Philosophie

Peter Trawny: Die Wurzeln des Hasses erforschen

Der Philosoph Peter Trawny hat sich an die Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ gewagt um das Wesen von Feindseligkeit zu ergründen.
Heidegger mit seiner Frau
Foto: IMAGO / sepp spiegl | Heidegger gibt mit seiner Rede von der „Philosophie des Nationalsozialismus“ bis heute Rätsel auf; hier mit seiner Frau.

In seiner Vorlesung zur „Einführung in die Metaphysik“ aus dem Jahre 1935 stoßen wir auf eine rätselhafte, wenn nicht verstörende Bemerkung von Martin Heidegger. „Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird“, so der Freiburger Philosoph, „aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) nicht das Geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in diesen trüben Gewässern der ,Werte‘ und der ,Ganzheiten‘“.

Auch wenn wir hier nicht übers spiegelglatte Parkett von Fragen schlittern wollen, ob und wann und warum Heidegger mit den Nazis geliebäugelt hat, lässt dieser Satz doch aufhorchen. „Philosophie des Nationalsozialismus“? So etwas dürfte sich auf der Komplexitätsflughöhe dessen bewegen, was sonst als Firmenphilosophie schwadroniert wird. Aber „innere Wahrheit und Größe dieser Bewegung“? Gar „Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen“? Was will Heidegger damit andeuten?

„Und weil der Hass die soziale Energie in einer Welt von Siegern und Verlierern ist,
meint Trawny, bleibt der propagierte ‚Kampf gegen den Hass‘ eine hohle Phrase“

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Mit einem ähnlich mysteriösen, gleichwohl elektrisierenden Zitat von Jacques Derrida steigt Peter Trawny in seinen Essay über „Hitler, die Philosophie und der Hass“ ein. In einem Vortrag Mitte der Siebzigerjahre behauptet der französische Dekonstruktivist Derrida, dass wir „nicht wüssten oder zu wissen glaubten, was der Nazismus“ sei.

Ich glaube nicht“, sagt Derrida, „dass wir den Nazismus schon zu denken wüssten. Diese Aufgabe bleibt vor uns.“ Trawny, Professor an der Uni Wuppertal und Mitherausgeber von Heideggers Gesamtausgabe, stolpert über diesen Passus wie wohl jeder Leser. Was soll das bedeuten: den Nationalsozialismus denken?

Der Philosoph Trawny weiß, dass der Nationalsozialismus nicht, wie es Politiker meinen, aufzuarbeiten ist, um ihn sich vom Halse zu schaffen. „Es ist im philosophischen Denken überhaupt unmöglich“, meint er, „eine Sache so zu durchdenken, dass sie sich erledigt hat.“ Ein noch ungedachter Nationalsozialismus kann demnach nur heißen: „Es steht uns immer bevor, ihn zu denken, er wird nicht aufhören, ungedacht zu sein.“

Ein toxisches Machwerk: Hitlers „Mein Kampf“

Denken ist immer auch, sich etwas zu vergegenwärtigen. Wenn wir uns also zum Nationalsozialismus vordringen wollen, uns ihm gedanklich aussetzen wollen, um „in ihm noch Ungedachtes zu finden“ – wie stellen wir das an? Trawny sagt, das, was „am Nationalsozialismus wirklich als einzigartig bezeichnet werden kann“, das „Alleinstellungsmerkmal des Nationalsozialismus“ heißt Adolf Hitler. Also fängt er an, „Mein Kampf“ zu lesen.

Mit international 167 Millionen Exemplaren, in 16 Sprachen übersetzt, ist, so Trawny, „Mein Kampf“ das „wichtigste und erfolgreichste Buch des Nationalsozialismus“. Es ist eine Fron, sich durch dieses Buch zu arbeiten. Wer es in der Hand hält, hat, je nach Temperament, das Bedürfnis, heiß zu duschen oder nach dem Exorzisten zu rufen. Insbesondere seine philosophischen Kollegen, sagt Trawny, sind „nie auf die Idee gekommen, ,Mein Kampf‘ genauer zu lesen und zu deuten“. Denn dieses Buch „ist ein toxisches Machwerk eines Dilettanten, das die Philosophie, diese Liebe zur Weisheit, kontaminiert“.

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Erschreckende, aber logische Analogien

Trawny hat die Lektüre durchgehalten. „Die Philosophie hat eine Verantwortung, die mit der Weltanschauung des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.“ Warum das so ist, wird im Verlaufe dieser überraschenden Hitler-Exegese deutlich. Nicht nur, dass Trawny in der Nazi-Bibel Blaupausen entdeckt für unsere krisendurchschüttelte Gegenwart. „Hitlers ,Mein Kampf‘ ist in vielfacher Hinsicht ein identitätspolitischer Diskurs.“ Hier will einer, der sich nach der traumatisierenden Erfahrung als Gefreiter im Ersten Weltkrieg „mitten entzweigeschnitten“ (Philosoph Max Scheler) fühlt und seine Welt nicht wiedererkennt, ebendiese Welt mit aller Gewalt zu vermeintlich neuer Kenntlichkeit umformen.

Von „Empowerment“ spricht Trawny, also von „Ermächtigung, gar Machtergreifung“, wenn er feststellt: „In ,Mein Kampf‘ geht es einzig und allein um Empowerment.“ Es ist ein Schlagwort, das wir aus der heutigen Aktivistenszene kennen. Es drängen sich bei diesem Begriff förmlich die Lobbygruppen der segmentierten westlichen Gesellschaften vor unsere Augen, wie sie in ihrer bizarren Verbohrtheit ihre jeweilige Klientel an die Futtertröge und Schalthebel manipulieren. Und wer stellt sich nicht bisweilen vor, wie diese woken Eiferer sich wohl unter Hitlers Herrschaft auf der Karriereleiter empor bewegt hätten? In ihrer geistigen Verengtheit führt die grassierende Kultur der Wokeness derzeit vor, wie Hass und Hetze entsteht und von gesellschaftlichen Eliten zur Konzertierung ihrer Privilegien instrumentalisiert werden. Und wie dieser Hass, so graut es uns in der Rückschau, eines Tages wieder in Vernichtungslagern eskalieren könnte.

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Der Bruch mit Gott begründet extremistische politische Ideologien

Hitlers Hass jedoch wurde nicht erst in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs geboren und in der Landsberger Haft zu Papier gebracht. Trawny zeigt auf, dass das Phänomen Nationalsozialismus eines dieser schrecklichen Kinder der Neuzeit und sogar der Aufklärung ist. Der Rassismus, eines der wesentlichen Elemente der NS-Ideologie, konnte erst entstehen, nachdem dem Menschen alle himmlischen Genealogien entzogen und er zum Geschöpf der Erde etikettiert wurde. „Die Naturalisierung des Menschen befreit aus theologischen oder auch christlichen Kontexten, nach denen er ein Geschöpf Gottes, ein ens creatum, sei“ schreibt Trawny.

Erst jetzt hätten phänotypische Unterschiede eine Rolle spielen können. Der Nationalsozialismus habe auf radikale Weise aufgezeigt, was passiert, wenn wir die Naturalisierung des Menschen zum Äußersten treiben. Den extremen biopolitischen Naturalisierungen des Lebens heutzutage in Medizin, Biologie und Genetik hat das warnende Beispiel der Nazis nicht Einhalt gebieten können. Schon 1799 wusste Novalis: „Wo keine Götter sind, walten Gespenster.“ Kaum 150 Jahre später resümierte Adorno den Zweiten Weltkrieg und die Atombombe, als er in der „Dialektik der Aufklärung“ feststellte: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“

Menschen dürfen nicht nach Leistungsfähigkeit kategorisiert werden

Ähnlich schätzt Trawny die Beharrungskraft des Hasses ein. Er bezeichnet Kapitalismus und Verdinglichung als notwendige Folge der Naturalisierung. Kapitalistischer Kampf mit Anderen gebiert Hass und ist aus Hass geboren: „Hass provoziert Hass.“ Trawny findet den Ursprung des Hasses im Besiegen und Übertreffen, das „eine Grundregel unseres gesellschaftlichen Lebens ist“. Dieser Zustand hält für uns „die tiefste Enttäuschung“ bereit, „die das Leben mir antun kann. Die Folge ist, dass ich hasse“.

Und weil der Hass die soziale Energie in einer Welt von Siegern und Verlierern ist, meint Trawny, bleibt der propagierte „Kampf gegen den Hass“ eine hohle Phrase. „Solange Leben Leistung bleibt, wird der Naturalismus des Hasses sich bestätigen und fortpflanzen.“ Vielleicht ist dies sogar eine tiefere Bedeutung des sprichwörtlichen „Hitler in uns allen“.


Peter Trawny: Hitler, die Philosophie und der Hass.
Anmerkungen zum identitätspolitischen Diskurs.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2022, 173 Seiten, EUR 14,–

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