Die letzte Synodalversammlung tagt in Stuttgart — und man selbst ist nicht mehr Teil dieses Prozesses. Das bringt eine gewisse Erleichterung mit sich. Denn die Versammlungen waren von einer Aggressivität geprägt, die auch beim digitalen Pressegespräch des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB) im Vorfeld deutlich spürbar war: Kritiker gelten als Störer, als Bremser einer Agenda, die um jeden Preis durchgesetzt werden soll — notfalls gegen den erklärten Willen Roms. Das ist nicht Kirche, das ist ein ideologischer Kampf. Es zeigt, dass an echter Versöhnung und an einem offenen Gespräch offenbar kein Interesse besteht. Umso trauriger ist der Blick nach Stuttgart, weil die Gründe für den eigenen Ausstieg weiterhin unverändert bestehen.
Im Zentrum steht dabei eine neue Anthropologie und Ethik, die inzwischen in weiten Teilen der Kirche in Deutschland faktisch implementiert ist. Zu behaupten, hierin liege kein Bruch mit dem Lehrkonsens von zwei Jahrtausenden, ist nicht nur gewagt, sondern intellektuell unredlich. Man muss schon sehr entschlossen wegsehen, um diesen Bruch nicht zu erkennen. Was auf dem Spiel steht, hat Papst Leo während einer Privataudienz gegenüber dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer angemerkt: Ähnlich wie im 4. Jahrhundert die Christologie sei gegenwärtig die Anthropologie der Ort, wo sich das Schicksal von Glaube und Kirche entscheide.
Parallelordnung, getarnt als Verwaltungshandeln
Umso erstaunlicher ist, dass Befürworter des Synodalen Weges weiterhin beklagen, die Reformen gingen nicht weit genug. Dabei existiert längst eine faktische Parallelordnung, geschickt getarnt als Verwaltungshandeln. Genau darin liegt das Problem: Diese Praxis ist kirchenrechtlich ebenso illegitim wie illegal. Exemplarisch zeigt sich das am „Monitoring der Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Weges“, auch in Tagesordnungspunkt 4 der letzten Synodalversammlung.
Allein dieses Monitoring verändert die Kirche in Deutschland nachhaltig. Es macht Bischöfe faktisch rechenschaftspflichtig gegenüber Laiengremien und kehrt damit die kirchliche Ordnung um. Ausgerechnet jene, die Machtmissbrauch beklagt haben, greifen nun selbst nach institutioneller Macht. Abgefragt wird, ob und in welchem Umfang kirchenrechtlich nichtige Beschlüsse umgesetzt wurden. Damit wird sichtbar, dass hier nicht Recht vollzogen, sondern durch Kontrolle und Erwartungsdruck Verbindlichkeit simuliert wird.
Synodaler Weg: irritierend und bedrohlich
Von Beginn an war der Synodale Weg ein kirchenrechtlich ungewöhnliches, zugleich taktisch kluges Konstrukt: Weitreichende Reformwünsche konnten artikuliert werden, ohne sie formell als Beschlüsse der Weltkirche auszugeben. Gleichzeitig wurde immer wieder behauptet, diese Forderungen fänden sich weltweit wieder — was so nicht zutrifft. In der weltkirchlichen Wahrnehmung gilt der Synodale Weg vielmehr als irritierend und bedrohlich. Die jüngsten Reaktionen aus Rom, im Kontext von Privataudienzen bei Papst Leo XIV., bestätigen das.
Doch selbst eine breite internationale Resonanz wäre kein hinreichendes Argument für entsprechende Reformen. Der häufig bemühte „sensus fidelium“ bedeutet nicht, dass Mehrheitsmeinungen automatisch Ausdruck des Wirkens des Heiligen Geistes sind. Auch kollektive Irrtümer sind möglich. Der Glaubenssinn des Volkes Gottes ist, wie das Konzilsdokument „Lumen gentium“ klarstellt, untrennbar an die Leitung durch das Lehramt gebunden. Genau dieser entscheidende Zusammenhang wird im synodalen Diskurs systematisch ausgeblendet.
Selbstsäkularisierung statt Umkehr
Das Monitoring wird als Instrument zum Lernen präsentiert. Tatsächlich dient es der institutionellen Selbstbestätigung. Und belastet die ohnehin überforderte kirchliche Bürokratie. Besonders schwer wiegt, dass durch Verwaltungsroutinen irreversible Fakten geschaffen und kirchenrechtlich, theologisch und ekklesiologisch hochproblematische Entscheidungen zur Norm erhoben werden. Statt Umkehr und Erneuerung fördert es Selbstsäkularisierung. Die eigentliche Sendung der Kirche — Mission und Verkündigung — tritt hinter ein funktionärsgetriebenes Prozessdenken zurück. Am Ende wurden zwar Forderungen erfüllt, aber keine Menschen für Christus gewonnen.
Zudem setzt Monitoring Legitimität voraus. Genau diese ist jedoch der zentrale Streitpunkt. Rom hat mehrfach klargestellt, dass nationale Gremien weder befugt sind, die kirchliche Lehre zu verändern, noch dauerhafte Leitungsstrukturen jenseits der bischöflichen Autorität zu etablieren. Trotz formaler Satzungsanpassungen bleibt zu erwarten, dass weiterhin doppelspurig agiert wird — mit versöhnlichen Signalen nach Rom und faktischem Eigensinn in Deutschland.
Kritiker werden prozedural ermüdet
Wer unter diesen Voraussetzungen die „Umsetzung“ nichtiger synodaler Beschlüsse überwacht, etabliert faktisch eine Parallelordnung und setzt Bischöfe unter Druck. Offene theologische Fragen —beispielsweise nach der Vereinbarkeit synodaler Forderungen mit dem Weltkirchenrecht oder der Lehre von Weihe und Amt — wurden nach wie vor nicht geklärt, sondern umgangen. Kritiker werden nicht widerlegt, sondern prozedural ermüdet.
Besonders gravierend ist die ekklesiologische Schieflage: Kirche wird implizit als Organisation verstanden, die sich durch Zielvereinbarungen, Evaluationen und Fortschrittsberichte steuern lässt. Verloren geht dabei das katholische Verständnis von Kirche als Leib Christi, der nicht aus sich selbst lebt, sondern aus der ihm anvertrauten Offenbarung. Das eigentliche Drama liegt daher nicht einmal im Monitoring selbst als vielmehr im Geist, der es hervorbringt: dem hartnäckigen Willen, trotz aller Mahnungen den eingeschlagenen Kurs fortzusetzen – koste es die Einheit mit der Weltkirche oder die Glaubwürdigkeit nach innen.
Kirche lässt sich nicht beliebig an Erwartungen anpassen
Echte Reformen sehen anders aus. Sie zielen auf Umkehr des Herzens, das sich neu auf den Auferstandenen ausrichtet. Ein wirklicher Neuanfang würde bedeuten, innezuhalten, zuzuhören und sich der unbequemen Frage zu stellen, ob Reform ohne Rückbindung an Schrift, Tradition und Lehramt nicht am Ende nur ein anderes Wort für Selbstsäkularisierung ist. Monitoring verwaltet, Erneuerung beginnt im Herzen.
Eine Kirche lässt sich nicht beliebig an Erwartungen anpassen, ohne sich selbst zu verlieren. Wer ihre Lehre grundlegend verändern will, sollte ehrlich prüfen, ob er nicht anderswo besser beheimatet ist. Am Ende gilt das Gamalielprinzip der Apostelgeschichte: An den geistlichen Früchten wird sich erweisen, was von Gott ist. Der Synodale Weg jedenfalls bleibt, was er ist: eine deutsche Selbstbespiegelung mit globalem Anspruch — ohne geistliche Früchte.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










