Im vielbeachteten Verfahren um die Londoner Immobilienfinanzierung des Heiligen Stuhls hat das vatikanische Berufungsgericht angeordnet, das Verfahren teilweise wiederaufzunehmen. Das berichtete das katholische Nachrichtenportal „EWTN News“ am Dienstag. Die Richter stellten fest, dass wesentliche Verfahrensteile nichtig seien. Grund waren vier Dekrete, die Papst Franziskus während der Ermittlungen erlassen hatte, die Verfahrensregeln änderten, jedoch nicht öffentlich verkündet worden waren. Das Gericht sah darin eine Untergrabung der Rechtmäßigkeit einzelner Ermittlungshandlungen.
Dieses Urteil hebt die ursprünglichen Verurteilungen nicht auf, verlangt jedoch von der Staatsanwaltschaft, das gesamte Beweismaterial bis zum 30. April erneut vorzulegen. Anschließend soll ein neuer Verfahrenskalender festgelegt werden.
Eine Investition mit verheerenden Folgen
Der Fall: Das vatikanische Staatssekretariat hatte rund 350 Millionen Pfund in eine Luxusimmobilie im Londoner Stadtteil Chelsea investiert und dem Heiligen Stuhl damit Verluste von geschätzten 139 Millionen Euro eingebracht. Das ursprüngliche Verfahren, das 86 Verhandlungstage dauerte, endete im Dezember 2023 mit Freiheitsstrafen von insgesamt mehr als 37 Jahren sowie einer Schadensersatzforderung von rund 200 Millionen Euro.
Kardinal Angelo Becciu – als „Sostituto" von 2011 bis 2018 die Nummer zwei im vatikanischen Staatssekretariat und damit eine Schlüsselfigur der umstrittenen Investition – wurde zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Zum Zeitpunkt des Urteils bekleidete er kein Amt mehr; Franziskus hatte ihm bereits 2020 alle Kardinalsrechte entzogen – ein historisches Novum: Noch nie zuvor war ein Kardinal von einem Gericht des Heiligen Stuhls verurteilt worden. Neun der zehn Angeklagten wurden unter anderem wegen Unterschlagung, Betrug, Geldwäsche und Machtmissbrauch schuldig gesprochen.
Die Verteidigung hatte von Beginn an auf Verfahrensunregelmäßigkeiten und unvollständige Beweisvorlagen hingewiesen. Das Berufungsgericht gab vielen dieser Einwände nun statt – hielt jedoch ausdrücklich daran fest, dass das erstinstanzliche Urteil weiterhin Rechtskraft besitzt. Die Entscheidung lässt neue Unsicherheit über den weiteren Bestand der Verurteilungen entstehen und markiert eine weitere Wendung in der komplexesten Finanzstrafsache des Vatikans der jüngeren Geschichte. DT/dsc
FAQ
Worum geht es im Vatikan Immobilienprozess?
Der Fall betrifft eine verlustreiche Investition des Vatikans in eine Londoner Luxusimmobilie.
Welche Rolle spielte Papst Franziskus im Verfahren?
Er erließ während der Ermittlungen Dekrete, die Einfluss auf das Verfahren hatten.
Wie hoch waren die finanziellen Verluste?
Die Investition führte zu Verlusten von rund 139 Millionen Euro.
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