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Das 17. Türchen

Am Beginn der O-Antiphonen: ein Ruf nach Weisheit in unruhigen Zeiten.
Das 17. Türchen des Tagespost-Adventskalenders
Foto: DT / Hageböck | Das 17. Türchen des Tagespost-Adventskalenders.

Liebe Leserinnen und Leser,

ab dem 17. Dezember geht es nun ganz rasch auf Weihnachten zu: liturgisch ausgedrückt durch die sogenannten O-Antiphonen. „O Weisheit“ – dieser erste Ruf stellt uns mitten in eine Welt, die immer schneller wird und doch Orientierung sucht. Das Bild der mittelalterlichen Buchmalerei knüpft daran an: ein weihnachtliches Motiv, das alte Symbolsprachen neu zum Leuchten bringt. Und die Musik zu „O Sapientia“ führt uns hörbar auf diesen Weg der letzten Adventstage – ein Ruf, der Herz und Blick weitet.

Einen gesegneten Start in den Tag wünscht Ihnen

Ihre Franziska Harter 
Chefredakteurin


MIT DER BIBEL DURCH DEN ADVENT

Tageslesungen:
Gen 49,1–2.8–10
Mt 1,1–17

O Weisheit

In einer Welt, die ihr eigenes Tempo nicht mehr im Griff hat, weist die Bibel heute auf die Weisheit hin, Zeugin der Schöpfung der Welt und Gabe des Heiligen Geistes  Von Margarete Strauss

Es gibt Tage, an denen die Welt wirkt, als habe sie ihr eigenes Tempo nicht mehr im Griff – immerwährend auf der Überholspur. Man spürt eine Art intellektuelles Flirren: viele Daten, viele Deutungen, wenig Richtung. In diese diffuse Gegenwart hinein tritt heute ein bemerkenswerter liturgischer Akzent. Die Kirche beginnt die O-Antiphonen – und eröffnet mit einem Ruf, der älter ist als jedes unserer Probleme: „O Weisheit, hervorgegangen aus dem Munde des Höchsten.“

Hier auch zum Anhören:

Audio

Wer diese Weisheit ist, zeichnet das Buch der Sprichwörter mit einer überraschenden Kühnheit. Ab 8,22 spricht sie selbst: „Der HERR hat mich geschaffen als Anfang seines Weges, vor seinen Werken in der Urzeit.“ Die Weisheit beschreibt sich als Zeugin der ersten Regungen der Welt: anwesend, als die Tiefen entstanden, als der Himmel gespannt wurde, als Grenzen gesetzt wurden. Und dann dieses beinahe zärtliche Bild: „Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit.“

Das ist mehr als ein poetisches Ornament. Es ist die Vorstellung, dass Wirklichkeit nicht nur aufgebaut, sondern durchwoben ist von einer schöpferischen Intelligenz, die zugleich Freude kennt. Die frühe Kirche hörte in dieser Stimme mehr als eine Allegorie. Kurz vor Weihnachten lässt sie bewusst diese Antiphon erklingen, weil sie in der uranfänglichen Weisheit einen leisen Vorblick sah – eine Spur, die auf den verweist, dessen Geburt wir erwarten. Nicht Lärm, nicht Macht, sondern Weisheit als göttlicher Stil, der in einem Menschen Gestalt annimmt. „Komm und offenbare uns den Weg der Weisheit und Einsicht.“ Diese Bitte ist kein nostalgischer Rückgriff, sondern eine nüchterne Hoffnung: dass zwischen den Echos unserer Zeit eine andere Stimme hörbar wird. Vielleicht ist es genau diese leise Weisheit, die Sie heute findet – nicht indem sie Antwort gibt, sondern indem sie tiefer schauen lässt.

Die Autorin ist Theologin und Bloggerin.


WEIHNACHTEN IM BILD

Buchmalerei
Foto: Hageböck | Die zeitgenössische Buchmalerei von Hildegard Mohr greift traditionelle Stilmittel und Techniken auf.

Eine Kerze als Symbol

Historische Materialien und eine traditionelle Bildsprache: Eine junge Künstlerin macht die Buchmalerei neu zugänglich  Von Michael K. Hageböck

„Das passt auf keine Kuhhaut“, pflegte man zu sagen, als Bücher noch aus Pergament bestanden und eine Seite keine Bleiwüste aus digital arrangierten Lettern war, sondern ein mit Bildern ausgestalteter Text, deren Typologie half, seine Bedeutung tiefer zu ergründen.

Im Stil der abendländischen Buchmalerei illustrierte die junge Künstlerin Hildegard Mohr 2022 den Introitus von Weihnachten „Puer natus est“ mit aus Naturmaterialien selbst hergestellten Farben auf die Haut einer Ziege. Inspiriert von dem kleinen Stundenbuch des Jean de Berry (14. Jahrhundert), zeigt die Künstlerin den neugeborenen Heiland, der sich an das Gesicht seiner jungfräulichen Mutter schmiegt. In seinen Proportionen sieht Jesus allerdings wie ein junger Mann aus, dessen Nimbus mit Kreuz auf seine Berufung hinweist.

Mit seiner linken Hand hält der Nährvater Christi eine brennende Kerze, um Jesus und Maria Licht zu spenden, während seine rechte die Flamme vor dem Wind schützt. Die Kerze symbolisiert sowohl tätige Nächstenliebe, die sich für andere verzehrt, als auch Gottesliebe, die sich gleich einer Flamme zum Himmel erhebt. Der Nachfahre aus dem Haus Davids trägt einen sogenannten Judenhut, der ab dem 11. Jahrhundert in der Kunst auftritt, um Menschen des Volkes Israel zu kennzeichnen.

Heilige Familie und Trinität

Die Efeuranken sind nicht nur ein beliebtes Ornament der gotischen Kunst, welche für Treue und ewiges Leben stehen, sondern weisen mit ihrer Farbgebung auch auf Maria (Blau), Josef (Rot) und Jesus (Gold) hin. Ferner wird die Dreizahl durch die Rosen aufgegriffen, welche über die Personen der Heiligen Familie hinaus an die Trinität erinnert. Die rote Farbe dieser Blumen präfiguriert die bevorstehende Passion. Gleichzeitig sind Rosen ohne Dornen ein Signum der ungefallenen Schöpfung; durch die unbefleckten Herzen Jesu und Mariä ist uns das Paradies nahe. Der goldene Hintergrund erinnert an die Gegenwart Gottes.

Wie der Ochs unter seinem Joch das dem Gesetz unterstehende Judentum bezeichnet, so steht der unverständige Esel für das Heidentum. Auf den Introitus schauend, stimmen verschiedene Vögel in den Lobgesang auf den Erlöser ein, jeder auf seine Weise: ganz links der Choleriker, gefolgt vom Phlegmatiker, vom Sanguiniker und ganz rechts vom Melancholiker. Wer die unterschiedlichen Temperamente betrachtet und dabei demütig seine persönlichen Eigentümlichkeiten in den Blick nimmt, wird dankbar den abgebildeten Vers zitieren: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“

Der Autor ist als langjähriger Schulleiter publizistisch tätig zu Themen aus Kunst und Kultur.


ADVENTLICHE KLÄNGE

Sieben Stationen auf dem Navi nach Bethlehem

O Sapientia: Ganz zu Anfang wird die Weisheit besungen. Sie ist eng verbunden mit dem Licht der Welt  Von Barbara Stühlmeyer

Sieben Tage der Schöpfung, sieben Todsünden, sieben Schmerzen Mariens, sieben Gaben des Heiligen Geistes – kein Wunder, dass der wunderbar wilde Garten der bis zu 23 O-Antiphonen, die im Advent den Endspurt zum Fest der Lichtgeburt des Erlösers einleiten, schließlich auf sieben fokussiert wurde. Die Zahl, die jenen, die auf allen Ebenen der Welt nach Sinn suchen, als heilig gilt, verdankt diesen Status auch jener Addition aus der für die irdische Wirklichkeit stehenden Vier und der die himmlische Herrlichkeit repräsentierenden Drei.

Dass die O-Antiphonen zum Brennpunkt der letzten Tage gespannter Erwartung werden, hat auch mit ihrem liturgischen Ort zu tun. Als Rahmenvers des Magnificat trainieren sie jeden Abend neu die geistlichen Grundhaltungen, die Maria vorlebt und damit zum Urbild der aufnahmebereiten, wandlungsfähigen Kirche wird. Grundlage für deren Sein ist die Offenheit für das je neu sie Übersteigende. Deshalb spannt die erste dieser Antiphonen den Bogen vom Himmel zur Erde – den Weg des Erlösers zugleich vor- und nachzeichnend. Ihr Thema: lichte Weisheit, sich verströmend von einem Ende der Welt bis zum anderen, bergend, ordnend, öffnend für das, was wir am dringendsten brauchen: Einsicht. Wer auf der Herzensebene versteht, was die Welt im Innersten zusammenhält, braucht keine umfangreichen Gebotskataloge mehr, was Augustinus in seinem berühmten Diktum „Liebe und tu, was du willst“ zusammenfasste.

„O Sapientia“ zeigt am Beginn der letzten Adventswoche die Abkürzung, die direkt ins Herz des Vaters führt. Kein Wunder, dass der Text der ersten O-Antiphon wie alle anderen mit dem Urlaut des Staunens beginnt. Staunen angesichts der lichten und zutiefst persönlichen Qualität der Begegnung mit der heiligen Weisheit, Sophia, die vor Gott singt und spielt und die große Theologinnen wie Hildegard von Bingen mit der Liebe und dem Heiligen Geist assoziieren. Ihre wegweisende Kraft ist jedem zugänglich.

Die Autorin ist Theologin und schreibt zu kulturgeschichtlichen Themen und Musik.


 

Info:

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Redaktion Barbara Stühlmeyer Bethlehem Hildegard von Bingen Jesus Christus Trinität Weisheit

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