Phantasie

Was Harry Potter und das Evangelium gemeinsam haben

Die Romane Joanne K. Rowlings sind unter Christen umstritten. Manche haben Angst, dass sie Kinder in die Welt des Okkulten führen. Man kann es auch anders sehen.
Harry Potter Weltrekord
Foto: dpa | Erkennungszeichen „Blitznarbe“, Brille und Zauberstab: Die „Harry Potter“-Geschichten haben Millionen von jungen Lesern geprägt.

Hartnäckig halten manche Christen daran fest, dass die Bücher von dem Jungen mit der Blitznarbe mehr Fluch als Segen sind. Doch dass das magische Märchen heute noch Kinder und Erwachsene bezaubert, ist ein Zeichen der Hoffnung – denn es beweist die Sehnsucht der Menschen nach einer sinnvollen Existenz über den Tod hinaus.

„Unauffällig fordert „Harry Potter“ die altbekannte Geschichte
des zufällig gewordenen Universums heraus,
in dem wir als Menschentiere irgendwie gelandet sind
und ungewollt die Gabe des Bewusstseins entwickelt habe“

Geschichten haben die Eigenart, uns etwas darüber zu verraten, in welchen Farben die Menschen früher geträumt haben. Überliefert über Codices, Manuskripte und gedruckten Büchern sind uns die von Hexametern aufgepflügte rote Erde der römischen Dichter oder die blauen Blumen, die wandernden Deutschen im 19. Jahrhundert den Kopf verdrehten.

Dem, was die Menschen schrieben, hörten und lasen, können wir heute als Spuren ihrer Sinn- und Gottsuche nachgehen. Ihr Was-wäre-wenn verzeichnet den Weg zu ihren Herzen. 1929 bekehrte sich in der berühmten englischen Universitätsstadt Oxford ein gewisser Clive Stapleton Lewis. Der Bekehrung, erzählt der Konvertit später selbst, ging eine lange Liebe mit George McDonalds Märchennovellen voraus. Die fantastischen Bibelträume des Katholiken, seine Geschichten von Feen und Rabenmännern, formten Lewis‘ Vorstellungskraft von Kindheit an und gaben später einer Welt Gestalt, die das Gottesbild vieler Christen prägte, bevor sie in die Sonntagsschule gingen.

Zugang zu Gott über Abenteuergeschichten der Jugend

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Lewis goss seine Sehnsucht nach Gott in eine Abenteuergeschichte. Sie führte in einen Schrank, der sich in eine gefährdete Welt öffnet, kreuzt den Weg einer bösen Hexe, die mit billigem Luxus verführt und endet vor den Pranken eines sanften Löwen, der aber nicht zahm ist. Fast hundert Jahre später wirkt es vielleicht so, als seien die Zeiten für Kinderbücher, die Glauben formen können, vorbei.

Aber es gibt sie noch, diese Sehnsucht, die Leser an bestimmte Bücher lockt, magische Kinderbücher – , wie „Harry Potter“. Hartnäckig hält sich in katholischen Kreisen der Mythos, dass diese Bücher, deren erster von sieben Bänden vor 25 Jahren, am 25. Juni 1997 in einer Mini-Auflage von 500 Exemplaren erschien, schädlich sind, weil sie von Magie handeln und nicht versuchen, den Glauben zu erklären. Der Reflex ist oft, gegen „Harry Potter“ zu missionieren, am besten noch mit Katechesen über das Böse und dämonische Einflüsse. Doch das ist ein Fehler. Ist jemand auf der Suche nach einer Schatzkarte, dann ist ihm mit einem Geographie-Buch nicht geholfen. Diese Ansätze beweisen zudem oft ein fehlendes Verständnis dafür, dass Harry Potter zentrale christliche Tugenden fördert.

Es gibt Parallelen

Stellen Sie sich vor, Sie könnten mit dem Bild von Papst Johannes Paul II. an Ihrer Wand sprechen. Ihn um Rat fragen, wenn Sie einen Streit mit jemandem hatten, oder ihn um Hilfe bei Ihrer Privatlektüre von Mulieris dignitatem bitten. Oder, dass Sie plötzlich wissen, wie Glück schmeckt, oder wie Liebe riecht. Oder, um es mit den Worten von Severus Snape, Zaubertrankprofessor, auszudrücken: „…wie man Glanz und Ansehen brodelnd zusammenbraut, wie man Ruhm auf Flaschen zieht und sogar wie man den Tod verkorkt.“

Die Zaubererwelt ist eine lebendige Welt. In ihr macht die Funktion dem Sein Platz. Ein Bild ist mehr als nur aufgetragene Farbe nach einem bestimmten Muster, es fängt etwas von dem tatsächlichen Abbild der Person ein. Rowling greift zurück in eine alte Vorstellung, in der der Mensch als sinnfähiges Wesen die Voraussetzung zum Begreifen der Welt ist – anders, als das empirische, aufgeklärte Weltbild der STEM-Wissenschaften gegenüber. Alchemie über Chemie: Der Glückstrank Felix Felicis ist keine Droge, die bestimmte Synapsen stimuliert. Er ist final, er macht, dass man Glück hat, er ist Flaschen gewordenes Glück. Die Frage des „Wie“ ist nicht nur uninteressant, sie ist irrelevant, die falsche Frage. Es geht um das „Was“ und „Wozu“. Sinn und Ding kommen wieder zusammen.

Eine altbekannte Geschichte herausgefordert

Unauffällig fordert „Harry Potter“ die altbekannte Geschichte des zufällig gewordenen Universums heraus, in dem wir als Menschentiere irgendwie gelandet sind und ungewollt die Gabe des Bewusstseins entwickelt haben. Sie spricht die Sehnsucht des Menschen nach seinem Menschsein an, nach einem Leben, in dem die Begriffe von Zeit, Tod und Liebe einen Sinn haben, der sich bestaunen, betasten, verschmecken lässt.

Rowling setzt diese Haptiken in das Mondäne und Alltägliche ein. Abfahrt zur Zaubererschule ist von einem Gleis am King´s Cross, zum Zaubereiministerium gelangt man über eine rote Telefonzelle und der Kampf gegen Gut und Böse findet zwischen Schulsport und Hausaufgaben statt. Diese alte Kombination, die auch Lewis einzusetzen wusste, bekräftigt den Leser in seiner Vermutung, dass sein alltägliches Leben unter der Oberfläche die gleiche staunenswerte, berauschende und lebensgefährliche Qualität hat.

Heilung und Heldentaten erwachsen aus dem Alltäglichen

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Der Widerstand gegen den Antagonisten Lord Voldemort organisiert sich um das gemeinsame Familienessen mit den dazugehörigen Auseinandersetzungen, zwischen Hühnerfüttern und Frühlingsputz. Das Vertraute, Normale, Durchschnittliche ist der Nährboden für Heilung und Heldentaten, hat in sich selbst eine versteckte Magie, die sich überschreiben ließe in der Formel, die das Buch ganz am Ende als letzte Worte wispert, als Harry seinen eigenen Kindern Jahre später am Bahnhof zuwinkt: Alles war gut.

Doch um dorthin zu gelangen muss man sich durch die letzten Stationen in Rowlings Geschichte schlagen, und die sind dunkel. Zu dunkel für Katholiken?

Harry wird später sein Leben für seine Freunde opfern. In ihm lebte etwas Böses, Kaputtes, das er ohne Schuld seit seiner Kindheit mit sich trug: Ein abgespaltenes Stück von der Seele Lord Voldemorts, das sich an Harry klammerte, als der Körper seines ursprünglichen Besitzers von seinem eigenen Fluch getroffen und zerstört wurde. Der Mord an einem unschuldigen Kind war zu viel für Voldemorts vom vielen Blutvergießen brüchig gewordene Seele. Sollte dieses Stück nicht zerstört werden, kann niemand Voldemort töten und er bleibt unbesiegbar. Doch eine Macht ist auf seiner Seite: Die Liebe.

Die Liebe überwindet jeden Hass

Die Liebe klebt in Harrys Haut und Haaren, in seinem Blut. Als er erst ein Jahr alt war, opferte sich seine Mutter für ihn auf, schützte ihren Sohn mit ihrem Leib von Lord Voldemorts Todesfluch. Der kann Harry später nicht einmal berühren; seine Haut wirft Brandblasen, sobald er es versucht. Später versucht er, Harrys Seele zu besetzen, ihn mit Hass und Bosheit einzunehmen, doch er erträgt die Liebe nicht, die darin lebt, eingesät von Harrys Mutter.

Die Liebe und der Tod sind Harrys ständiger Begleiter. Durch die sieben Bücher lernt Harry, beide friedlich in Einklang zu bringen. Schon im ersten Buch erklärt ihm sein Mentor Dumbledore: „Schließlich ist der Tod für den gut vorbereiteten Geist nur das nächste große Abenteuer.“ Als Harry zu seiner Hinrichtung geht, begegnet er den Geistern seiner verstorbenen Eltern und seines Patenonkels, die ihn auf diesem letzten Weg begleiten. Es ist eine Märchenwahrheit, dass die Toten uns niemals wirklich verlassen, besonders dann, wenn sie in unseren Herzen bleiben, und dass die Liebe die Macht ist, die den Tod besiegt, ohne ihm aus dem Weg zu gehen.

Eine Sehnsucht des Menschen

Tritt man nicht mit Misstrauen an das Buch, können sich die „okkulten“ Motive in etwas verwandeln, das das geistliche Leben aufbaut und schützt. Denken Sie an das Gemälde von Johannes Paul II. Was würden Sie ihm sagen, was ihn fragen? Mit den Toten zu sprechen, das riecht nach Okkultismus, zweifellos gefährlich. Aber Katholiken tun es trotzdem, wenn sie zu den Heiligen beten.

Für Christen könnte die Resonanz von Harry Potter ein Hoffnungsschimmer sein. Ein Zeichen dafür, dass es noch immer eine Sehnsucht nach einer Existenz voll Sinn gibt, die sich nicht am Werden und Enden von Organismen erschöpft. Nach einem Bewusstsein für eine unsichtbare Welt.

Dieses völlig unerwartete, weltliche Echo des Evangeliums hat die Hoffnung geäußert, dass die Liebe den Tod wirklich besiegt. Und hat damit geformt, wie eine ganze Generation träumt.

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