Und schwupps, wieder eine halbe Million weniger: Ja, wir schrumpfen. Das gestern bekannt gegebene Ergebnis der „Kirchenstatistik 2025“ überrascht nicht, entspricht es doch dem langjährigen Trend. Weiterhin gibt es einen Überhang an Todesfällen gegenüber den Taufen und immer noch über 300.000 Austritte aus der katholischen Kirche. Ist das von vielen erhoffte Wiederaufleben der Kirche, das angesichts von Rekordzahlen an Erwachsenentaufen in Frankreich und Großbritannien doch vielleicht auch hier eintreten könnte, also abgesagt? Hat doch die nüchterne Religionssoziologie recht, die mit Verweis auf die Übermacht jahrzehntelanger Säkularisierungstrends und die Sprache der nackten Zahlen die Hoffnung auf eine Rückkehr der Religion ins Reich der Träumereien verweist?
Die neueste Ausgabe der Kirchenstatistik lässt Raum für beide Interpretationen. Zwar ist offensichtlich, dass die Kirchensteuerzahler weiter stetig und massiv wegbrechen (werden). Das Taufschein-Christentum, das entfremdete Erbe der ehemaligen Volkskirche, stirbt unweigerlich ab. Der Kipppunkt ist dann überschritten, wenn es eben nicht mehr „normal“ ist, getauft zu sein. Und über diesen Punkt ist die Kirche, bei allen regionalen Unterschieden, fast überall hinaus. Das ist zweifellos eine Tragik für sich, die den Kirchen obendrein auch finanziell schwer zu schaffen machen wird.
Es gibt aber auch eine andere, hoffnungsvollere Lesart der neuesten „Eckdaten“. Vieles spricht dafür, sich auf die Zahl der Gottesdienstbesucher zu konzentrieren, wenn man die Vitalität des kirchlichen Lebens beurteilen will. Immerhin ist die Teilnahme an der Heiligen Eucharistie das Zentrum katholischer Glaubenspraxis. Außerdem kann die Zahl zeitlich unmittelbar interpretiert werden, während etwa Taufzahlen eher von der religiösen Prägung der Täuflingseltern teils lang zuvor abhängen.
Die Pandemie ist Geschichte, Wachstum bleibt
Dass die Quote der Gottesdienstbesucher wieder steigt, sollte zwar nicht überbewertet werden. Kirchgänger dürften unter den Austretenden wohl stark in der Minderheit sein. Aber auch die absoluten Zahlen sind nahezu stabil, was schon aus demografischen Gründen erstaunlich ist. Nicht nur klassische Diasporabistümer wie Hamburg, Berlin oder Dresden-Meißen berichten steigende Gottesdienstbesucherzahlen, sondern auch große Bistümer wie Köln, Rottenburg-Stuttgart oder Münster. Insgesamt haben von den 27 deutschen Diözesen zehn steigende Besucherzahlen ausgewiesen, sechs mehr oder weniger gleichbleibende und elf sinkende Zahlen.
In den vergangenen Jahren wurde der bereits positive Trend der Gottesdienstbesucher auch als Erholung nach dem tatsächlich brutalen Einbruch während der Corona-Pandemie mit einem landesweiten Tiefpunkt 2021 interpretiert. Nun ist die Pandemie aber schon seit drei Jahren Geschichte. Wachstumstrends von 2024 auf 2025 dürften also kaum daher kommen, dass die Angst vor Covid-Infektionen noch einmal gesunken ist. Nein, wer den Gottesdienst vermisst hatte, war schon längst wieder da. Vielmehr deutet sich hier eine organische Entwicklung und damit eine Bodenbildung im langfristigen Abwärtstrend an, noch nicht überall, aber doch vielerorts. Der große Exodus ist vorbei.
Also: Hurra, auf dem Papier schrumpfen wir noch eine ganze Weile. Aber wohl nicht ins Bodenlose. Und im real erlebten Gemeindeleben dürfte es hier und da sogar wieder etwas voller werden.
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