Es scheint fast schon symbolisch, dass in die Zeit, in der die letzte Synodalversammlung stattgefunden hat, auch der 50. Todestag von Arnold Gehlen gefallen ist. Denn kaum ein anderer hat so intensiv wie der Soziologe und Philosoph (1904-1976) über die Bedeutung von Institutionen nachgedacht. Der Mensch ist für Gehlen ein Mängelwesen. Als solches verfügt er, anders als die Tiere, nicht etwas über einen Pelz, scharfe Krallen oder Zähne, um in der Natur überleben zu können. Er ist verdammt dazu, Kultur zu schaffen.
Das, was sich auf den ersten Blick als natürlicher Nachteil darstellt, entpuppt sich letztlich als Vorteil. Denn durch diese kulturbildende Kraft gibt der Mensch der Welt Ordnung und er gewinnt so Macht über sie. Und eine entscheidende Rolle kommt dabei den Institutionen zu. Sie sind die menschlichen Instrumente, die den Mangel an natürlichen Vorteilen kompensieren.
Die Kirche ordnet die transzendentale Ausrichtung des Menschen
Klassische Institutionen sind etwa der Staat, die Armee, das Schul- und Bildungswesen und damit auch die Universität. Vor allem aber auch: die Kirche. Die Institutionen schaffen einen kulturellen Rahmen, in dem der Mensch eine Ordnung vorfindet, nach der er mit existenziellen Problemen umgehen kann. Der Staat regelt die Ordnung des Gemeinwesens, die Armee kümmert sich um die Sicherheit vor äußeren Feinden und die Universität ist der Ort, an dem das Wissen und die forschende Kreativität der Staatsbürger für das Gemeinwesen fruchtbar gemacht wird.
Die Kirche schließlich, das ist die Institution, die die transzendentale Ausrichtung der Menschen, der eben ein religiöses Wesen ist, ordnet, dafür sorgt, dass sie nicht in eine spekulative Leere hinausläuft, sondern sich an eine konkrete Glaubenslehre rückbindet.
Noch vor zehn Jahren hätten wohl viele zugestimmt, dass es gerade die katholische Kirche sei, die in Deutschland noch am ehesten diesen Bedingungen gerecht wird, die an eine Institution nach dem Verständnis von Arnold Gehlen gestellt werden. Im Zuge der Liberalisierungswelle, die seit den ausgehenden 60er Jahren das gesellschaftliche Leben in der Bundesrepublik weitgreifend verändert hat, schienen fast alle Institutionen morsch geworden zu sein. Die Universität erlebte die 68er-Studentenrevolte, Soldaten sollten plötzlich nicht mehr wissen, was es heißt, Soldat zu sein – man denke an die „Soldaten sind Mörder-Debatte in den 90ern.
Resistent gegenüber den Trends eines neuen Zeitgeistes
Nur die katholische Kirche wirkte nahezu resistent gegenüber den Trends eines neuen Zeitgeistes. So war es kein Wunder, dass etwa der bedeutende konservative Publizist Caspar von Schrenck-Notzing, beflügelt vom Pontifikat Benedikts XVI., katholisch geworden ist, nachdem er schon Jahre zuvor aus der evangelischen Kirche ausgetreten war. Alexander Eiber hat die Motivation Schrencks in seiner kürzlich veröffentlichten Biographie skizziert, welche Hoffnungen den bayerischen Freiherrn damals bewegten. Und dieses Beispiel ist durchaus symptomatisch für die konservative Szene insgesamt in Deutschland damals, die in der katholischen Kirche ein Bollwerk gegen den allgemeinen Institutionenverfall erkannte.
Und jetzt zum Synodalen Weg: Der gesamte Prozess lässt sich ja vor allem als eine große Verunsicherung über die Konstitution der Kirche als Institution sehen. Oder auch noch mehr: Ist es dem christlichen Glauben überhaupt dienlich, in so einer Institution solch einen ordnenden Rahmen zu finden? Ja, wird nicht vielmehr der eigentliche Glaubensinhalt verfremdet, weil er durch die institutionellen Machtstrukturen dominiert wird?
Angesichts dieser Fragen fallen zwei Phänomen auf: Für Gehlen war klar, dass die Aufgabe der Institutionen sich nicht darin erschöpft, eine Entlastungsfunktion für den Menschen auszuüben. Sie ist ohne Zweifel wichtig, weil sie ihn von der Last befreit, jeden Morgen neu die Welt für sich ordnen zu müssen. Eine Aufgabe, die nicht zu bewältigen wäre und auch seine persönliche Zeit auffressen würde, die er so den eigentlichen Herausforderungen widmen kann, die sowieso jeder Tag bereithält.
Einig in der Uneinigkeit
Aber Gehlen betonte auch, dass von jeder dieser Institutionen so etwas wie ethische Befehle an die Menschen ausgehen, die sie tragen. Denn sie ist immer auf ein übergeordnetes Ziel hin ausgerichtet. Und die Institution gibt dem Einzelnen durch ihre Ordnung den Rückhalt, sich auf dieses Ziel zu konzentrieren. Das bedeutet vor allem: Die Kriterien zu erfüllen, die ihm in der Institution vermittelt werden, um dieses Ziel zu erreichen. In der Kirche heißt es: Erlösung.
Nun sind sich die Kritiker wie die Befürworter des Synodalen Wegs wohl zumindest darin einig, dass es in der katholischen Kirche keine Einigkeit mehr darüber gilt, wie denn diese verbindlichen Kriterien auszusehen haben. Die Ursachen und Folgen freilich werden natürlich höchst unterschiedlich eingeschätzt.
Das zweite Phänomen, das hier ins Auge sticht: Die Motoren des synodalen Prozesses sehen sich sicherlich eher als Kritiker der Kirche als Institution. Umso auffälliger ist andererseits, dass viele von ihnen beruflich Funktionäre genau dieser Institution sind. Während die breite deutsche Öffentlichkeit kaum Notiz von den synodalen Beratungen nimmt, war gefühlt in vielen Generalvikariaten in Deutschland wahrscheinlich „Rudelgucken“ des Livestreams angesagt. Wie passt zusammen, einerseits die Kirche von vermeintlichem institutionellem Ballast befreien zu wollen, gleichzeitig aber geradezu im Zentrum der Institution sein Auskommen zu finden?
Hier kann es noch keine Antwort auf diese Fragen geben. Das Beispiel zeigt nur, dass es noch viele Fragen in diesem Zusammenhang zu stellen gilt. Und die Auseinandersetzung mit Arnold Gehlen kann dabei helfen.
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