Lebenslauf

Biografie von Wolodymyr Selenskyj: Weg vom Komiker zum Kriegsherrn

Wolodymyr Selenskyj - ein Mann zwischen Clown und Held: Eine jüngst erschienene Biografie über den ukrainischen Präsidenten zeichnet den ungewöhnlichen Werdegang eines ungewöhnlichen Menschen und politischen Strategen.
Bilder des Jahres 2022, News 07 Juli News Themen der Woche KW 30 News Bilder des Tages Ukraine-Konflikt, Wolodymyr Selen
Foto: IMAGO / ZUMA Wire | Der ukrainische Präsident erhielt am 26. Juli den Winston Churchill Leadership Award für seinen entschlossenen Kampf gegen einen übermächtigen Gegner.

Um es gleich zu sagen: Trotz der beruflichen Nähe des Autoren zu westlichen Medien ist das Buch keine verkappte PR-Aktion, um der Ukraine in ihrem Abwehrkrieg gegen Wladimir Putin moralisch unter die Arme zu greifen. Vielmehr zeichnet der Verfasser Sergii Rudenko, geboren 1970, darin in nüchterner, fast distanzierter Manier die politische Karriere ihres Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

Doch wer ist Selenskyj eigentlich? Was zeichnet ihn aus, wer steht hinter ihm? Nach der Buchlektüre lässt sich ohne Trugschluss sagen: ein in seinen Interessen, Zukunftsplänen und Fähigkeiten ambitionierter Charakterkopf, der sich in vielem versucht und es mit Try and Error bis an die Spitze des flächengrößten Landes in Europa geschafft hat. Und: Eines Landes, um dessen Überleben der Präsident seit dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 militärisch zu kämpfen hat. Auch wenn manche Medien, in Deutschland vor allem aus dem CDU-nahen Lager geradezu darum bemüht sind, vermutete Risse in der Achse Kiew-Washington-Berlin auszumachen, tritt Wolodymyr Selenskyj fast täglich in olivgrünem Outfit und blau-gelbem Hoheitszeichen der Ukraine vor die Kamera, um seine Verbundenheit zum Westen und den Durchhaltewillen seines Volkes zu beteuern.

„Bekannt und vor allem weltpolitisch relevant
wurde die jüdische Seite im Leben des Wolodymyr Selenskyj erst,
als er von russischen Medien als „Nazi“ diffamiert wurde,
was bis heute kaum jemand richtig verstanden hat“

Doch das Buch Rudenkos spricht im Grundtenor eine etwas andere Sprache. Denn es zeichnet das Bild einer Ukraine, die sich in Teilen noch entfernt wähnt von westlichen Standards in Sachen Demokratie, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit. Die vermeintliche Einheitsfront gegen den russischen Aggressor, die Selenskyj medial zu transportieren versteht, erhält Risse an jenen Stellen, an denen der Leser die Innenwelt des Kiewer Politbetriebs betritt – einem seltsam anmutenden Haifischbecken, das im Detail oft mehr einem Zirkus als ernstzunehmender Regierungsarbeit gleicht.

Lesen Sie auch:

Von albernen Meldungen über Freunde und Gegner des Präsidenten auf Facebook ist da die Rede, von einer Doktorandin, die sich vor laufender Kamera an die Schulter des verheirateten Staatschefs schmiegt und angeblichen Ausflügen hoher Regierungsbeamter ins Erotikgeschäft, die angeblich nur „rhetorisch“ gemeint waren.

Lehrer, Jurist und Lebenskünstler

Dass er sich einmal mit Russland in einer Vis à vis-Situation um Leben und Tod befinden würde, hatte Wolodymyr Selenskyj wohl weder geplant, noch war es ihm in die Wiege gelegt. Das mit einem Diplom beendete Jurastudium an einem eher unbekannten Kiewer Rechtsinstitut befähigte den Familienvater für den Beruf des Juristen, den er bis heute nicht ausgeübt hat. Denn statt sich mit Ehescheidungen, Verkehrsdelikten und Erbstreitereien zu beschäftigen, zog es ihn – wohl eher ungewöhnlich – als Komödiant einer Theatertruppe auf die Bühne und später als gut bezahlter Clown ins ukrainische Fernsehen; will sagen: in die Rolle eines verträumten Geschichtslehrers, der als „Diener des Volkes“ die Höhen und Tiefen seines Berufes erlebt und sich eines Tages auf dem Sessel des Staatspräsidenten wiederfindet.

Lesen Sie auch:

Der Lehrer findet Unterstützung durch wohlmeinende Gönner, ebenso wie der junge Wolodymyr Selenskyj, dessen Wegbegleiter, schon früh das politische Talent des stämmigen Mannes mit dem spitzbübigen Lächeln eines Zehnjährigen erkannt haben. Selenskyi gilt – das betont Autor Rudenko an mehreren Stellen – als zugewandter Gesprächspartner, gut informierter Politiker und entschlossener Kämpfer, der, einmal in Amt und Würden, stets seinen eigenen Weg gegangen ist und selbst das Angebot Joe Bidens nach Asyl in den USA mit den Worten „Ich brauche Munition statt einer Mitfahrgelegenheit“ mit heroischer Geste in den Wind geschlagen hat. Kurz darauf traf er sich mit seinen Kollegen aus Polen, dessen Eigenstaatlichkeit aus russischer Sicht vermutlich nur von bedingter Gültigkeit ist.

Häufige Jobwechsel sind auch den Umständen geschuldet

Leider kommt auch dieses Buch nicht ohne Wermutstropfen aus. Denn leicht verliert sich der Leser darin in einem Wirrwarr aus Namen, Fernsehsendern und Institutionen, die im Westen weitgehend unbekannt und in ihrem Nachrichtenwert daher eher begrenzt erscheinen. Doch immerhin. Wer es gelesen hat, bekommt à la longue auch einen Eindruck davon, was jungen Ukrainern bevorsteht, die trotz akademischer Ausbildung keine angemessene Anstellung finden und sich mit irgendwas herumschlagen müssen, um wenigstens die Miete für eine Plattenbauwohnung und einen gefüllten Kühlschrank zu bezahlen.

Wer in der heutigen Ukraine etwas werden möchte – so lehrt es die Vita des Wolodymyr Selenskyj – der sollte sich darauf einstellen, alle zwei, drei Monate den Job zu wechseln oder über längere Zeit auch gar keinen Job zu haben. Mit diesen Realitäten des ukrainischen Arbeitsmarktes konfrontiert, entschloss sich der junge Wolodymyr Selenskyj schon frühzeitig, der akademischen Hemisphäre Adieu zu sagen und einzutauchen in die bunte Welt des Theaters, wie einst der spätere US-Präsident und Leinwandheld Ronald Reagan.

Lesen Sie auch:

Warum macht der Kreml die jüdische Herkunft des Präsidenten zum Thema?

Selenskyjs Eltern, über deren nähere Lebensumstände das Buch kaum etwas preisgibt, waren jüdischer Abstammung, ohne dass dies daheim ein „großes Thema“ gewesen sei. Bekannt und vor allem weltpolitisch relevant wurde die jüdische Seite im Leben des Wolodymyr Selenskyj erst, als er von russischen Medien als „Nazi“ diffamiert wurde, was bis heute kaum jemand richtig verstanden hat. Was Wolodymyr Selenskyj in der aktuellen Lage in die Karten zu spielen scheint: Bereits in den 1930-er Jahren versuchten Stalins Soldateska und Geheimdienst das Land unter ihre Fittiche zu bekommen, indem sie es einfach aushungern ließen. Die Millionen Toten des „Holodomor“, des großen Hungers sind bis heute nicht vergessen. Und sie dürften dazu beigetragen haben, dass Selenskyj zügig mit westlichen Waffen ausgestattet wurde, um den Vormarsch Putins in eine Niederlage zu verwandeln, wie sie einst auch die in Apokalypsen endenden Feldzüge Napoleons und Adolf Hitlers ereilt haben.


Sergii Rudenko: Selenskyj: Eine politische Biografie. Carl Hanser Verlag 2022,
224 Seiten, ISBN-13: 978-344627-576-8, EUR 24,–

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Die Person ist die Botschaft: Wie Bilder und Symbolhandlungen beeinflussen, was wir über die russischen und europäischen Kriegs-Akteure denken und fühlen.
25.06.2022, 07  Uhr
Stefan Meetschen
Russlands aktuelle Kriegsstrategie erinnert viele Ukrainer an den Holodomor, den millionenfachen Hunger-Mord unter dem Grausamsten aller Sowjet-Tyrannen, aber auch an Methoden der Nazis.
19.04.2022, 19  Uhr
Stephan Baier
Wladimir Putins Strategie erinnert die Ukrainer an den Holodomor unter Sowjet-Tyrann Josef Stalin.
07.04.2022, 11  Uhr
Stephan Baier
Themen & Autoren
Benedikt Vallendar Adolf Hitler CDU Joe Biden Josef Stalin Ronald Reagan Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Der Vorsitzende von Frankreichs Bischofskonferenz, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort, hat den katholischen Großerzbischof Schewtschuk und den orthodoxen Metropoliten Epifanij in Kiew ...
29.09.2022, 13 Uhr
Franziska Harter
Ein Gespräch mit dem Kölner Kardinal Rainer Woelki über den Synodalen Weg, den Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom und die Kölner Hochschule für Katholische Theologie.
28.09.2022, 17 Uhr
Regina Einig Guido Horst