Doch!

Es gibt die Sünde

Wer die gebrochene, zum Bösen geneigte Natur des Menschen leugnen will, hat nicht alle fünf Sinne beisammen. Doch genau deswegen gab Gott seinen Sohn hin, um die Sünde der Welt zu überwinden.
Adam und Eva im Paradies
Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Das Christentum hingegen hat sich nie Illusionen über die Natur des Menschen gemacht. Deshalb steht das Paradies in der Theologie auch nicht am Ende der menschlichen Entwicklung, sondern am Anfang.

„Schluss mit Sünde!“ lautet der Titel des Buches eines Würzburger Theologieprofessors. Wer würde da widersprechen? Aber schon Berthold Brecht ließ in seiner berühmten Dreigroschenoper den Unternehmer Peachum sagen: „Wer wollt auf Erden nicht ein Paradies? Doch die Verhältnisse, gestatten sie‘s?“ Überdies ist der Buchtitel gar nicht so zu verstehen, als wolle der Autor die Sünde aus der Welt schaffen. Vielmehr möchte er den Begriff aus dem theologischen Vokabular verbannen, da er nicht mehr zeitgemäß sei.

Sünde ist nicht zu leugnen

Nun ist der Vorwurf der mangelnden Zeitgemäßheit gegenüber der Kirche alles andere als originell, doch ist er in diesem Punkt besonders faszinierend. Denn während sich die Gesellschaft in manchen Dingen im Laufe der Jahrhunderte tatsächlich grundlegend verändert hat, so bleibt die Sünde eine unzweifelhafte, wenngleich traurige Konstante menschlicher Existenz. Das macht sie eigentlich sogar zu einer der leichter zu vermittelnden Elementen kirchlicher Lehre.

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Menschen tun sich zwar bekanntlich schwer damit, etwas für wahr zu halten, was sie nicht sehen oder sonst wie sinnlich erfassen können. Der Umstand jedoch, dass die Welt unvollkommen und voller Leid ist, das sich Menschen gegenseitig zufügen, ist für niemanden zu leugnen, der noch seine fünf Sinne beisammen hat – wenngleich es freilich einfacher ist, die Sünde bei anderen zu sehen als bei sich selbst.

Angeborene Sünde des Menschen 

Aber auch jenseits der Frage, ob man eher den Splitter im Auge des Bruders oder den Balken im eigenen sieht, gibt es die grundsätzliche Vorstellung, der Mensch sei im Grunde seines Wesens gut und werde nur durch äußere, sogenannte „systemische“ Umstände zum Bösen getrieben. Dieser tragische Irrtum liegt letztlich allen totalitären Regimen zugrunde.

Hat man erst einmal Klassenunterschiede oder andere „systemische“ Fehler beseitigt, werden sich paradiesische Zustände einstellen, so das oft gehörte, doch nie verwirklichte Versprechen zahlreicher Tyrannen. Bittere Ironie: Die schlimmsten Sünden der Menschheit wurden begangen, weil man die angeborene Sünde des Menschen ignoriert hat.

Paradiesische Sünde

Das Christentum hingegen hat sich nie Illusionen über die Natur des Menschen gemacht. Deshalb steht das Paradies in der Theologie auch nicht am Ende der menschlichen Entwicklung, sondern am Anfang. Die Heilige Schrift lehrt in kaum zu überbietender Klarheit und Eindeutigkeit, dass der Mensch selbst im paradiesischen Zustand, ohne jegliche Sorgen und Nöte, noch zur Sünde geneigt ist.

Nur wenige Kapitel später wird Gott mit einer gewissen Ernüchterung feststellen: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ (Gen 8,21) Mit Brecht gesprochen: „Da hat er eben leider recht, die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht.“

Ohne Sünde kein Christentum

Aber, und das ist die entscheidende Botschaft des Christentums, Gott verfällt ob dieser Erkenntnis nicht in Zynismus oder Apathie. Nein, so sehr liebt er die Menschen, dieselben Menschen, die ihn immer wieder enttäuschen, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingibt, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.

Auf dieser göttlichen Handlung basiert das gesamte Wesen der Kirche, weshalb sich viele ihrer wesentlichen Vollzüge um das Thema Sünde drehen: Die Taufe, in der die Sünde abgewaschen wird; die Beichte, in der von der Sünde freigesprochen wird; die Eucharistie, in der wir das Opfer Christi für unsere Sünden feiern. Mit all diesen Dingen soll also Schluss sein? Wer das Bewusstsein von Sünde abschafft, schafft das Christentum ab.

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