Piepers Philosophie

Echter Glaube braucht Realität

Josef Pieper war ein philosophischer Lehrer der Kirche in der modernen Welt: Eine Betrachtung zum 25. Todestag.
Josef Pieper war ein philosophischer Lehrer der Kirche in der modernen Welt
Foto: Berthold Wald | Meistgelesen: Der Erfolg der Bücher von Josef Pieper ist auch in seinem leicht verständlichen Stil begründet.

Vor nunmehr 25 Jahren, am 7. November 1997, verstarb der katholische Philosoph Josef Pieper in Münster im Alter von 93 Jahren. Über viele Jahrzehnte lehrte er an der Pädagogischen Hochschule in Essen und mehr als 50 Jahre an der Universität Münster mit Schwerpunkt auf dem Gebiet der Philosophischen Anthropologie. In einer späten Selbstauskunft für die nach ihm benannte Josef-Pieper-Stiftung hat er die Intention seiner philosophischen Lehrtätigkeit so charakterisiert:

Neuformulierung des in der abendländisch-christlichen Tradition (von Platon bis John Henry Newman, Romano Guardini, C.S. Lewis) paradigmatisch entfalteten Bildes vom Menschen und der Wirklichkeit im Ganzen.“ „Wenn ich nicht mehr lehren kann, möchte ich von Gott abberufen werden“, hat er mir einmal gesagt und dabei sicher auch an seinen verehrten Lehrmeister Thomas von Aquin gedacht. Der war ihm besonders wichtig als „einer der letzten großen gemeinsamen Magister der noch ungeteilten ... abendländischen Christenheit“.

„Ein bloß praktisches Überzeugtsein, ‚als ob‘ man glaubt, ist überhaupt kein Glaube,
auch nicht ein Akt höherer ‚Aufrichtigkeit‘.
Es wäre nichts weiter als gedankenlose Unaufrichtigkeit oder
– mit Kant gesprochen – in der Tat eine ‚kleine Anwandlung von Wahnsinn‘.“

Pieper selbst war vor allem akademischer Lehrer, der in Vortrag und Schrift alles diesem Ziel der Vermittlung untergeordnet hat. Gemessen an der Auflage seiner Schriften und der großen Zahl von Übersetzungen ist er der meist gelesene deutsche Philosoph des 20. Jahrhunderts. Fragt man nach den Gründen für den weltweiten Erfolg seiner Bücher, wird man zunächst an die klare Sprache denken, in der Pieper seine Gedanken zu formulieren wusste und sich darin wohltuend von anderen deutschen Philosophen unterschied.

Im Lande Martin Heideggers musste das nicht unbedingt eine Empfehlung sein. In akademischen Kreisen galten und gelten bisweilen auch heute noch spekulativer Eigenwille und terminologische Extravaganz als Ausweis des philosophischen Denkens. Als ich in Freiburg im Breisgau, an der Universität Martin Heideggers, mit dem Studium begann, bekam ich auf meine Frage nach der Relevanz der Schriften Piepers für das Studium der Philosophie von einem jungen Mitarbeiter des Philosophischen Seminars zur Antwort: „Josef Pieper? Den versteht doch jeder – Das ist keine Philosophie!“

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Seine Bücher werden in großer Zahl gelesen

Wie kommt es aber dann, dass seine Bücher in so großer Zahl gelesen wurden und vor allem von wem? Dazu sollen hier kurz drei Stimmen zu Wort kommen lassen, die zugleich die Kühnheit des Titels rechtfertigen mögen, Josef Pieper als Philosophen einen Lehrer der Kirche zu nennen. Das erste und gewichtigste Zeugnis stammt von Papst Johannes Paul II. In einem persönlichen Glückwunschschreiben zum 90. Geburtstag an Josef Pieper zum 4. Mai 1994 heißt es darin:

„In den zurückliegenden Jahrzehnten haben Sie ganze Generationen von Philosophie- und Theologiestudenten an den Hochschulen in Essen und Münster, darüber hinaus jedoch ebenso einen weltweiten Hörerkreis ... zu prägen vermocht und sie mit dem reichen Erbe christlichen Philosophierens vertraut gemacht. Das Denken Ihres eigenen Lehrmeisters Thomas von Aquin, aus dessen weitverzweigtem Werk Sie wie kein anderer ungewöhnlich kenntnisreich zu schöpfen verstanden, ist so für die jüngeren Generationen ein Rüstzeug geworden, auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes die Wirklichkeit von Zeit und Ewigkeit zu durchdringen und als verlässliche Existenzbasis zu vermitteln.“

Hohe Wertschätzung Piepers durch Papst Benedikt XVI.

Hören wir noch zwei weitere Stimmen, nun aus der vom Papst angesprochenen jüngeren Generation, auch wenn diese inzwischen selbst in die Jahre gekommen ist. Zunächst die Stimme seines Nachfolgers im Amt, Papst Benedikt XVI., damals noch Präfekt der römischen Glaubenskongregation. In einem persönlichen Brief schreibt mir Kardinal Ratzinger im November 1997 zum Tod von Josef Pieper: „Für uns bleibt sein Werk ein Vermächtnis von großer Bedeutung. In einem oft einsamen Weg, zuerst umgeben vom Widerspruch nationalsozialistischer Ideologie, dann nach einer kurzen Zeit des Aufbruchs und der Hoffnungen hineingestellt in die antimetaphysische Revolte, die von der Frankfurter Schule her immer mehr zur bestimmenden Weise des Denkens wurde, hat er unbeirrt die eigentliche Frage der Philosophie wachgehalten, die Frage nach dem Woher und nach dem Wohin, nach dem inneren Wesen und Sinn unserer Existenz... In der Wirrnis der siebziger Jahre ist mir dann sein Werk erst recht zu einer wesentlichen Hilfe geworden.“

Schließlich eine letzte Stimme im Gedenken an den 100. Geburtstag von Josef Pieper. In einem Festvortrag „Über den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens“ nennt Kardinal Lehmann Pieper einen „Meister des Lebens und Lehrens, des Denkens und gewiss auch des Glaubens oder zumindest der Hinführung zum Glauben“. Kardinal Lehmann bekennt zum Schluss: „Schon auf dem Gymnasium habe ich mein Taschengeld verwendet, die einzelnen Bücher zu kaufen. So steht noch DM 2,80 oder 3,20 als Preis auf der Innenseite. Auch wenn man später andere Wege gegangen ist, so war der Weg überhaupt mit der Hilfe dieser fundamentalen Meister ,gemeint ist auch Romano Guardini‘ gefunden und gangbar gemacht.“

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Dem Glaubenkönnen den Boden bereiten

Es ist nun ganz unmöglich, auf engem Raum Gestalt und Werk des Philosophen Josef Pieper so darzustellen, dass auch die mit seinem Werk noch Unvertrauten einen konkreten Eindruck von der Bedeutung seiner Schriften erhalten. Daher soll die Darstellung pars pro toto auf den Aspekt seines Werkes beschränkt werden, der mir in der gegenwärtigen Lage von Theologie und Philosophie, Glaube und Kirche, die größte Relevanz zu besitzen scheint. Pieper selbst hat es zeitlebens als seine Aufgabe angesehen, der inneren Möglichkeit des Glaubenkönnens den Boden zu bereiten.

Dies geschah zum einen durch seine Darlegung des christlichen Menschen- und Geschichtsbildes und zum anderen in der Benennung der Schwierigkeiten, die dem Verständnis und dem Vollzug des christlichen Glaubens heute im Wege sind. Pieper sprach damals – in der „Zeit der Wirrnisse“ (so Kardinal Ratzinger) – mit einem Hegel-Zitat von den „Verwüstungen der Theologie“, von einem akademischen „Betrug“, „der ,heute‘ dem Durchschnittsmenschen die Chance des Glaubenkönnens hoffnungslos zu versperren droht.“

Pieper heute noch wichtiger als zu Lebzeiten

Seine eigenen Beiträge zur Befreiung aus dieser Krise verstand er gleichwohl nicht als unmittelbar theologisch, sondern als „notgedrungene Klärungsversuche“ im Vorfeld der Theologie. Die wichtigsten dieser Klärungsversuche sind 2021 neu erschienen mit dem Titel „Josef Pieper: Die Dimension des Heiligen zurückgewinnen“ (Johannes Verlag Einsiedeln). In einem privaten Schreiben teilte mir Papa em. Benedikt XVI. dazu mit: „Die Stimme von Josef Pieper ist heute wohl noch wichtiger als zu seinen Lebzeiten.“

Theologie und „Pseudotheologie“ sind für Pieper zuerst durch die philosophischen Grundlagen ihres Denkens unterschieden. „Pseudotheologie“ ist der Versuch, dem christlichen Glauben eine nichtrealistische Deutung zu geben, wobei „nichtrealistisch“ bedeutet, dass nicht die göttliche Offenbarung, sondern das menschliche Bedürfnis nach Sinn und Trost den Gehalt des christlichen Glaubens hervorbringt. Ich nenne eine solche Theologie mit einer terminologischen Anleihe bei Immanuel Kant eine „Theologie des ,als ob‘“. Das „als ob“ ist bei Kant aber nicht kritisch, sondern affirmativ gemeint. Nur im Modus des „als ob“ kann Theologie dem Anspruch der Vernunft genügen. Mit Pieper wäre da zu fragen: „Hat man es, wie Nietzsche sagt, ,im Falle des christlichen Glaubens‘ mit einer ,Betrachtsamkeit‘ zu tun oder mit Realität? Daran entscheidet sich alles übrige.“

Eine realitätslose Schau

Dass sich hier aus sehr prinzipiellen, vortheologischen Gründen etwas entschieden hat, und zwar gegen den Wahrheitsanspruch des Christentums und den einzig standhaltenden Sinn des christlichen Glaubens, ist der gemeinsame Ausgangspunkt von Piepers Schriften zur Religionsphilosophie. Diese Gründe liegen zunächst außerhalb der Theologie im Weltverhältnis des neuzeitlichen Menschen, das sich dem zwischenzeitlichen Wandel des wissenschaftlichen Weltbildes zum Trotz bis in die Gegenwart durchgehalten hat und insbesondere auch das intellektuelle Klima theologischer Debatten bestimmt.

Wenn es jedoch nicht gelingt oder nicht einmal gewollt ist, dass, worauf Pieper insistiert, „der einzig widerständige Kern“ des christlichen Glaubens, die „wirkliche Anwesenheit Gottes unter den Menschen [...] beim Namen genannt“ wird, dann wird nicht allein die theologische Rede von Gott zur realitätslosen Metapher. Es wird unvermeidlich auch und erst recht „alles ,Sakrale‘ Krampf oder Routine bleiben [...], bloßes ,Theater‘ und eine vielleicht noch immer eindrucksvolle, aber im Grunde realitätslose Schau.“

Wem diese Ausdrucksweise zu drastisch erscheint und die Konsequenz des Gedankens nicht einleuchten will, der sei nur daran erinnert, dass Kant auf den letzten Seiten seiner Religionsschrift mit derselben Deutlichkeit die Frage nach dem Realitätsgehalt der christlichen Glaubenspraxis beantwortet hat. Auch für Kant hängt der Sinn der in Gebet und christlichen Kulthandlungen zum Ausdruck gebrachten religiösen Überzeugungen entscheidend davon ab, ob der Glaubende „diesen höchsten Gegenstand als persönlich gegenwärtig“ annimmt oder nicht.

 

 

Glauben ohne realen Gottesbezug?

Kann er das nicht, – was Kant aus vortheologischen Gründen für ausgemacht hält – und geht er von der Abwesenheit Gottes aus (eventuell auch von seiner Nichtexistenz – das muss für Kant offen bleiben), dann werden Gebet und Gottesdienst mit „voller Aufrichtigkeit“ nur so zu verrichten sein, „als ob sie im Dienste Gottes geschehen“, während ein Gebet – verstanden als Anbetungsakt und ohne diesen inneren Vorbehalt des „als ob“ – einen Menschen „vor der Hand in den Verdacht [bringt], dass er eine kleine Anwandlung von Wahnsinn habe.“

„Als ob“ (Kant) oder „bloßes Theater“ (Pieper) – der sachliche Unterschied zwischen den von Pieper und Kant vertretenen Auffassungen liegt nicht in der logischen Konsequenz des Gedankens: beide halten den realitätslosen Glauben für einen Gauben „als ob“. Der Unterschied liegt darin, dass Kant einen solchen Glauben ohne realen Gottesbezug als unvermeidliche Konsequenz religiöser Aufklärung gleichwohl in praktischer Hinsicht empfiehlt. Dem liegt die seit Lessing von den Aufklärungsphilosophen und -theologen geteilte Annahme zugrunde, dass der Realitätsverlust der christlichen Glaubensüberzeugungen durch die soziale Nützlichkeit der christlichen Glaubenspraxis kompensiert wird, dass also der Übergang von einer realistischen zu einer nichtrealistischen Deutung die Praxis eines gelebten christlichen Glaubens gar nicht betrifft.

Mit Pieper auf dem richtigen Weg bleiben

Dass die aufklärerische Deutung und die ihr folgende Praxis eines Christentums des „als ob“ an sich selbst scheitern muss, ist allerdings nicht schwer einzusehen. Funktionalistische oder reduktionistische Deutungen religiöser Überzeugungen und Verhaltensweisen haben den Haken, dass sie nur in der Außenperspektive ohne Selbstwiderspruch durchzuhalten sind. Wer – als Nichtchrist – davon überzeugt ist, dass der christliche Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und an seine geschichtlich wirksame Gegenwart in den Sakramenten nur ein Irrglaube sein kann, der wird nach historischen, psychologischen und soziologischen Erklärungen für die faktische Existenz dieses Glaubens suchen.

Er muss dies sogar tun, wenn ihm die eigene Überzeugung nicht gleichgültig ist. Das Christentum wird ihm dann als ein frühes, noch unreifes Stadium magischer Weltdeutung erscheinen (Auguste Comte), als nützliche Lüge im Gewand der Wahrheit (Friedrich Nietzsche) oder gar als vorsätzlicher Betrug und Opium fürs Volk (Karl Marx), jedenfalls als eine längst durchschaute Illusion (Sigmund Freud).

Kant als Schwierigkeit zu glauben

Dem gläubigen Christen steht es dagegen nicht frei, eine nichtrealistische Perspektive auf seinen Glauben einzunehmen, ohne sich hierin selbst zu widersprechen. Wenn glauben heißt, „etwas auf das Zeugnis eines anderen hin als wahr und wirklich akzeptieren“, dann hebt ein Vorbehalt gegenüber der Realität des zu glaubenden Sachverhalts auch die Möglichkeit des eigenen Glaubens auf. Nicht zu glauben, was der Glaube real besagt, ist kein Akt des Glaubens. Ein bloß praktisches Überzeugtsein, „als ob“ man glaubt, ist überhaupt kein Glaube, auch nicht ein Akt höherer „Aufrichtigkeit“. Es wäre nichts weiter als gedankenlose Unaufrichtigkeit oder – mit Kant gesprochen – in der Tat eine „kleine Anwandlung von Wahnsinn“.

Das „Erbe Immanuel Kants“ ist so als eine Wurzel der von Pieper analysierten „Schwierigkeit, heute zu glauben“ anzusehen. In der Entgegensetzung der philosophischen Grundpositionen von Pieper und Kant ist deutlich zu sehen, weshalb die von Kardinal Lehmann erwähnten „anderen Wege“ nicht bloß von Josef Pieper als dem Lehrmeister der eigenen Jugendjahre wegführen mussten. Es waren und sind dies mit einer inneren Zwangsläufigkeit auch Irrwege, die zumindest eine religiös wieder ansprechbare junge Generation heute im Begriff steht zu verlassen. Die Bekanntschaft mit dem Werk Piepers könnte ihr dabei eine große Hilfe sein.


Berthold Wald, Dr. phil. habil., Jahrgang 1952, emeritierter Professor für Systematische Philosophie
an der Theologischen Fakultät Paderborn, ist Herausgeber der Werke von Josef Pieper
und Betreiber der Seite josef-pieper-arbeitsstelle.de.

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