Film

Garcias Filmtipp: „Hitlers Kreis des Bösen“

- Wer Deutschland in den Abgrund führte. Die Netflix-Serie: „Hitlers Kreis des Bösen“ zeigt detailliert die Anfänge des Nationalsozialismus.
Filmszene aus „Hitlers Kreis des Bösen“
Foto: Netflix

Der Nationalsozialismus scheint zwar im Film bereits gänzlich auserzählt zu sein. Hin und wieder gelingt es aber einem Regisseur, einen bestimmten Aspekt der Naziherrschaft zu beleuchten – beispielsweise Dennis Gansel in „Napola – Elite für den Führer“ (DT vom 15.1.2005), der die Ausbildung der „Herrenmenschen“ für Schlüsselstellen des „tausendjährigen Reiches“ in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten in den Blick nahm – beziehungsweise vergessene oder gar unbekannte Ereignisse des Zweiten Weltkriegs filmisch zu verarbeiten, so zuletzt Robert Schwentkes „Der Hauptmann“ (siehe Filmtipp „Der Hauptmann“).

Eine neue britische Fernsehserie, die seit kurzem „Netflix“ anbietet, stellt jedoch nicht eine Einzelepisode, sondern die gesamte Naziherrschaft unter einem bestimmten Blickwinkel in den Mittelpunkt: Die zehnteilige Serie „Hitlers Kreis des Bösen“ („Hitler's Circle of Evil“) konzentriert sich auf den „inneren Kreis“ um Adolf Hitler. Das von der Fernsehserie gewählte Format ist das sogenannte „Dokudrama“, das gerade bei der Aufarbeitung historischer Stoffe häufig eingesetzt wird, und in der Verknüpfung dreier Elemente besteht: Zu den Originalaufnahmen, dem Dokumentarmaterial, kommen Interviews mit Experten hinzu. Nachgestellte Szenen ergänzen oder illustrieren den jeweiligen Sachverhalt. Bei „Hitlers Kreis des Bösen“ übernehmen die Spielszenen lediglich die Rolle, die Aussagen einer Off-Stimme zu illustrieren: Der Zuschauer hört einzig die Erzählerstimme. Interessant nehmen sich die Aussagen einer ganzen Reihe Historiker aus, deren frontal aufgenommene Interviews immer wieder eingeblendet werden. Es handelt sich meistens um britische Historiker. Der einzige Deutsche ist Sönke Neitzel, seit 2015 Professor an der Universität Potsdam, der vorher in Glasgow und London gelehrt hatte. Als Haupterzähler führt durch die gesamten zehn Folgen Guy Walters, Historiker und Autor, der von 1992 bis 2000 in der Redaktion von „The Times“ arbeitete.

Die erste Episode „Helden und Außenseiter“ beschäftigt sich mit den Ursprüngen des Nationalsozialismus, insbesondere mit der kurze Zeit existierenden, von Anton Drexler gegründeten „Deutschen Arbeiterpartei“, vor allem aber mit Dietrich Eckart, der eine Art Mentor für Adolf Hitler wurde, und dem Hitler später „Mein Kampf“ widmete. Eckart begünstigte Hitlers Aufstieg in der Partei, die bald NSDAP heißen würde: „Eckart braucht einen Führer, einen Messias“, fasst die Off-Stimme Hitlers Anfänge zusammen. Hitlers erste Berührung mit der „Deutschen Arbeiterpartei“ am 12. September 1919 im Münchener Sterneckerbräu, sein Eintreten in die Partei, die Abwahl Drexlers als Parteivorsitzender, die Umbenennung in NSDAP ... führen zum Putsch 1923. „Hitlers Kreis des Bösen“ legt besonderen Wert darauf, wie die ersten Mitglieder von Hitlers innerem Zirkel dazu stoßen: Einerseits Hermann Göring als mit dem Verdienstkreuz „Pour le mérite“ („Blauer Max“) dekorierter Fliegerheld aus dem Ersten Weltkrieg und der ehemalige Weltkriegsoffizier Ernst Röhm, andererseits die unbeschriebenen Blätter Rudolf Heß und Heinrich Himmler, die aber Hitler völlig ergeben sind. Der Putsch, der nur deshalb überhaupt inszeniert werden konnte, weil Generalmajor Erich Ludendorff dafür gewonnen wurde, „sorgte für ein Blutsband zwischen den zukünftigen Führungsfiguren des Dritten Reiches“.

Eine weitere „Führungsfigur“ betritt die Szene, als Hitler in Festungshaft sitzt. Die zweite Folge „Wiederaufbau“ dreht sich insbesondere um Joseph Goebbels sowie um die Gründung der Schutzstaffel SS durch Himmler. In der dritten Folge „Röhms Fall“ behandelt die TV-Serie den Reichstagsbrand und den „Röhm-Putsch“. Die Fokussierung auf die Rivalitäten in Hitlers unmittelbarer Nähe – der innere Zirkel sei „ein Sack voller Katzen, die sich gegenseitig bekämpfen“ – lässt manches in der Geschichte des Nationalsozialismus in einem neuen Licht erscheinen, wobei „Hitlers Kreis des Bösen“ auch Martin Bormann, Reinhard Heydrich und Albert Speer dazu zählt.

Das Konzept der Netflix-Serie gerät jedoch spätestens mit dem Kriegsausbruch an seine Grenzen. Da in Hitlers innerem Zirkel keine Generäle vertreten gewesen seien, sei es lediglich auf Hitlers Lust und Laune angekommen. Er allein habe bestimmt, wem er seine Gunst verleihen wollte, und wer in Ungnade fallen sollte. Den Kriegsverlauf unter dem Gesichtspunkt eines Kräftemessens im inneren Zirkel zu betrachten, stellt zwar eine ziemliche Verkürzung des Kriegsgeschehens dar. Dennoch: Die vielen Fakten, mit denen „Hitlers Kreis des Bösen“ aufwartet, machen die Fernsehserie durchaus sehenswert.

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