Wie kommt ein Dorf bei Hildesheim zu einer katholischen Wallfahrtsstätte? Alles begann mit einem Schäfer in Zeiten der Pest um 1680. Der Überlieferung nach soll er auf dem Vorholz-Hügel bei Ottbergen Licht in Form eines Kreuzes gesehen haben. Als er sich diese ungewöhnliche Erscheinung näher ansehen wollte, hörte er eine Stimme, die ihm sagte, dass die Menschen zum Gebet dorthin kommen sollten, um Heilung zu erfahren. Anschließend fanden tatsächlich viele Heilungen statt.
Der Ottbergener Pfarrer ließ auf dem Berg eine hölzerne Wallfahrtskapelle errichten, sein Nachfolger 1726 eine Kapelle aus Stein, die später baulich erweitert wurde. Im Jahr 1836 schenkte Papst Gregor XVI. der Kapelle eine Kreuzreliquie, die heute in den Altar eingelassen ist. Seit 1911 findet sich auf dem Berg neben der Kapelle auch eine von einem Hildesheimer Zahnarzt gestiftete Lourdes-Grotte. Mit ihrer Stiftung und dem täglichen Besuch der heiligen Messe in Ottbergen wollte der Arzt Sühne für einen tödlichen Behandlungsfehler an einer Patientin leisten. Eine alte Lindenallee mit Kreuzwegstationen säumt den Weg hoch zur Wallfahrtskapelle und Lourdesgrotte. Wer Ottbergen heute besucht, wird betende Pilger und Familien treffen. Sie mischen sich mit Ausflüglern, die den schönen Blick vom Kreuzberg hinab in die norddeutsche Ebene genießen.
Im 20. Jahrhundert kam der Pilgerboom
Über die Jahrhunderte hinweg fanden in Ottbergen regelmäßig große Wallfahrten zum Fest der Kreuzerhöhung, an Karfreitagen und in der Fastenzeit statt. Nur zweimal wurden sie unterbrochen: in Zeiten des Kulturkampfes zwischen 1875 und 1887 und zur Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1941 und 1945. Mit geschätzt 20 000 Teilnehmern in den ersten Jahren des Dritten Reichs fand die Wallfahrt im 20. Jahrhundert ihren zahlenmäßigen Höhepunkt, in der Nachkriegszeit lebte sie mit 15 000 Gläubigen wieder auf und nahm dann langsam ab. Im Jahr 1979 wurden noch 5000 Teilnehmer gezählt.
Die Wallfahrtstradition lebt aber auch heute mit einer von der örtlichen Franziskanerkirche ausgehenden abendlichen Lichterprozession auf den Kreuzberg an einem Freitagabend rund um das Fest Kreuzerhöhung und der Hauptprozession mit Kreuzreliquie am darauffolgenden Sonntag fort. Diese jährliche Wallfahrt findet mit einem feierlichen Pontifikalhochamt auf dem Platz vor der Wallfahrtskirche ihren Abschluss.
Oasen der Stille
Ottbergen ist mit derzeit 900 Einwohnern das zweitgrößte Dorf der Pfarrei St. Nikolaus mit sieben Kirchorten, die zusammen mit der Pfarrei St. Martin in Achtum mit drei Kirchorten von drei polnischen Franziskaner-Minoritenpatres betreut wird. Kloster und Klosterkirche befinden sich unweit der Pfarrkirche in Ottbergen. Beide Kirchen sind eine Oase der Stille und tagsüber zum Gebet geöffnet. Die kleine franziskanische Gemeinschaft kommt aus der Provinz Warschau und besteht aus vier Mitgliedern im Alter zwischen 35 und 50 Jahren, darunter drei Priester und ein Bruder.
Das Charisma des Minoritenordens liege darin, erklärt Pater Mateusz Maria Orlowski OFM Con im Gespräch mit dieser Zeitung, sich der Kirche dort, wo sie benötigt werden, zur Verfügung zu stellen. Der heilige Franziskus habe sich mit seiner Bitte um den päpstlichen Segen bewusst in den Dienst der Kirche gestellt und im Laufe seines Lebens unterschiedliche Tätigkeiten verrichtet, bei denen er Phasen des Gemeinschaftslebens und des Dienstes in der Stadt mit Phasen der Einsamkeit verbunden habe.
Lourdesgrotte und Kreuzwegstationen
Die polnischen Minoriten haben den Pfarrei- und Wallfahrtsdienst in Ottbergen im Jahr 2012 übernommen. Ihr speziell für den Dienst an den Wallfahrern gegründetes Kloster besteht jedoch bereits seit 1853 und war immer franziskanisch. Bis 1863 lebten dort Kapuziner, anschließend Franziskaner, die das Kloster 2012 aufgeben mussten. Auf diese Weise waren alle drei franziskanischen Ordensfamilien nacheinander im Kloster vertreten.
Für die Minoriten war das Kloster mit der bereits franziskanisch ausgestatteten Klosterkirche und der an franziskanisch geprägte Frömmigkeit gewöhnten Bevölkerung ideal. Es hat einen wunderschönen großen Garten mit Lourdesgrotte und Kreuzwegstationen, der von einem örtlichen Verein ehrenamtlich instand gehalten wird. Das Kloster liegt am Braunschweiger Jakobsweg. Pilger können bei den Franziskanern übernachten.
Gläubigen werden regelmäßig Sakramente angeboten
In der Pfarrseelsorge ist den Patres wichtig, einerseits bei den Menschen und niedrigschwellig ansprechbar zu sein, indem sie etwa bei örtlichen Veranstaltungen präsent sind oder ihren Klostergarten an Sonntagnachmittagen im Sommer für Besucher öffnen. Andererseits liegt ihnen daran, den Gläubigen regelmäßig die Sakramente anzubieten. In den Pfarreien finden deshalb, neben anderen Gebetsformen, täglich zwei, an den Wochenendtagen insgesamt sechs heilige Messen statt.
Es gibt regelmäßig Beichtmöglichkeiten, für Kinder und Jugendliche gründliche Erstkommunion- und Firmvorbereitungen, mittwochabends eine stille eucharistische Anbetung in der Klosterkirche sowie einmal monatlich freitags in einer der Pfarrkirchen Anbetung mit Lobpreis, Texten, Gebeten, Beichte und Begegnung.
Darüber hinaus sind die Geistlichen an verschiedenen pfarreiübergreifenden, charismatisch orientierten eucharistischen Anbetungsstunden im Raum Hildesheim und Hannover beteiligt, zu denen viele junge Menschen kommen. Pater Mateusz ist es ein großes Anliegen, Menschen wieder für den katholischen Glauben zu gewinnen.
Kirchen als Orte der Gemeinschaft haben an Bedeutung verloren
Glaubensvermittlung erfolgt durch Gemeinschaft, sagt Pater Mateusz, aber in einer Pfarrgemeinde, die so groß ist wie ein Landkreis, sei es schwer, Gemeinschaft zu leben. Früher seien die Kirchorte Orte der Familie und Gemeinschaft gewesen, heute haben sie diese Bedeutung angesichts von Mitgliederschwund und Überalterung oft verloren. Stattdessen werde christliche Gemeinschaft eher in losen Netzwerken von Gläubigen erfahren, die sich an verschiedenen Orten, etwa zur eucharistischen Anbetung, treffen.
Die Möglichkeit, die heiligen Messen und Aktivitäten der Pfarreien an den beiden Hauptkirchorten zu konzentrieren und damit sichtbarer zu machen, um mehr Menschen anzuziehen, sei derzeit noch nicht realisierbar, da den verstreuten Gläubigen ihre Dorfkirchen sehr wichtig seien.
Klosterleben als Beitrag zur Evangelisierung
Pater Mateusz versteht aber auch das gemeinschaftliche Klosterleben als Beitrag zur Evangelisierung: „Da wohnen vier fremde Männer unterschiedlichen Alters, mit unterschiedlichen Charakteren, ohne Frau zusammen und beten gemeinsam, teilen ihre Mahlzeiten, ihre Freizeit und ihren Besitz. Das ist möglich!“ Auch die frühen Christen seien ihrer Umwelt durch ihr gemeinschaftliches Leben und ihre Liebe aufgefallen.
In der Kirche ändere sich derzeit alles sehr schnell, fast rasant, vieles sterbe ab, zugleich entstehe manchmal neuer Glaube, wo man ihn nicht erwarte, etwa bei Kindern aus atheistischen Familien oder bei Jugendlichen, die auf einer Gemeinschaftsfahrt ein Glaubenserlebnis hatten und anschließend über Jahre hinweg neue Glaubensinitiativen starten.
So wünscht sich Pater Mateusz auch, dass die traditionellen Wallfahrten zur Verehrung des heiligen Kreuzes mit derzeit 300 bis 400 Teilnehmern wieder etwas besser wahrgenommen werden. Der Termin im September um das Fest Kreuzerhöhung herum wird auf der Webseite der Pfarrei bekannt gegeben. Ottbergen ist mit dem Bus direkt vom Hildesheimer Hauptbahnhof aus zu erreichen.
Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität Bremen.
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