Philosophie und Glaube

Vittorio Hösle: Auf den Spuren des Nicolás Gómez Dávila

Der Philosoph Vittorio Hösle arbeitet sich mit „Gegenaphorismen“ an dem kolumbianischen Schriftsteller und der Gegenwart ab.
Auf den Spuren des Nicolás Gómez Dávila
Foto: IN | Nicolás Gómez Dávilas' Katholizismus ist für Vittorio Hösle alles andere als eine schlichte Form von Traditionalismus.

Wenn sich ein Schriftsteller ungescheut als „Reaktionär“ bezeichnet, der zudem seinen katholischen Glauben offen bekennt, ist Widerspruch vorprogrammiert. Es ist nun innerhalb kürzester Zeit das zweite Mail, dass sich jemand an Nicolás Gómez Dávila orientiert – und abarbeitet. Nach dem Juristen Detlev Piltz ist es nun der bekannte Philosoph Vittorio Hösle. Der hatte sich schon vor vielen Jahren mit dem kolumbianischen Autor beschäftigt und ihn zuerst in mehr als 2600 Meter Höhe in Bogotá in schlafloser Nacht verschlungen. Wie dieser ist Hösle katholisch – aber er ist kein Reaktionär, sondern eher ein hegelianischer Linksliberaler. So scheint es jedenfalls. Denn auch Hösle dreht zwar öfters die Ansichten und Einsichten seines Vorgängers und Vor-Bildes um, oft genug aber verändert er sie auch nur ein wenig oder bringt Ergänzungen, die ganz im Geistes des kulturkritischen Südamerikaners sind.

Hösle bietet seinen Lesern eine ausführliche Einleitung, die zunächst den „Mythos“ Gómez Dávilas als eines exotischen, geistesaristokratischen Charakterkopfes aufruft, um dann sein Leben knapp Revue passieren zu lassen. Dabei streift er auch die Einflüsse des Renouveau catholique während der französisch geprägten Erziehung im Paris der 1920er Jahre, betont aber auch, dass Gómez Dávilas Katholizismus „alles andere als eine schlichte Form von Traditionalismus“ gewesen sei. Hösle schätzt den Kolumbianer als großen Psychologen in der Nachfolge Nietzsches, und er korrigiert das maßgeblich von Martin Mosebach lancierte Bild eines einsamen Denkers, erwähnt die umfangreiche Bibliothek und skizziert dann das Werk. Auch wenn im vorliegenden Buch die sogenannten Scholien (Glossen) im Vordergrund stehen, betont Hösle mit einigem Recht, dass ihm dessen Buch „Notas“ als das faszinierendste erscheine – denn hier reflektiert Gómez Dávila seine eigene Mittelmäßigkeit und kennzeichnet sich selbst als „Karikatur einer großen Intelligenz“!

„Denn Gott ist entweder generierendes Prinzip einer Philosophie, oder er ist nicht.“

Hösle hat als Philosoph einen ausgesprochen weiten Horizont – und er hat systematische Ansprüche, die Gómez Dávila weder hat noch erfüllen will. Daher stellt die Verwendung des Aphorismus als literarische Form für ihn eine besondere Herausforderung dar. Anders als oft gedacht, stehe der Aphorismus keineswegs notwendig für eine fragmentarische Sicht der Dinge, wenn er auch offensichtlich von konservativen Autoren bevorzugt als Denkmittel verwendet wird. Hösle als Systemdenker lobt und kritisiert den Aphorismus. Denn einerseits reduziere er Komplexität, was notwendig sei. Andererseits aber simplifiziere er, was unverantwortlich sei. Deshalb also die Notwendigkeit des „Gegenaphorismus“, der Widerspruch äußert und damit Dialog ermöglicht.

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Wie sieht das nun bei Hösle aus? Er zitiert immer einen Ausspruch, eine Glosse, einen Aphorismus von Gómez Dávila, dem er dann seinen Gegenaphorismus, eine Ergänzung oder eine Erläuterung hinzufügt. Das geht dann zum Beispiel so, indem er zitiert: Die Wahrheiten widersprechen einander nur, wenn sie in Unordnung gebracht werden. Daraus zieht Hösle nun sehr elegant den Schluss, nur ein System könne den Wahrheiten „ihren Platz in der Ordnung des Seins“ anweisen, weshalb auch nur ein System „selbst die wahrsten Aphorismen vor brudermörderischem Konflikt“ bewahren könne. Der Aphoristiker, so Hösle, sei der „Physiotherapeut des Systematikers“ – denn Letzterer brauche die systemfeindliche Provokation, um zu verhindern, dass das System selbst realitätsfremd wird. Dieser Gefahr aber unterliegt jedes System, weil kein System, das im Ganzen das Wahre sieht, etwas daran ändern kann, dass all unser Wissen Stückwerk ist und bleibt. Hier würde Gómez Dávila sicher mit Johann Georg Hamann gegen Hösle und das Systemdenken Partei ergreifen.

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Mehr gemeinsam, als Hösle zugeben mag

Immer wieder lässt der Autor auch seine Differenzen zu Gómez Dávila anklingen, aber es sind Differenzen eines produktiven Ärgers. Denn über welchen Autor lohnt es sich schon, sich so richtig zu ärgern? Hösle deutet dies als Kompliment an dessen Irrtümer, und er freut sich darüber, dass Gómez Dávila nicht so modisch und schließlich langweilig wurde wie Nietzsche. Denn dadurch blieben „Verblüffungs- und Verjüngungseffekte“ möglich. Wenn Gómez Dávila sagt, er erhebe keinen Anspruch auf Originalität und es genüge ihm ein alter Gemeinplatz, so sieht Hösle seine „bescheidene Originalität“ gegenüber dem Kolumbianer darin, dass ihm der Gemeinplatz nur dann reiche, wenn er wahr sei. Aber das ist zugleich auch die unausgesprochene Implikation von Gómez Dávilas ursprünglichem Satz.

Und wenn Don Nicolás meint, dem wahren Christen könne in Sachen Menschenkenntnis niemand etwas beibringen, betont der Katholik Hösle, der Christ bedürfe jedoch sehr wohl „dringend einer philosophischen Theologie, die ihm die Bibel nicht vermittelt.“ Damit trifft Hösle einen sensiblen Punkt bei Gómez Dávila, der wegen seiner Abneigung gegenüber einer philosophischen Theologie auch der Scholastik generell sowie Thomas von Aquin kritisch gegenüberstand. Gott glaubt nach Gómez Dávila an die Menschen, aber Hösle wendet ein, man müsse Gott nicht einen Glauben, sondern ein Wissen zuschreiben – ein Wissen „um die vielen, die an ihn glauben, und die wenigen, die ihn wissen.“ Und nach Hösle kann es auch nicht darum gehen, in einer Philosophie einen Platz für Gott zu finden, da das einer Beleidigung Gottes gleichkomme: „Denn Gott ist entweder generierendes Prinzip einer Philosophie, oder er ist nicht.“

Noch nicht entscheiden: Wer liefert die schärfere Kulturkritik?

Auch an einer anderen Stelle macht Hösle den Versuch, einen Gedanken von Gómez Dávila weiterzuspinnen, der Sinn ergibt. So habe, sagt dieser, das Christentum nicht den Begriff der Sünde erfunden, sondern den der Vergebung. Jener aber besteht darauf, dass diese Entdeckung der Vergebung nur Sinn ergebe, wenn man den Begriff der Sünde hartnäckiger verteidige als solche Religionen, welche nur die Sünde, aber keine Vergebung kennten.

Hösle beendet sein Buch mit einer offenen Frage: „Ob der postmoderne Kulturbetrieb mehr Müll anzieht oder mehr selber hervorbringt, gehört zu den Rätseln, die ich gerne unentschieden lasse.“ Aber wenn er Gómez Dávilas berühmtes Diktum, die Philosophie überwintere an den Universitäten lediglich, lapidar damit ergänzt, in den Talkshows erfriere sie, können auch wir guten Gewissens offen lassen, wer von den beiden Denkern nun die schärfere Kulturkritik liefert. Hösles jedenfalls ist davon überzeugt: „Der Christ, der der Pflicht der Selbstvervollkommnung nicht untreu werden will, braucht einen Fliegenwedel gegen die Vulgarität der Moderne.“ Das rechtfertige auch die periodische wiederkehrende „melancholische Liebe“ zur Gegenaufklärung eines Gómez Dávila.


Vittorio Hösle: Im Dialog mit Gómez Dávila. Gegenaphorismen, Variationen, Korollarien.
Zu Klampen Verlag, 200 Seiten, ISBN-13: 978-386674-833-0, EUR 20,–

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