wegen Corona nicht aufgehört haben, zu existieren, waren auf einmal verschwunden, und die deutsche Politik stürzte sich wollüstig in ein Mikromanagement noch nie gesehenen Ausmaßes. Dabei wurde übersehen, dass wohlüberlegte Kommunikation über andere Themen   Themen des Fortschritts, die auch positiv besetzt werden wollen   einen schönen Ablenkungs- und vielleicht auch Relativierungseffekt auf die Bevölkerung hätten haben können.

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So aber passierte Folgendes: Corona wurde monothematisch, und über die Hintertür schlichen sich die Szenarien der modernen Welt als zweite Bedrohungsebene wieder ein und verstärkten die Corona-Psychosen nur noch weiter. Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, an dem die Rückkehr in ein normales Leben fast nicht mehr denkbar scheint, weil die Negativität die Gestalt dieses Normalen angenommen hat. Und das hat nicht nur schlimme psychologische Folgen, sondern vor allem auch ökonomische, die das Potential haben, den Standort Deutschland auf Generationen im internationalen Wettbewerb zurückzuwerfen.

Und schließlich hat die Diktatur des Negativen noch ein weiteres aus sich heraus hervorgebracht, was sich gegen einen möglichen positiven Nachbrenneffekt der Corona-Krise stellt: Seit Kant ist die Menschheit immer besser darin geworden, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Nun scheint ein neues, anti-aufklärerisches Paradigma ausgerufen: Der Mensch ist nur so gut, wie er gehorchen kann. Die Rückführung einstmals frei denkender und handelnder Menschen in eine oftmals rein ideologisch begründete Unmündigkeit ist nicht nur der Kern des grünen Regierungsprogramms, von dem man immer noch glauben kann, es handele sich um einen bösen Traum, aus dem man irgendwann schweißgebadet wieder aufwacht; sie ist auch das Ergebnis einer mit Verbotskaskaden und "Folterfantasien" (Aiwanger) gespickten Corona-Politik.

Ein erschreckend gelungenes Massenexperiment

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Statt eines produktiven Umgangs mit den realen Bedrohungen und mit den Argumenten der Fundamentalleugner, das im besten Fall in Nachdenken über das eigene Dasein münden könnte, wurde den Menschen beigebracht, es sei das wichtigste, zu bedingungslos gehorchen. Auf erschreckende Weise ist dieses Massenexperiment gelungen. Und diese Unbedingtheit war es auch, die den "Querdenkern" den völlig unverdienten Status von Systemkritikern und alternativen Intellektuellen eingebracht hat. In der hilflosen Geste des "Querdenkens" ist all die potentiell positive Energie verpufft, die die Corona-Krise mit sich brachte. Und gegen diese Erosion einer möglichen Vernunft hilft leider auch kein Impfstoff.

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