Es scheint ein besonderer Reiz davon auszugehen, historische Romane über Philosophen zu schreiben. Man denke nur an Irvin Yaloms „Und Nietzsche“ weinte oder „Die Schopenhauer-Therapie“, an Klaas Huizings Kant-Roman „Das Ding an sich“, oder die Rousseau-Romane von Autoren wie Lion Feuchtwanger oder Karl-Heinz Ott. Der berühmt-berüchtigte Friedrich Nietzsche, der in seinem „Anti-Christ“ einen Fluch gegen das Christentum schleuderte, führt in einem hierzulande bisher nicht übersetzten Roman des Mexikaners Carlos Fuentes Balkongespräche mit einem Ich-Erzähler.
Und jetzt bei Jan Juhani Steinmann ist es ebenfalls eine kontrafaktische Situation, die das Sujet des Romans bestimmt: Nietzsche trifft hier auf den Dänen Sören Kierkegaard, obwohl sich die beiden im wirklichen Leben nie getroffen haben können. Denn als der „religiöse Schriftsteller“ 1855 in Kopenhagen stirbt, ist der spätere deutsche Philosoph gerade einmal elf Jahre alt.
Solche unmöglichen Treffen sind das Vorrecht der Literatur – man denke nur an die hübsche Spielerei der alten Anna Seghers, die in ihrer Erzählung „Die Reisebegegnung“ E. T. A. Hoffmann und Nikolai Gogol in einem Prager Café mit Franz Kafka zusammentreffen lässt. Oder an die ehrwürdige Tradition der Totengespräche, in denen ebenfalls – der Geist steht hier über der Zeit – Menschen unterschiedlicher Epochen miteinander reden, so zum Beispiel bei dem Franzosen Fontenelle.
Der seltsame Herr K
Hier nun aber trifft im Basel des Jahres 1869 der junge, 24-jährige Friedrich Nietzsche, der kurz davor steht, seine neue Stelle als Professor anzutreten, in einem Buchladen am Regal mit den philosophischen Büchern auf einen seltsamen Herrn K, der sich im Verlauf ihrer Begegnung auch noch mit allerlei anderen Namen schmückt. So nennt er sich Kirchhof, was dem dänischen Kierkegaard entspricht – um den handelt es sich nämlich. Und er ist nicht tot.
Denn Kierkegaards Tod, so erfahren wir, sei nur fingiert gewesen. Und zwar deshalb, weil er eine Art göttlichen Auftrag erhalten hatte. Dieser scheint darin zu bestehen, seine eigene Wirksamkeit als Schriftsteller fortzusetzen, die darauf zielt, den Leuten nicht nur den Unterschied zwischen Christentum und (kirchlicher) Christenheit deutlich zu machen, sondern überhaupt Einzelne zu werden.
Der Roman besteht im Wesentlichen aus den Gesprächen und Begegnungen Nietzsches und Kierkegaards, die sich bei den gemeinsamen Spaziergängen durch Basel ergeben – einschließlich von Kierkegaard arrangierter scheinbarer Zufälligkeiten, die aber alle einen tieferen Sinn haben. Nietzsche soll, so Kierkegaards Plan, gesprächsweise dazu gebracht werden, das Phänomen der „Fügung“ zu diskutieren. Immer wieder benutzt Steinmann seine Romanfiguren, um Schlüsselbegriffe des Denkens von Kierkegaard ins Spiel zu bringen. Das gilt für die „Wiederholung“, zu deren Zweck er eine erneute Begegnung im Buchladen arrangiert, ein zweites und drittes Händeschütteln.
In Gott hineintäuschen?
Steinmann erlaubt sich in seinem sehr ernsthaften Buch auch Witze für Eingeweihte, so wenn er Nietzsche und Kierkegaard einen Spaziergang machen lässt und Nietzsche sagt, er habe seinen Schirm vergessen. Das bezieht sich auf eine skurrile Notiz im Nachlass – „Ich habe meinen Regenschirm vergessen“ –, auf die sich, wenig überraschend, der französische Dekonstruktivist Derrida gestürzt hatte, mit allerdings zweifelhaftem Ergebnis. Bei Steinmann aber geht es um Anderes, Größeres.
Bekanntlich hat Kierkegaard die Idee entwickelt, eine wirklich wichtige Botschaft müsse mittels indirekter Mitteilung an den Mann gebracht werden. Dieses Größere ist aber für den religiösen Schriftsteller Kierkegaard das Christentum selbst, und so soll Nietzsche dafür benutzt werden, „über einen antichristlichen Weg in das wahre Christentum“ hineinzutäuschen. Nietzsche erhält also in Steinmanns Roman – indirekt über Kierkegaard vermittelt – den göttlichen Auftrag, „eine Sinfonie des Denkens“, ein Gesamtwerk zu schaffen, mit dem „in Gott hineingetäuscht“ werden kann.
Nun ist Kierkegaards Begriff des Christentums durchaus problematisch. Denn dieses wird einmal gegen die kirchlich geformte Christenheit in Stellung gebracht und zum anderen auf den Einzelnen bezogen, ohne Berücksichtigung der Notwendigkeit von Gemeinschaft. Aber für den jungen Professor Nietzsche – das ist im Grunde die Tragik des kierkegaardschen Versuchs einer Verführung zum Christentum – steht gar nicht dieses im Fokus seines Interesses. Ihm geht es um eine wunderliche Mischung aus griechischer Philosophie, aus Apollinischem und Dionysischem, aus dem Atheismus Schopenhauers und der Musik Richard Wagners. Daraus soll Nietzsches erster Schlag entstehen. Als ein Versprechen an die Zukunft. Denn der frisch nach Basel gelangte Nietzsche hat mit seinen 24 Jahren noch nicht viel geleistet.
Vor allem ein Spiel
Steinmanns Kierkegaard fordert Nietzsche auf, den Zeitgeist zu kritisieren – und der verspricht, die Menschen seine Peitsche spüren zu lassen. Der steinmannsche Kierkegaard, so wird man zugeben müssen, hat etwas von einem penetranten Pädagogen, der seinen Zögling in seinem Sinne zu manipulieren sucht: „‚Mein lieber Herr Nietzsche, ich denke, wir haben uns verstanden’, sagte K feierlich, das Glas nochmal erhoben.“ Die Fügung habe ihn ausgewählt, aber damit nicht genug: Es muss auch noch ein Pakt geschlossen werden, der denn auch im Namen des Allmächtigen, aber in den Formen nächtlicher studentischer Umtriebe vollzogen wird – bis alles vollbracht ist.
Der Autor legt mit „Corvus albus“ seinen ersten Roman vor, daher sei nicht unterschlagen, dass der Stil teils zu blumig ausfällt, teils mittels abwegiger Bilder etwas über das Ziel hinausschießt, um gegenüber dem stark von Ideen geprägten Gespräch einen ästhetischen Ausgleich zu schaffen. So bringt ein Kellner im Hotel die Getränke, indem er „wie ein Pfeil ins schlafende Fleisch“ schneidet. Ein anderes Mal schlug die Kirchturmuhr „in so schwerem Tone zwölf Uhr, als pendelte ein Klöppel aus Platin von der Größe Jupiters in einer kelchartig ausgehöhlten Metallsonne.“ Auch das ist ein wenig zu sehr gesucht. Dabei enthält der Roman auch so schon genug an symbolischem Gehalt und versucht zugleich, das Basel des Jahres 1869 mit etwas Lokalkolorit anschaulich werden zu lassen. Aber der Roman ist eben vor allem eines: ein Spiel. Und Steinmann spielt mit seinen Lesern ebenso wie Kierkegaard mit Nietzsche. Es ist ein Spiel, in dem Kierkegaard als Spion Gottes auf Erden tätig war, um schließlich wieder zu entschwinden. Es ist nun an den Lesern des Romans, seine Zeichen, von denen hier nur einige erwähnt wurden, zu deuten, um sich so selbst zum Glauben verführen zu lassen, zunächst an die Fiktion, dann aber an eine höhere Wirklichkeit.
Jan Juhani Steinmann: Corvus albus, Wien: Castrum, Edition Acéphale, 2024, 268 Seiten, Taschenbuch, EUR 14,–
Der Rezensent ist Historiker und habilitierter Literaturwissenschaftler.
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