Die Zahl 40 hat eine hohe Symbolkraft, nicht nur im Christentum. Der Ursprung des 40-Tage-Rhythmus lässt sich bereits in Babylonien nachweisen. Es gibt die 40 in der Mythologie, in der Religion und in der Mathematik. Sie steht für Prüfung, Bewährung, Initiation beziehungsweise für Tod und Neubeginn. Als die verzehnfachte Vier repräsentiert sie Vollkommenheit.
40 Jahre wanderte das Volk Israel durch die Wüste. Die Sintflut währte 40 Tage und Nächte, Mose verbrachte ebendiese Zeit auf dem Berg Sinai, um die Zehn Gebote zu empfangen, Jesus harrte 40 Tage fastend in der Wüste aus und widerstand den Versuchungen Satans, und er erschien seinen Jüngern 40 Tage nach der Auferstehung, bevor er in den Himmel auffuhr. Die christliche Fastenzeit dauert 40 Tage, von Aschermittwoch bis Ostern, die Sonntage nicht mitgerechnet.
All dies mag den Philosophen und Katholiken Dieter Schönecker, der sich als Lyriker k.d.m. schönecker nennt, zu seinen 40 kurzen Gedichten inspiriert haben, die den bezeichnenden Titel „WÜSTENKUNDE“ tragen und sich als Begleitung durch das liturgische Jahr anbieten.
„Sprich zu mir“
Vorangestellt hat der Autor seinem schmalen Band einen aus dem Lateinischen übertragenen Text mit dem Titel „Sprich zu mir“:
„So wie Du sprichst: Durch mich./Mein Herz sei Deine Zunge, mein/Gewissen Dein Mund. So Stich/In diesen harten Muskel Dein/
Wort wie eine Wunde. Und Deine/Stimme tue gut und weh. Sei laut,/Nicht leise. Und wenn ich weine,/Tröste mich. Hier kommt die Braut.“
Da spricht jemand zu Gott und gibt sich ganz, mit allem, was kommen mag. Das Kirchenjahr beginnt in der Adventszeit mit Rorate, der morgendlichen Messe im Kerzenschein zu Ehren der Gottesmutter Maria, und „rorate“ heißt folglich auch das erste Gedicht, gefolgt von „heiligabend“ und „heiliger stephanus“. So werden wir poetisch durch das Jahr geleitet bis zu „Christkönig“. Der Dichter assoziiert seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen recht frei (und vielleicht zu frei) mit den vorgegebenen Daten, weiß man hingegen um den Hintergrund, findet man den Anlass durchaus wieder, wie in den schönen Bildern von „Christi himmelfahrt“:
„noch lange schauten wir Dir nach,/wie auf ein meer, das tiefer ist als iris/und pupille. da war sie wieder,/
diese infinite grenze, ein spiegel/dunkler schatten. die männer/gingen, nur ihre frommen lieder/
hörte ich von fern, und wurde fleck./ich bin noch hier, hier meine wolke./Nimm mich mit. Fahr noch mal nieder.“
Schönecker wurde 1965 in Köln geboren und lehrt Praktische Philosophie an der Universität Siegen. Sein erster Lyrikband „Dakota Suite“ erschien 2022 und wurde hoch gelobt. Das aktuelle Werk hat er seinen sechs Kindern gewidmet. Fundierte Kenntnis der christlichen Feiertage und der dazugehörigen Bibelstellen bringt er zusammen mit Alltagserlebnissen, Bildern und Fantasien, die sich an den testamentarischen Schilderungen entzünden. Auch Naturerfahrungen spielen eine große Rolle: die Jahreszeiten, Vögel („heiliger franz von assisi“), Bäume, das Meer. Dass die kirchlichen Feste dem Jahr auf sehr besondere Weise Struktur geben, spiegelt sich klar in dem Gedichtzyklus.
Die Lektüre ist durchaus herausfordernd, die Auseinandersetzung lohnt aber und motiviert, sich einmal wieder (oder auch zum ersten Mal) mit dem Kirchenjahr zu beschäftigen. Der ausführliche Anhang mit Quellenangaben hilft dabei. Die konsequente, gut lesbare Kleinschreibung wird nur bei der Nennung von Gott und Christus durchbrochen. Eine „Wüstenkunde“ der ungewöhnlichen Art, die zum Innehalten und Nachspüren einlädt.
k.d.m. schönecker: WÜSTENKUNDE. 40 Gedichte, Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann, 66 Seiten, Softcover, EUR 12,80
Die Rezensentin hat über 30 Jahre bei den Berliner Festspielen im Pressebüro und als Protokollchefin gearbeitet. Sie lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin.
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