Vierzig Tage nach Weihnachten geschieht etwas Unerwartetes. Die Kirche führt uns das Jesuskind noch einmal vor Augen – und erschrickt. Am Fest „Darstellung des Herrn", früher Mariä Lichtmess genannt, spricht der greise Simeon ein Wort, das wie ein scharfes Messer durch jede fromme Idylle schneidet. Er prophezeit Maria und Josef, ihr Sohn sei dazu bestimmt, „dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden“. Er werde ein Zeichen sein, „dem widersprochen wird“. Und an Maria gewandt fügt er hinzu: „Dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen.“
Das sitzt. Dabei schien doch alles so harmlos zu beginnen. Maria und Josef folgten schlicht dem mosaischen Gesetz, als sie Jesus im Tempel darbrachten. Vielleicht waren sie ein wenig aufgeregt, vor allem aber dankbar – dankbar für dieses Kind, den verheißenen Messias, auf den das Volk Israel so lange gewartet hatte. In den beiden alten Menschen, Hanna und Simeon, nimmt diese Sehnsucht exemplarisch Gestalt an. Die Erinnerung an die Ereignisse rund um Jesu Geburt ist noch frisch: Hirten, Engel, der Stern – all das hallt noch nach. Doch nun, in diesem Augenblick im Tempel, wischt Simeons Wort jede idyllische Verklärung beiseite. Es verändert den Blick auf dieses Kind – und auf alles, was mit ihm kommen wird.
Zusammenhang von Leiden und Heil
Und doch ist diese Prophezeiung eingebettet in Gottes Plan, in ein großes Geheimnis, das der ganzen Welt Frieden und Heil bringen soll. Schon hier, am Fest der Darstellung, klingt der unauflösliche Zusammenhang von Leiden und Heil an. Ein Kontext, der die Geschichte der Menschheit prägt und für uns Menschen immer ein Stück Geheimnis bleiben wird. Bei der Darstellung Jesu im Tempel wird die wahre Bedeutung seiner Geburt sichtbar: Er ist der verheißene Messias, ja – aber er ist gekommen, um die Menschheit am Kreuz zu erlösen und ihr die Pforten des Himmels zu öffnen. Weihnachten und Karfreitag gehören zusammen. Die Krippe steht im Schatten des Kreuzes. Oder andersherum: Das Kreuz wirft sein Licht schon auf die Krippe.
An diesem Tag wird der Messias dem ganzen Volk Israel vorgestellt. Er, der liturgisch am 25. März Gestalt annahm (Mariä Verkündigung) und an Weihnachten nur einer kleinen Schar – den in der Gesellschaft wenig angesehenen Hirten – sichtbar wurde, wird am Fest Epiphanie als Heiland der Völker erkannt. Lichtmess ist gleichsam die letzte Station dieser Offenbarungsbewegung. Es ist ein Tag der Freude im Himmel wie auf der Erde. Doch diese Freude wird getrübt. Spannungen treten offen zutage: Ewigkeit trifft auf Endlichkeit. Freude auf Leid. Geburt auf Erlösungstod. Leben auf Tod. Gott auf Mensch. Jung auf Alt. Licht auf Dunkelheit. Verborgenheit auf Öffentlichkeit.
Nicht mein, sondern dein Wille geschehe
Dies sind Gegensätze, die nicht unverbunden nebeneinanderstehen, sondern aufeinander verweisen. Sie sind wie die Farben des Lichts: für sich genommen verschieden, mitunter widersprüchlich, und doch aufeinander bezogen. Wie erst in ihrem Zusammenklang das weiße Licht entsteht, das die Dunkelheit zu erhellen vermag, so fügen sich auch die scheinbaren Widersprüche des menschlichen Lebens in Christus zu einem Sinn. Auch als Gekreuzigter bleibt er die Antwort auf die tiefste Sehnsucht des Menschen. Im Leiden begegnet der Mensch Christus, der selbst gelitten hat, um uns zu retten – ein heilbringendes Paradoxon.
Maria und Josef erfüllen an diesem Tag nicht nur einen religiösen Brauch. Sie bekennen: Das Leben Jesu steht nicht zur Disposition menschlicher Planung. Er wurde ihnen anvertraut, aber er folgt Gottes Plan, nicht ihrem. Diese Haltung – sich Gott hinzugeben und seinen Willen zu tun – ist das Grundprogramm christlichen Lebens.
Das Christentum ist keine Wellnessreligion. Es ist auch keine Reformbewegung im bloß menschlichen Sinn, sondern der Ruf zur ständigen Umkehr und Erneuerung in Christus, ein Herzensgeschehen. Christus begegnet dem Menschen in unaussprechlicher Güte, spricht ihm Würde und Identität zu – und prüft ihn zugleich. Er fasst uns nicht mit Samthandschuhen an, sondern mit unendlich großer, wahrhaftiger Liebe.
Ein Zeichen des Widerspruchs
Christus ist der Kyrios: Herr der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit. An ihm scheiden sich die Geister. Wer Christus nur als religiöse Garnitur betrachtet, als schmückendes Beiwerk zum eigenen Leben, wird an ihm scheitern. Wer ihn anpassen will an die eigenen Wünsche und Vorstellungen, verliert ihn. Die Aussage Simeons, dass dieses Kind im Tempel zu Jerusalem Widerspruch hervorrufen wird, gilt bis heute.
Anders gesagt: Wer nicht will, dass Gott Gott ist, setzt eigene Wünsche an seine Stelle. Manche werden ihn sogar bekämpfen – notfalls im Namen der Religion. „Er ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist“, heißt es in der Apostelgeschichte (Apg 4,11). Jesus selbst greift dieses Bild auf: Der verworfene Stein wird zum Fundament des neuen Gottesvolkes. Genau darin liegt der Skandal – und die Hoffnung.
Kirche unter dem Zeichen des Widerspruchs
Auch die Kirche steht unter diesem Zeichen des Widerspruchs. Sie kommt von Gott – und besteht aus fehlbaren Menschen. Die Kirche ist sichtbar und unsichtbar zugleich, geistlich und leibhaftig, heilig und sündig, historisch und eschatologisch – wie Henri de Lubac es entfaltet hat. Man kann Kirche verstehen lernen und sie doch nie ganz ergründen.
Bernhard von Clairvaux hätte wohl gesagt: Christus ist nicht gekommen, um erklärt zu werden, sondern um geglaubt zu werden. Das bedeutet: Glaube heißt, sich festzulegen – in Treue zu Christus, in Sehnsucht und täglicher Kreuzesnachfolge – so, wie Hanna und Simeon es vorgelebt haben. Ihr geduldiges Warten wurde belohnt. Sie zeigen: Gott – und nur er – vermag die verborgensten Sehnsüchte des menschlichen Herzens zu erfüllen und es zu verwandeln, trotz aller Kreuze, die jedem im Leben begegnen.
Das Kreuz ist eingeschrieben in die Schöpfung
Wie unausweichlich das Kreuz zum Menschsein gehört, zeigt sich sogar in der Schöpfung selbst. Wissenschaftler haben entdeckt: Die Zellen des menschlichen Körpers werden durch ein Protein namens Laminin zusammengehalten – und dessen Struktur ist kreuzförmig. Ein Zufall? Oder Gottes leise Signatur in seiner Schöpfung?
Jedenfalls wird hier sichtbar, was Christus offenbart hat: Das Kreuz ist kein Unfall der Geschichte, sondern der Weg zum wahren Leben und zur Erlösung. Es ist das Zeichen, durch das Gottes Herrlichkeit aufleuchtet – „ein Licht, das die Heiden erleuchtet“, wie Simeon sagt – und das die Welt erlöst. Dies ist die Realität Gottes – ein Mosaikstein im Geheimnis der Menschwerdung.
Ein durchdringendes Licht
Das Licht der Welt, als den die Kirche Christus an diesem Festtag feiert, ist also nicht nur warm und tröstlich. Es ist auch durchdringend. Es ist das Licht, das die Wahrheit über den Menschen aufdeckt – über seine Sehnsucht, aber auch über seine Schuld.
Die Kerzen, die an Lichtmess gesegnet werden, erinnern uns daran: Christus ist das Licht, das in die Dunkelheit kam. Aber dieses Licht verzehrt sich selbst, um zu leuchten. So ist auch das Leben der Nachfolge: Es ist ein Sich-Verzehren in der Liebe, ein Sterben, um zu leben.
Mariä Lichtmess ist kein nostalgischer Nachklang von Weihnachten. Es ist der Tag, an dem die Wahrheit der Menschwerdung aufleuchtet: Gott wurde Mensch, um zu leiden, zu sterben und zu erlösen. Das Licht der Welt trägt die Spuren des Kreuzes – von Anfang an.
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