Seit ich vor über zwölf Jahren zum ersten Mal Mutter geworden bin, beschäftigt mich die Frage, wie ich meinen Kindern das weitergeben kann, was für mich selbst die wichtigste Erfahrung des Lebens ist – der Glaube an Jesus Christus. In dieser Zeit habe ich festgestellt, dass es zwei Arten gibt, meinen Kindern diese Erkenntnis mitzugeben: durch die Weitergabe von Wissen – durch das, was ich meinen Kindern erkläre und was wir gemeinsam in der Bibel lesen – und durch das gemeinsame Erleben – durch das, was ich meinen Kindern vorlebe, durch unsere kleinen und großen Traditionen und Erlebnisse. Das entspricht dem, was der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung Katechese nennt: „Denn Glaube muss gekannt, gefeiert, gelebt und gebetet werden.“ Glaube wird erklärt – und gelebt.
Tradition darf nicht zum Korsett werden
Auch wenn das Lesen von Bibelgeschichten, das Reden über Bibelstellen und Glaubensthemen und der Kirchenbesuch eine tragende Säule für die Glaubensweitergabe bei uns daheim sind, merke ich, dass es unbedingt auch das gemeinsame Erleben und unsere Traditionen im Kirchenjahr braucht. Unseren Kindern sind sie schon so wichtig geworden, dass sie mich alljährlich daran erinnern, dass wir am Aschermittwoch das Halleluja im Garten begraben, dass wir die Osterkerze auch dieses Jahr selber gestalten, dass wir an Maria Himmelfahrt die Kräuterbuschen binden, dass wir zum Erzengelfest in den Kampf gegen die Drachen-Pinata ziehen, dass wir den Adventskranz mit dem Opa gemeinsam binden und die Heiligen Drei Könige auf ihrer Reise durch das Wohnzimmer jeden Tag ein Stückchen näher an die Krippenszene rücken müssen.
Diese und viele andere Traditionen schlagen die Brücke zwischen Alltag und Glauben, haben Erinnerungscharakter und machen meinen Kindern die Glaubenswahrheiten und Gottes Heilsgeschichte, die wir jedes Jahr durch das Kirchenjahr hindurch aufs Neue feiern und erleben, direkt erfahrbar. Aber nicht nur auf geistiger Ebene bewirken solche Traditionen etwas. Die gemeinsam verbrachte Zeit stärkt die soziale und emotionale Bindung. In einer Zeit, in der sich fast die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen in Deutschland – laut einer aktuellen repräsentativen Studie von Infratest dimap im Auftrag der Vodafone Stiftung – häufig oder gelegentlich einsam fühlen, können solche Rituale und Traditionen verlässliche Fix- und Ankerpunkte sein, die Zugehörigkeit und Identität stiften. Die großen Fragen nach Leben und Tod, Liebe und moralischem Handeln, Gut und Böse werden mit vielen Traditionen immer wieder adressiert und bieten einen Anknüpfungspunkt zum Gespräch. Gleichzeitig wird der Schatz des Glaubens über Generationen hinweg weitergegeben.
Wo Tradition allerdings nur um der Tradition willen aufrechterhalten wird und der tiefere Kern verloren geht, wird Tradition zum engen Korsett, das oft zu Rebellion führt. „Weil wir es halt schon immer so gemacht haben“ ist für meinen zwölfjährigen Sohn kein guter Grund. Für mich übrigens auch nicht. Er und ich wollen verstehen, was hinter den Dingen steht. Deshalb dürfen wir die Chance nicht verpassen, die Hintergründe der Traditionen zu erklären: Warum ist es denn nun Tradition, dass die Braut zur Hochzeit ein weißes Kleid trägt? Wieso findet sich auf jedem Grab ein Grablicht und welchen Grund hat es, dass am Sonntag die Geschäfte nicht geöffnet haben? Der Theologe Romano Guardini schreibt: „Tradition ist lebendige Weitergabe des Ursprünglichen. Nicht das Festhalten an einer Form, die ihren Sinn verloren hat.“ Das ist ein hoher Anspruch, der mich immer wieder herausfordert. Er führt dazu, dass ich hinterfrage, warum wir die Dinge so tun, wie wir sie tun, und welchen tieferen Sinn uns unsere Rituale und Traditionen erschließen. Das hilft mir dabei, das Ursprüngliche lebendig und lebensnah an meine Kinder weiterzugeben.
Ein erster Schritt war dabei in unserem Haus das Feiern der Tauf- und Namenstage aller Familienmitglieder. So erinnern wir uns daran, dass Gott uns beim Namen ruft, uns zu seinen Kindern zählt und schon mit vielen Menschen vor uns große Geschichten geschrieben hat. Dazu gibt es bei uns daheim das Lieblingsessen und zum Essen wird die Taufkerze angezündet. Ein weiteres wichtiges Element sind die eigenen Krippen, die jedes Kind über die Jahre hinweg zu Weihnachten geschenkt bekommen hat und die zu Weihnachten einen Ehrenplatz im jeweiligen Kinderzimmer bekommen. Es ist jedes Jahr ein Highlight, wenn am 23. Dezember die Krippen vom Dachboden geholt werden und die Kinder schauen, welche Krippenfigur dieses Jahr vielleicht noch dazukommen könnte.
Kreative Ideen für die Zukunft
So hat sich bei uns nach und nach ein großer Schatz an christlichen Traditionen angesammelt, den ich versuche, immer wieder zu erweitern. Im Moment nehmen wir uns vor, die Komplet allabendlich zu beten. Für die Zukunft habe ich schon einige Ideen: zu einigen Heiligengedenktagen landestypische Speisen zuzubereiten, die liturgischen Farben des Jahres in der Deko widerzuspiegeln, das Jesuskind unserer Familienkrippe als Geschenk verpackt unter den Christbaum zu legen oder zu „Michaelmas“ (englisch für den Erzengeltag) ein traditionelles Fest zu veranstalten. Allerdings muss ich mir immer wieder bewusst machen, dass „alles kann, und nichts muss“. Denn ein perfektionistisches Herangehen tut mir, aber auch meinen Kindern, nicht gut. So darf auch manch eine Tradition, die einige Jahre gut funktioniert hat, auch wieder gehen, wenn sie uns nicht mehr hilft oder sie „leer“ geworden ist.
Aus meinem Elternhaus habe ich einige Traditionen übernommen. So backe ich noch heute mit der Backform meiner Oma unser Osterlamm, und meinen Kindern zeichne ich das Kreuzzeichen auf die Stirn, wenn sie morgens das Haus verlassen – so wie es auch meine Eltern bei mir gemacht haben. Meine Hoffnung ist, dass auch meine Kinder vielleicht eines Tages mit ihren eigenen Kindern manch eine Tradition übernehmen und Neues ausprobieren, um den Glauben in Traditionen erfahrbar werden zu lassen und so das Ursprüngliche lebendig weitergeben.
Die Autorin ist Sozialpädagogin, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie schreibt auf ihrem Blog über das Kirchenjahr: www.sanktwerk.de/blog.
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