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Augustinus: Was ist Zeit?

Zu den originellsten und bis heute diskutierten Gedanken über das Wesen der Zeit gehören ausgerechnet diejenigen eines frühchristlichen Bischofs.
Zahnräder, Symbolfoto Zeitumstellung *** Gears, symbol photo time change
Foto: IMAGO/Christian Ohde (www.imago-images.de) | Bereits der Heilige Augustinus hat versucht, den Zeitbegriff einzuordnen

Die Zeit ist ein Rätsel. Der Münchner Astrophysiker Harald Lesch, der mit seinen TV-Wissenschaftssendungen komplexe wissenschaftliche Theorien und philosophische Sachverhalte einem Millionenpublikum allgemeinverständlich und beinah spielerisch zu vermitteln versteht, nennt die Zeit gar "das größte Geheimnis der Physik". Dabei haben viele große Geister angestrengt über das Phänomen Zeit nachgedacht. Ihre Liste liest sich über weite Strecken wie das "Who is Who" der Philosophiegeschichte.

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Beginnend mit den Vorsokratikern Heraklit (um 520-480 v. Chr.), Parmenides (um 515-455 v. Chr.) und Zenon (um 490-430 v. Chr.), fährt das Nachdenken über die Zeit in der Antike mit Platon (um 427-347 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.) fort und hält mit Augustinus (354-430) und Boethius (um 480-526) erst einmal inne. Denn im Mittelalter scheint das Nachdenken über die Zeit ein wenig aus der Mode gekommen zu sein, sieht man von Avicenna (980-1037) und Thomas von Aquin (1225-1274) einmal ab.

Doch schon im 15. Jahrhundert setzt das systematische Nachdenken über die Zeit mit Nikolaus von Kues (1401-1464) erneut ein. In der Neuzeit reicht es sodann über René Descartes (1596-1650) und Blaise Pascal (1623-1662) bis zu Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) und Isaac Newton (1643-1727). In der Moderne können Immanuel Kant (1724-1804), Georg W.F. Hegel (1770-1831), Edmund Husserl (1859-1938), Henri Bergson (1859-1941), Alfred North Whitehead (1861-1947) und Martin Heidegger (1889-1976) zu den Zeitdenkern gerechnet werden.

Dialog mit Gott

Dennoch besticht unter den verschiedenen Untersuchungen der Zeit die des heiligen Augustinus ganz besonders. Niedergelegt findet sie sich im elften Buch seiner "Confessiones". Der Philosoph und Bestseller-Autor Rüdiger Safranski, der in seinem Buch "Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen" selbst intensiv über die Zeit nachgedacht hat, nennt, was Augustinus dort erarbeitet, den "Grundtext der abendländischen Zeitphilosophie".

Auch Martin Heidegger, dessen Hauptwerk "Sein und Zeit" (1927) das Denken über die Zeit zum Gegenstand hat, sparte nicht mit Lob. "In der abendländischen Philosophie sind uns drei bahnbrechende Besinnungen auf das Wesen der Zeit überliefert: die erste hat Aristoteles durchgeführt, die zweite ist das Werk des heiligen Augustinus, die dritte stammt von Kant", beginnt er 1930 einen im Kloster Beuron gehaltenen Vortrag. Und Edmund Husserl, der Nestor der Phänomenologie, befand sogar: Das elfte Buch der Confessiones müsse "auch heute noch jedermann gründlich studieren, der sich mit dem Zeitproblem beschäftigt". "Denn herrlich weit gebracht" habe es dort Augustinus und vor allem: "erheblich weitergebracht als dieser große und ernst ringende Denker hat es die wissensstolze Neuzeit in diesen Dingen nicht." Das sitzt.

Augustinus selbst hingegen schien über weite Strecken seiner Analyse, die sich wie ein Dialog mit Gott ausnimmt, mehrfach der Verzweiflung nahe zu sein. Schon zu Beginn seufzt er: "Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich's; will ich's aber einem Fragenden erklären, weiß ich's nicht." Ausgehend von dem alltagstauglichen, vorphilosophischen Zeitverständnis des Menschen, das bis heute die Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unterteilen pflegt, fragt Augustinus eingangs nach dem Sein der Zeit. Zügig stellt er fest, dass eigentlich nur die Gegenwart seiend sein könne: "Vergangenheit und Zukunft, wie sollten sie seiend sein, da das Vergangene doch nicht mehr ,ist', das Zukünftige noch nicht ,ist'?"

Die Zeit fliegt reißend schnell

Doch diese Gegenwart bereitet Probleme. Denn: "Die Gegenwart hinwieder, wenn sie stetsfort Gegenwart wäre und nicht in die Vergangenheit überginge, wäre nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit. Wenn also die Gegenwart nur dadurch zu Zeit wird, dass sie in die Vergangenheit übergeht, wie können wir dann auch nur von der Gegenwartszeit sagen, dass sie ist, da doch ihr Seinsgrund eben der ist, dass sie nicht sein wird?"

Damit nicht genug: Auch die Gegenwart, die als einzige "sein" könne, entzieht sich Augustinus' Zugriff. Ausgehend von der Frage, wie lang die Gegenwart sein könne, betrachtet er, beginnend bei einem Jahrhundert, immer kleinere Zeiteinheiten, bis er schließlich bei einer Stunde angelangt ist. Doch auch hier stellt er fest: Auch die einzelne Stunde "läuft in flüchtigen Teilchen ab: was von ihr entflogen ist, ist ,vergangen', was von ihr noch übrig ist, ist ,künftig'". "Gegenwärtig" dürfte man daher allein "solche Zeit" nennen, die "so winzig" sei, dass sie sich "gar nicht mehr teilen lässt", nicht einmal mehr "in Splitter von Augenblicken". Nur, leider gibt es die eben nicht. Stattdessen "fliegt" die Zeit "so reißend schnell von Künftig zu Vergangen, dass auch nicht ein Weilchen Dauer sich dehnt. Denn sowie sie sich ausdehnt, zerfällt sie schon wieder in Vergangenheit und Zukunft; aber als Gegenwart ist sie ohne Ausdehnung". Wenn aber die Gegenwart keine Ausdehnung besitzt und daher, ebenso wie Vergangenheit und Zukunft nicht "ist", dann kann sie auch nicht "lang" sein.

Alles zurück auf Anfang?

Also, alles zurück auf Anfang? Nicht ganz. Augustinus wird gewahr, dass es neben dem Blick von außen, mit dem er bisher auf die Zeitdimensionen geschaut hat, auch noch eine weitere Perspektive gibt. Nämlich jene, mit der wir Zeit "wahrnehmen". Das Problem der "seinslosen" Zeitdimensionen noch einmal rekapitulierend, stellt Augustinus die Ergründung des Seins der Zeit zurück und nimmt sich der Zeitmessung an. Sich an Gott wendend stellt er fest: "Und gleichwohl, Herr, nehmen wir Zeiträume wahr und vergleichen sie miteinander und sprechen von längeren und kürzeren. Wir messen auch, um wieviel diese Zeitspanne länger oder kürzer ist als jene, und sagen, sie sei doppelt so lang - oder sie sei eben so lang wie diese."

Womit aber messen wir Zeitspannen? Nicht mit Chronometern, wie die Uhrenindustrie uns glauben machen will, sondern mit dem Geist. Dort "sind", wie Augustinus bald feststellt, auch Vergangenheit und Zukunft: "Freilich werden, wenn man Vergangenes der Wahrheit getreu erzählt, nicht die Wirklichkeiten selbst hervorgeholt, die vergangen sind, sondern nur Worte, geschöpft aus Bildern, die im Geiste, als sie durch unsere Sinne hindurchzogen, gleichsam Spuren eingedrückt haben."

Die Gegenwart ist ausdehnungslos

Nun kann man fragen, wie denn dann die Zukunft, die noch gar nicht ist, Spuren im menschlichen Geist hinterlassen kann. Und Augustinus tut genau das. Seine Antwort: "Ich betrachte die Morgenröte; ich sage den Aufgang der Sonne voraus. Was ich betrachte, ist gegenwärtig, was ich voraussage, ist künftig; nicht die Sonne ist künftig, die ist ja schon, sondern ihr Aufgang, der noch nicht ,ist'; aber auch diesen Aufgang könnte ich nicht voraussagen, wenn ich nicht im Geiste ein Vorstellungsbild davon hätte." Augustinus folgert: "Soviel aber ist nun klar und deutlich: Weder die Zukunft noch die Vergangenheit ,ist' und nicht eigentlich lässt sich sagen: Zeiten ,sind'  drei: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; vielmehr sollte man, genau genommen sagen: Zeiten ,sind' drei: eine Gegenwart von Vergangenem, eine Gegenwart von Gegenwärtigem, eine Gegenwart von Künftigem. Denn es sind diese drei Zeiten als eine Art Dreiheit in der Seele, und anderswo sehe ich sie nicht." Die Gegenwart des Vergangenen bezeichnet Augustinus sodann als "Erinnerung", die des Gegenwärtigen als "Augenschein" und die des Künftigen als "Erwartung". Erlaube man ihm "so zu sprechen", dann sehe auch er drei Zeiten "und gebe zu, ja, es ,sind' drei".

Ist damit das Wie der Zeitmessung schon hinreichend verstanden? Keineswegs. Auch wenn jetzt alle drei Zeitdimensionen auf unterschiedliche Bezüge der Gegenwart "zusammenschrumpfen" (Safranski), bleibt ein Problem übrig: Denn da die Gegenwart, wie Augustinus zuvor festgestellt hatte, ausdehnungslos ist, lässt sie sich genauso wenig messen, wie das, was nicht mehr oder noch nicht ist. Ihm "brennt", bekennt Augustinus, "der Geist danach, dies ungemein verwickelte Rätsel zu entwirren". Und um Erkenntnis geradezu bettelnd fährt er fort: "Halt nicht verschlossen, Herr, mein Gott, guter Vater, bei Christus beschwöre ich Dich: Gib, Vater, der Du wahrlich ,gute Gaben Deinen Kindern zu geben' weißt, gib, da ich es unternommen habe und ,Mühsal mein Anteil ist', bis Du öffnest."

In dir, mein Geist, messe ich die Zeiten

Es braucht fünf weitere Kapitel, bis Augustinus unter Ausschluss mehrerer anderer Möglichkeiten, wie dem Messen der Bewegung von Körpern, die er alle verwirft, auf die Lösung stößt. Er findet sie, indem er das Singen eines Liedes betrachtet und in seine Einzelteile zerlegt: "Eh ich beginne, erstreckt sich meine Erwartung über das Ganze; habe ich begonnen, so erstreckt sich so viel, als ich von meiner Erwartung schon zum Vergangenen hinübergepflückt habe, nun in die Erinnerung - was dennoch in Gegenwärtigkeit dableibt, ist eben mein Bedacht im Vollzug. In dem Maße, als das fortschreitend geschieht, längt sich die Erinnerung und kürzt sich die Erwartung."

Mit anderen Worten: der Zeitmessung liegt eine vergleichende Tätigkeit der Seele zugrunde. Augustinus jedenfalls ist sich sicher: "In dir, mein Geist, messe ich die Zeiten. Der Eindruck, der von den Erscheinungen in ihrem Vorüberziehen in dir erzeugt wird und in dir zurückbleibt, wenn die Erscheinungen vorüber sind, der ist es, den ich messe als etwas Gegenwärtiges, nicht das, was da, den Eindruck erzeugend, vorüberging; nur ihn, den Eindruck, messe ich, wenn ich Zeiten messe. Also sind entweder die Eindrücke die Zeiten, oder ich messe die Zeiten überhaupt nicht."

Anders formuliert: Zeit ist eine Abstraktion. Die tätige Seele konstituiert durch Erwartung, Inaugenscheinnahme und Erinnern tatsächlicher Ereignisse die Zeitdimensionen Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Im Fluss der durch die tätige Seele so erst "erschaffenen" Zeit erlebt der Mensch diese, weil sein Geist die Eindrücke, die das Gewahrwerden der Ereignisse (ihr Werden und Vergehen) in ihm erzeugen, vergleichend misst. Auf diese Weise "zeitigt" (Heidegger) das menschliche Bewusstsein die Welt der Ereignisse. Während die mechanische Maschinenzeit der Uhr immer im gleichen Takt "verstreicht", vermag die Zeittheorie des heiligen Augustinus auch zu erklären, warum Menschen eine Maschinenzeit-Stunde Langeweile (wenig wahrgenommene Ereignisse, wenig Eindrücke) als "quälend lang" empfinden, während sie eine Maschinenzeit-Stunde Kurzweil (viele wahrgenommene Ereignisse, viele Eindrücke) als "unverschämt kurz" zu erachten pflegen.

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Regina Einig