Mutter und Sohn

Eine Guillotine kommt nicht ins Haus

Goethe sah in seiner Mutter „alttestamentliche Gottesfurcht“. Jetzt sind ihre Briefe erschienen.
Die Küche von Goethes Mutter
Foto: IMAGO / United Archives | In der Küche von Goethes Mutter in seinem Frankfurter Elternhaus.

Seit 1912 gibt es die Pappbändchen der Insel-Bücherei. Ihre einheitlich gestalteten Rücken- und Titelschilder und die mit farbigem Musterpapier überzogenen Einbände machen sie unverwechselbar. Eröffnet wurde die Reihe mit „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. Rilke und Goethe sind bis heute die Autoren mit den meisten Titeln. Rilke war der Erfolgsautor des Insel Verlages und Goethe Leitstern und Sammelobjekt des Verlegers Anton Kippenberg.

Während Verlagshaus mit Archiv und Lager sowie die Verlegervilla den Luftangriffen auf Leipzig zum Opfer fielen, konnte die Goethe-Sammlung gerettet werden und befindet sich heute im eigens geschaffenen Goethe-Museum Düsseldorf. Neuester Goethe-Titel der Insel-Bücherei ist eine Auswahl von Briefen aus der Feder seiner Mutter der Frau Rat Katharina Elisabeth Goethe, geborene Textor (1731–1808). Das Überzugspapier zeigt eine Fotografie der sogenannten „Roten Stube“ des Frankfurter Goethe-Haus im Großen Hirschgraben. Verheiratet war die Tochter des Frankfurter Schultheißen (leitender Jurist der Stadt) mit Johann Caspar Goethe.

„Natürlichkeit, Lebensfreude und Humor,
Freude an Essen und Trinken und am Theater vermitteln die Briefe“

Äußere Umstände verhinderten die Verwaltungslaufbahn des gelernten Juristen, der frühzeitig privatisierte und sich seinen Sammlungen und der Erziehung seiner beiden Kinder widmete. Erstaunliche Parallelen hinsichtlich Berufswahl und Ausbildungsgang von Vater und Sohn legen nahe, dass der Vater im Sohn das öffentliche Amt erreicht sehen wollte, das ihm selbst verwehrt war. Sieht man davon ab, dass dem Vater Unterordnung an einem absolutistischen Fürstenhof verhasst war, hat der Sohn als Weimarer „Kultusminister“ die Erwartungen des Vaters erfüllt. Goethes Vater verstarb 1782 nach einem Schlaganfall. Katharina Goethe, im vertrauten Kreise Frau Aja genannt, muss eine ungemein herzliche und gewinnende Persönlichkeit gewesen sein. Dies bezeugt etwa der junge Herzog Carl August, der 1779 Frankfurt besuchte, um den jungen Erfolgsautor kennenzulernen: „Seine Mutter ist eine ganz vortreffliche Frau, voll Liebe und Größe.“

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In sieben Kapiteln wird dem Leser Frau Aja dank ihrer stets unkonventionellen und anschaulichen Schreibweise sehr lebendig nahegebracht. Gute, knappe Kommentierungen der insgesamt einundsiebzig Briefe, die aus vierhundert erhaltenen ausgewählt wurden, liefern das notwendige Hintergrundwissen. Gäste im Hause Goethe waren beispielsweise Herder, Basedow, Bürger, Heinse, Jacobi, Jung-Stilling, Klinger, Klopstock, Lavater, Lenz, Maler Müller und Nicolai.

Goethes Mutter hatte großes Interesse am zeitgenössischen Geschehen

Aus Weimar erhielt Frau Aja regelmäßig die literarische Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“ vom Herausgeber Wieland persönlich zugeschickt. Prinzenerzieher Wieland war von Goethes Mutter regelrecht begeistert. Umfassend interessiert bezog Frau Aja aber auch ebenso die führende Zeitschrift über Mode und Gesellschaftsklatsch aus Weimar. Zu Recht nennt der Herausgeber Goethes Mutter eine „große Briefschreiberin“ und bescheinigt ihr ein besonderes Einfühlungsvermögen in den jeweiligen Briefpartner. Natürlichkeit, Lebensfreude und Humor, Freude an Essen und Trinken und am Theater vermitteln die Briefe. Was der bekannte Vierzeiler des Sohnes „Vom Vater hab´ ich die Statur,/ Des Lebens ernstes Führen,/ Vom Mütterchen die Frohnatur/ Und Lust zu fabulieren“ auf den Punkt bringt, wird durch zahlreiche Berichte über die erzählfreudige Frankfurterin bestätigt, die in größerer Runde etwa gerne Märchen vortrug. Frau Aja zu Füssen sitzend hat Bettina Brentano ihr zahlreiche Anekdoten aus Goethes Kindheit und Jugend abgelauscht und aufgezeichnet.

Zur Überlieferungsgeschichte der Briefe gibt der Herausgeber Joachim Seng den wichtigen Hinweis, dass Goethe die an ihn vor 1780 gerichteten Briefe seiner Mutter allesamt vernichtet hat. Aus seiner Studienzeit in Leipzig und Straßburg und dem Referendariat in Wetzlar ist kein Brief der Mutter erhalten. Um Ausblendung von Krisen, Krankheit und Tod bemüht hat Goethe auch die Berichte seiner Mutter über den Tod seiner Schwester Cornelia, die 1777 im Wochenbett verstarb, beseitigt. Aus einem Brief an den Sohn vom 17. Juni 1781 geht hervor, dass Frau Aja intensiv Anteil nahm an dessen Wohl und Wehe am Weimarer Hof.

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Goethes legten großen Wert auf fundierte Bildung

Reichstädtischer Großbürgerstolz und Wissen um die pädagogische Aufgabe und den Wert des einzigen Kindes sprechen aus diesen Zeilen: „Die Hauptsache hat er zustande gebracht – der Herzog ist nun wie er sein soll, das andre Dreckwesen – kann ein anderer tun, dazu ist Goethe zu gut.” Trotz mehrfacher Einladung durch das Herrscherhaus hat Goethes Mutter Weimar nie betreten. Zu Christiane Vulpius, der von den höfischen Kreisen in Weimar verachtungsvoll ignorierten Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Goethes, hatte Frau Aja von Beginn an ein besonders herzliches Verhältnis. „Du kanst Gott danken! So ein Liebes – herrliches unverdorbenes Gottes Geschöpf findet mann sehr selten“, schreibt sie nach Weimar über die Begegnung mit der Schwiegertochter (17. April 1807).

Sonst stets bereit, Weihnachtsbesorgungen für den Sohn zu machen, weigerte sich Frau Rat Goethe im Dezember 1793 für den Enkel August eine Spielzeug-Guillotine zu kaufen: „Eine solche infame Mordmaschine zu kaufen – das tue ich um keinen preiß … die Jugendt mit so etwas abscheuliches spielen zu lassen – ihnen Mord und Blutvergießen als einen Zeitvertreib in die Hand geben – nein da wird nichts draus.” Im Sommer diesen Jahres hatte in Frankreich die Terrorherrschaft begonnen. Innerhalb eines Jahres wurden landesweit 16 500 Todesurteile mit der „Mordmaschine“ vollstreckt.

Im Gegensatz zum Sohn, war Mutter Goethe eine Christ-Gläubige

In Goethes Erinnerungen „Dichtung und Wahrheit“ fehlt eine eingehendere Würdigung der Mutter. Sicherlich der schönste Brief des Bändchens ist die Schilderung der letzten Tage im Leben von Susanna Catharina von Klettenberg (an Lavater, 26. Dez. 1774). Darin wird die christliche Glaubensüberzeugung von Goethes Mutter ansichtig. Ausdrücklich dankt sie später dem Sohn für das Denkmal, das er Susanna von Klettenberg in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ im Kapitel „Bekenntnisse einer schönen Seele“ gesetzt hat (9. Juli 1807). Klettenberg machte den jungen Goethe mit ihrer eigentümlichen Verbindung von Hermetik, Alchemie und Christozentrik bekannt und brachte ihn in Kontakt mit der Frankfurter Herrnhuter Brüdergemeine.

Goethe machte im Alter seinem engsten Freund, dem Selfmademan und Leiter der Berliner Singakademie Carl Friedrich Zelter, einen Brief seiner Mutter zum Geschenk. In diesem Brief, so der Sohn drücke sich „der Charakter einer Frau aus, die in alttestamentlicher Gottesfurcht, ein tüchtiges Leben voll Zuversicht auf den unwandelbaren Volks- und Familiengott zubrachte und als sie sich ihren Tod selbst ankündigte, ihr Leichenbegräbnis so pünktlich anordnete, dass die Weinsorte und die Größe der Bretzeln, womit die Begleiter erquickt werden sollten, genau bestimmt war.”


Briefe der Frau Rat Goethe. Ausgewählt und herausgegeben von Joachim Seng. (Insel-Bücherei Nr. 1509).
Insel Verlag Berlin 2022, 142 Seiten, ISBN-13: 978-345819-509-2, EUR 14,–

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