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Abt Nikodemus Schnabel: „Geistlich geht es uns gut“

Im Interview spricht der Abt der Jerusalemer Dormitio-Abtei über die Erfahrungen im Krieg zwischen Palästina und Israel. 
Benediktinerabt Nikodemus Schnabel spricht über die Erfahrungen im Krieg zwischen Palästina und Israel
Foto: Corinna Kern (dpa) | Benediktinerabt Nikodemus Schnabel

Der Konflikt zwischen der Hamas und Israel habe die Mönche seiner Gemeinschaft neu herausgefordert, so der Abt der Jerusalemer Dormitio-Abtei, Nikodemus Schnabel, im Gespräch mit der „Tagespost“. „Nach dem Angriff am 7. Oktober hat sich jeder Mönch unserer Gemeinschaft bewusst neu für unsere beiden Orte im Heiligen Land entschieden“, so Schnabel. Geistlich gehe es den Brüdern gut. „Wir beten intensiv und spüren die Verantwortung für die, die uns anvertraut sind.“ Mit Raketen- und Drohnenangriffen wie denen von Mitte April gingen die Mönche „gefasst und angstfrei“ um. „Jeder von uns Mönchen weiß, worauf er sich bei seiner Profess eingelassen hat“, betont der Abt. Ihnen allen sei ihre Verantwortung für die Mitbrüder, die Gäste sowie Studenten und Mitarbeiter, aber auch als zwei „Hoffnungsoasen“ für zahlreiche Menschen im Heiligen Land bewusst. 

Stockende Pilgerreisen

Gleichzeitig stehe die Abtei vor finanziellen Schwierigkeiten. Die zwei gewöhnlich hochfrequentierten Pilgerorte, der Ort des letzten Abendmahls von Pfingsten und der Entschlafung Mariens auf dem Jerusalemer Zionsberg sowie der Ort der Wunderbaren Brotvermehrung in Tabgha, am Ufer des Sees Gennesaret, litten unter dem Krieg. Die vielen lokalen Mitarbeiter, in der Mehrzahl Christen, werden laut Schnabel trotz fehlender Einnahmen weiter beschäftigt. „Wenn ich sie entlassen würde, würde ich sie und ihre Familien in die Armut entlassen“, so Schnabel. Er hoffe auf „liebe Menschen“, die die Klöster und die Mitarbeiter durch Spenden unterstützen können.

Weniger als die Religionen selbst macht Schnabel ein Schwarz-Weiß-Denken für den Konflikt zwischen Israel und Hamas verantwortlich. „Die Fronten verlaufen nicht, wie man uns gern glauben machen möchten, an Religions- oder Nationalitätsgrenzen“, so der Abt. Er sehe weniger einen Konflikt von Juden gegen Christen gegen Muslime, Israelis gegen Palästinenser, Westen gegen arabische Welt. Es gebe die Menschen aller Religionen, die sich Jerusalem als offene Stadt wünschen: „Die sagen, es ist wunderschön, wenn es Pessach ist, wenn Ramadan ist, wenn Ostern ist.“ Auf der anderen Seite stünden die, die dualistisch in einem Schwarz-Weiß-Schubladendenken gefangen seien. „Wir müssen uns gerade als Christen dagegen wehren, in solche dualistischen Konflikte hineinziehen zu lassen. Freund gegen Feind, Schwarz gegen Weiß“, so Schnabel.

Ausgrenzung kann jede Religion treffen

Laut Schnabel verursache eine fehlgeleitete Identitätssuche oft religiösen Extremismus und Ausgrenzung. Das gelte für Juden, Muslime und Christen gleichermaßen, wenn sich die Sehnsucht auf die Identität statt auf Gott ausrichte. „Denken Sie etwa an die selbst erklärten „Verteidiger des christlichen Abendlandes“, die nicht einmal getauft sind, geschweige denn eine christliche Glaubenspraxis haben“, so der Mönch. DT/sdu

Lesen Sie das ganze Interview mit Abt Nikodemus Schnabel über seine Perspektiven für Israel und die Ökumene in Jerusalem in der kommenden Ausgabe der „Tagespost“.

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