Zorn

„Empörung“ wird zur Wut stilisiert, um an Geld zu kommen

Soziale Verwerfungen und tägliche Scharmützel um gesellschaftliche Anerkennung prägen unsere Wutkultur, die Dramaturgieprofessor Bernd Stegemann pointiert analysiert.
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Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild) | Beinahe jede Teilgruppe der Gesellschaft bekommt heute ihre "Wut" zugestanden - nichtweiße Hautfarben, nichtheteronormative Sexualpraktikanten, Behinderte, Migranten, Frauen, Kinder.

Wut tut gut. Das wussten bereits die Griechen der Antike. In seiner „Rhetorik“ stellt Aristoteles fest, dass „Dürstende, überhaupt in jedem Zustand des Verlangens nach etwas, ohne Befriedigung zu erlangen, zum Zürnen und zur Aufwallung bereit“ seien, in Sonderheit jenen gegenüber, „die dem gegenwärtigen Zustand Geringschätzung entgegenbringen“. Und Platon berief den Zorn in die nobleren Etagen der Seele; der Thymos, wie er auf Altgriechisch genannt wird, hält unser Streben nach Anerkennung wach.

Allerdings, so beschreibt es Bernd Stegemann in seinem klugen Büchlein über die „Wutkultur“, zeigt der Zorn eine „Doppelgesichtigkeit“. Der Thymos, den Altphilologen auch mit Lebenskraft eindeutschen, ist „eine fundamentale Energiequelle, durch die der Mensch seinen Selbstwert verteidigt“. Gleichwohl kann „genau diese Energie“ der Raserei zur „Ursache von Zerstörungen werden, die weit über den eigentlichen Anlass hinausreichen“. Kurzum, so Stegemann: „Die profane Wut ist die kleine Schwester des heiligen Zorns.“

„Wo vordergründig um gesellschaftliche Anerkennung gebuhlt wird,
geht es letztlich um Milliardensummen staatlicher Fördergelder,
quotierte Arbeitsplätze und sozialen Aufstieg in die bundesdeutschen Wohlstandsetagen“

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Kaum verwunderlich, dass die edle Wucht des Zorns in unserer aggressionsgehemmten und deshalb notorisch hysterisierten Kultur eher Schaudern hervorruft. Seit Generationen wird unsere Gesellschaft zu vermeintlicher Sanftmut feminisiert, indem sie maskuline Konfliktlösungen als gewalttätig in den kulturellen Untergrund wegdrängt. Also kommen menschliche Emotionen auf anderen Routen zum Vorschein. Gefallene und verjagte Engel kehren eben oft als Schreckgespenster zurück.

Auf kaum hundert Seiten hat der Essayist Stegemann, 54, im Hauptberuf Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, nicht nur einen Schnelldurchlauf der Kulturgeschichte der Wut vorgelegt, sondern vor allem unseren Zeitgeist aus der Perspektive angewandten Unmuts porträtiert. In den antiken Heldenepen „wird der Thymos als eine Öffnung der Seele für das Göttliche begriffen“, berichtet uns Stegemann. „Der Zornige durchläuft eine Verwandlung, die ihn über das menschliche Maß hinausführt.“

Randale gegen das System

Während einst vitale Aufschwünge transzendente Lichtmomente ermöglichten, die das Göttliche im Menschen aufleuchten ließen, so wird „in den postmodernen Wutkulturen“, die sich von allem, was über den Menschen selbst hinausreicht, verabschiedet haben, in blindwütiger Raserei nur das Animalische hervorgebracht. Aber auch hier findet, wie Stegemann meint, eine „Selbstverzauberung des Wütenden“ statt. Aus dem unsichtbaren Göttlichen sind unsichtbare Strukturen geworden und der antike Rebell gegen schicksalhafte Fügungen hat sich in der metaphysischen „Haltlosigkeit des Relativismus“ zum Randalierer gegen das System weiterentwickelt.

„Die Selbstregulierung der Wut, die jeder einzelne Mensch alltäglich leisten muss“ sei die augenfällige Folge unseres Lebensstils. Ein Dasein „zwischen einem andauernden Alarm und einer gleichzeitigen Hemmung unseres Lebensflusses“. Aufgeputscht von den Verheißungen von Komfort und Fortschritt „werden alle Hemmnisse als Kränkung der eigenen Existenz verstanden, aus der die Wut über die Missachtung der eigenen Bedürfnisse entsteht“.

Der moralische Zeigefinger zerstört die Debattenkultur

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Stegemann selbst würde sich wohl politisch als einen unkonventionellen Linken einordnen. Er hat 2018 mit Sahra Wagenknecht die Sammlungsbewegung „Aufstehen“ mitbegründet. Für seine scharfzüngigen Aufsätze in Zeitungen und Magazinen wider Lifestyle-Linke und allerlei woke Umtriebe ist er berüchtigt. In seinem Pamphlet „Die Moralfalle“ (Matthes & Seitz Berlin 2018) hatte er den inflationären Gebrauch des moralisch erhobenen Zeigefingers bei linken Politikern getadelt. In seiner Analyse „Die Öffentlichkeit und ihre Feinde“ (Klett-Cotta 2021) warnt er davor, dass die Zersplitterung unserer Gesellschaft die Debattenkultur zerstört und notwendige politische Veränderungen verhindert.

Nicht von ungefähr hat der im vergangenen Bundestagswahlkampf vielbeschworene Aufbruch seither weder eine entsprechende Stimmung noch gar ein tiefergreifendes Lebensgefühl entfachen können. Stattdessen scheint es, als bekommen die Entrüstungsenergien unablässigen Auftrieb. Längst gehört die Aufgebrachtheit zum Instrumentarium täglicher Belebungsrituale wie der Morgenkaffee. „Bei dem Projekt der woken Wutkultur geht es nicht um einen Plan, die Welt zu einem besseren Ort zu machen“, stellt Stegemann klar, „sondern es geht um die Lust an der inflationären Empörung“. Im Einerlei der durchrationalisierten Komfortzonen des Westens müssen wir Krisen notfalls inszenieren, um uns lebendig zu fühlen. Insbesondere die linke Identitätspolitik, die Anrechte für immer neue Opfers des Beleidigtseins zur Geltung bringen will und die Gesellschaft unter einen Dauerbeschuss von Anklagen setzt, beschreibt Stegemann als „eine Form von spätmoderner Machtpolitik auf Grundlage von Identitätskonstruktionen“. Schier endlose Prozessionen von Minderheiten, nichtweiße Hautfarben, nichtheteronormative Sexualpraktikanten, Behinderte, Migranten, Frauen, Kinder und sonstige Anwärter für die Karriereleiter innerhalb der Benachteiligungshierarchie erkämpfen sich ihren Anteil an der Diskurshoheit. Wo vordergründig um gesellschaftliche Anerkennung gebuhlt wird, geht es letztlich um Milliardensummen staatlicher Fördergelder, quotierte Arbeitsplätze und sozialen Aufstieg in die bundesdeutschen Wohlstandsetagen.

Doppelte Standards bei der Beurteilung von Rechts und Links

Wir erleben ein Gerangel um die Futtertröge, deshalb sieht Stegemann die Ursachen zeitgenössischer Wut-Feuerwerke „in den Verwerfungen, die der enthemmte Kapitalismus für jeden Einzelnen bereithält“. Denn: „Der woke Kapitalismus, der Anti-Rassismus-Seminare macht, aber Gewerkschaften bekämpft, produziert Wütende im Akkord.“ Wenn „rechte Wut zum Charakterfehler erklärt wird“, aber „linksidentitätere Wut Ausdruck der falschen Verhältnisse ist“, mag dies verlogen wirken. Die „doppelten Standards“ linker Identitätspolitik nennt Stegemann indes „das Betriebsgeheimnis ihres Erfolgs“.

Was unserem gegenwärtigen Umgang mit aufwallendem Zorn abgeht, sagt Stegemann, ist seine Fähigkeit, die Wut „auch wieder eindämmen zu können. Eine neue Wutkultur wäre darum nötiger denn je.“ Von ihr erwartet Stegemann eine „überraschende Funktion“: Sie könnte „darin bestehen, Gelassenheit angesichts der omnipräsenten Wut zu üben“.


Bernd Stegemann: Wutkultur. Theater der Zeit. Berlin 2021, 104 Seiten,
ISBN-13: 78-395749-341-5, EUR 12,–

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