Hybris

Warum der modern-autonome Mensch am Bessermachenwollen scheitert

Der moderne Fortschritt und seine Kehrseiten: In der Neuausgabe seines Klassikers "Ihr werdet sein wie Gott" beschreibt Hans Graf Huyn die Dialektik der Aufklärung durch den menschlichen Größenwahn.
| Die Freiheit führt das Volk

Es soll ja Leute geben, die halten die Moderne allen Ernstes für ein Zeitalter des Fortschritts. Wobei sie mit Fortschritt keineswegs bloß die fortschreitenden Veränderungen meinen, die wir der Evolution verdanken – jenem nimmermüden Spiel eines schaffensfrohen Allmächtigen, der sein Werk wieder und wieder in neuen Varianten beginnt. Nein, diese Leute betrachten die Moderne als einen unaufhaltsamen Marsch in Richtung der Verbesserung der Welt. Aber weil sich Menschen oft genug schon schwertun mit dem Erkennen des Guten, scheitern sie umso konsequenter beim Erschaffen des Besseren.

Anders ist es nicht zu erklären, dass der heutige Bewohner des fortgeschrittenen Westens seine vollklimatisierten Breitengrade zwar zunehmend vom Untergang bedroht sieht, aber er dabei seine Bequemlichkeiten genießt, obwohl er weiß, dass dieser Lebensstil seine Existenzgrundlagen auf diesem Planeten ruiniert. Henry Miller hat dieses zerrissene Lebensgefühl schon 1945 treffsicher als "the air-conditioned nightmare" illustriert, als klimatisierten Alptraum.

Die französische Revolution brachte neue Formen der Ungleichheit

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Nun wäre es töricht, gewisse Errungenschaften von Neuzeit und Aufklärung in Abrede zu stellen, die unser Leben heute einfach und annehmlich machen – und es überhaupt verlängern. Doch ob die wuchernden Komfortzonen am Ende wirkliche Verbesserungen darstellen, dies wird selten hinterfragt. Im öffentlichen Diskurs herrscht im Zweifel eine beinahe karnevalistische Fortschrittseuphorie vor – schon weil die Zuversicht dem Wirtschaftswachstum bekömmlicher ist als der missmutige Blick in die Zukunft. Dennoch ist "das Unbehagen in der Kultur", wie Sigmund Freud es nannte, nicht ausrottbar, gleichwohl hat die Modernitätsskepsis einen schlechten Ruf, sie gilt als muffig und altmodisch und irgendwie rechts. Und Rechts ist bekanntlich das Schmähwort unserer Zeit, weil es ungenau genug ist, um universell Anwendung finden zu können.

Dass die modernitätskritische Literatur tendenziell konservativ durchtönt ist, dürfte auf den historischen Initialmoment der Französischen Revolution zurückzuführen sein. Der Kulturhistoriker Egon Friedell missbilligte am Umsturz von 1789: "Die Gleichheit hat die Französische Revolution nicht gebracht; sie hat nur zu einer anderen, noch viel verwerflicheren Form der Ungleichheit geführt: der kapitalistischen." In seinem Klassiker "Ihr werdet sein wie Gott. Der Irrtum des modernen Menschen von der Französischen Revolution bis heute", der im Ruhland Verlag jetzt als Neuausgabe erschienen ist, hat der Diplomat und Publizist Hans Graf Huyn 1988 den Sturm auf die Bastille als "sichtbarer Teilvorgang" einer "ungeheuren inneren Katastrophe" bezeichnet. Es geht um das "Streben nach Autonomie des Menschen", das Huyn als eine epochale Zäsur beschreibt: Seither ist "das Verhältnis des Menschen zur Natur, zur Zeit und zu sich selbst zerstört". Huyn (1930 bis 2011) saß für die CSU im Bundestag, war außenpolitischer Berater von Franz Josef Strauß und ein glühender Antikommunist, der während des Kalten Krieges leidenschaftlich vor dem "Vorstoß Moskaus zur Weltherrschaft", so der Untertitel eines seiner Bücher, warnte.

„Sein wie Gott“ - der moderne Fetisch

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In seinem Pamphlet wider den modernen Fetisch des autonomen Menschen "Ihr werdet sein wie Gott" langt Huyn unbekümmert zu. In seinem konservativen Furor gelingen ihm schon vor 33 Jahren erstaunliche Einsichten, die auch unsere Gegenwart auf angenehm unzeitgemäße Art erhellen, was sein Buch heute allemal lesenswert macht. Was die Aufklärung einst in ihren Anfängen als Befreiung feierte, ist für Huyn ein großes Unglück.

In vormodernen Zeiten definierte sich der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott, sah sich mithin in einen großen Zusammenhang. Der maßgebliche Kirchenvater Augustinus lässt keinen Zweifel darüber, wo der Mensch seine Erfüllung findet: "Ruhelos ist unser Herz, bis dass es Ruhe hat in dir." Doch Ende des 18. Jahrhunderts begann ein Philosoph wie Johann Gottlieb Fichte, die Wirklichkeit zur Verfügungsmasse von Sterblichen auszurufen und die kühne Behauptung aufzustellen, der Mensch sei ewig aus sich selbst heraus: "Ich werde mir selbst zur einzigen Quelle alles meines Seins und meiner Entscheidungen." So selbstverständlich wir heute nach Fichtes Maxime leben, so töricht wirkt sie doch beim Lesen.

„Die Göttin Vernunft hat den Reigen eröffnet,
und die Dämonen Macht und Gewalt haben ihn geschlossen.“

Für Huyn fand damals eine Katastrophe statt, die uns Heutigen kaum mehr bewusst ist, der Mensch wurde "von der Fülle des Lebens amputiert". Wird die Französische Revolution ob ihrer weltlichen Errungenschaften gerühmt, unter deren Parole "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" sich der Bewohner der westlichen Welt nach gut zweihundert Jahren im Angesicht eines Untergangs durch Erderwärmung wähnt, so bestand "ihr eigentliches Wesen jedoch im Aufstand gegen den Glauben", resümiert Huyn den Sturz des Ancien Regime.

Es war "die völlige Loslösung des revolutionären Staates von der christlichen Tradition", beschreibt es der Historiker Hans Maier. Aber der einsetzende "Vernunftkult" bezeichnete wiederum einen "religiösen Messianismus, der in Revolution den Anfang einer neuen Zeit und den Beginn der Erlösung des Menschengeschlechts erblickte". Wie diese Erlösung vonstatten ging, bezeugt die einst unablässig herabsausende Guillotine und etwa das Massaker an den königstreuen Katholiken im Département Vendée, der französischen Forschern als "der grausamste aller Religionskriege und der erste ideologische Genozid" gilt.

Verwahrloster Höhepunkt der Aufklärung: Hitler

Die Dialektik der Aufklärung, erst 150 Jahre später von Horkheimer und Adorno zu Papier gebracht, scheint hier bereits ihren Anfang genommen zu haben.
Huyn erzählt mit reichem Zitatenmaterial das anthropologische Drama der Neuzeit, das in unserer gottvergessenen Verworfenheit unweigerlich auf seine grausige Entladung zuzulaufen scheint: Für ihn gilt Adolf Hitler als der verwahrloste Höhepunkt der Aufklärung. "Der Abfall von Gott", so Huyn, "so geistvoll in den Salons der französischen Aristokratie von 1789 und im Bann der philosophischen Empiristen und Positivisten in England und Frankreich begonnen, hat seine letzten platten Orgien unter der Herrschaft Adolf Hitlers gefeiert." Die Aufklärung und die Säkularisierung haben uns auch die Kehrseite der Rationalität vorgeführt: "Die Göttin Vernunft hat den Reigen eröffnet, und die Dämonen Macht und Gewalt haben ihn geschlossen."

Gewiss könnten wir einwenden, dass Hass und Gewalt und Macht nicht erst in der Neuzeit über die Welt gekommen sind. Wahr ist aber auch, dass die Errungenschaften der modernen Technik und das Menschenbild humaner Eigenständigkeit Formen von totalitärer Herrschaft überhaupt erst ermöglichten, wie sie in der Geschichte zuvor unbekannt waren. Die Selbstvergottung des menschlichen Individuums, seine kulturelle Vermassung und die Globalisierung seiner Machenschaften kennzeichnen die Neuzeit.

Früher setzte Religion den Rahmen, heute menschengemachte Verträge

Was in früheren Zeiten die Religion an Instrumenten bot, um den menschlichen Trieb zu Bosheit und Zerstörung einzuhegen, sollen heute ratifizierte Abkommen wie etwa die Menschenrechts-Charta leisten. Doch all diese Verträge sind bloßes Echo auf einen kulturellen Standard, den die westliche Welt dem biblischen Offenbarungsglauben so sehr verdankt, wie sie ihn auch immer wieder verlacht.

Wenn Huyns Buch nach drei Jahrzehnten einer nachwachsenden Leserschaft wieder zugänglich gemacht wird, fällt ins Auge, wie aktuell die Beobachtungen sind, die darin notiert sind, mehr noch, wie sehr unsere menschlichen Neigungen zu Selbstüberschätzung zwischenzeitlich eskaliert sind. "Ich bin überzeugt, dass die Zerstörung der Transzendenz jene eigentliche Amputation des Menschen ist, aus der alle anderen Krankheiten hervorquellen", schreibt Huyn. Wenn wir betrachten, wie allzeit hysterisierbar heutige Zeitgenossen sind, werden wir ihm schwerlich widersprechen wollen.

Im Hamsterrad des Optimierungswahns

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Der fortwährende Drang, gesund leben zu wollen, der eine wachsende Healthy-Living-Industrie am Laufen hält und die Kosten für unser Gesundheitssystem jedes Jahr in neue astronomische Höhen katapultiert. Der Selbstoptimierungswahn, der Heerscharen an Coaches und Therapeuten ernährt, aber auch Piercing- und Tattoo-Studios brummen lässt. Unsere Zwangsvorstellung, überall in der Welt als Vorbild für Moral, Demokratie und Redlichkeit herhalten zu müssen, ist nur zum Teil ein Echo unserer Schuldgefühle wegen deutscher Naziverbrechen, es ist auch die Überheblichkeit einer westlich-neokolonialen "Herrenmenschen"-Mentalität, die nichts Erhabeneres mehr kennt als den Menschen selbst.

Auch die grassierenden Verschwörungshalluzinationen während der Corona-Krise sind ein beredtes Beispiel für das zeitgenössische Unvermögen, den Einbruch des Übermenschlichen ins Alltägliche zu akzeptieren. Was Menschen früher als Schicksal bezeichnet haben, wird in den anthropozentrischen Phantasien der Gegenwart elitären Zirkeln von Sterblichen zugetraut, denen angeblich die raffiniertesten, weltumspannenden Ränkespiele gelingen, während eine Bundesregierung schon beim  vergleichsweise simplen Management wie Maskenbeschaffung und Impfkampagne scheitert. Die Kehrseite des menschlichen Strebens nach Perfektion, Allmacht und Gottgleichheit ist eben die Lächerlichkeit.

Klimaaktivismus als zeitgemäße, menschliche Hybris

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Als Mitte Juli die Hochwasser wüteten, Menschen in den Tod rissen und vielen Überlebenden ihrer Habe beraubten, war bald von staatlichem Versagen die Rede oder von arglistigen Verschwörungen bis hin zur der sich schnell etablierenden Sprachregelung, der Klimawandel sei schuld. Überhaupt könnte der grassierende Klimaaktivismus als eine zeitgemäße Variante menschlicher Hybris gedeutet werden. Dass der Natur als eine den Menschen überragende Dimension ein Eigenleben innewohnt, auf das der Mensch nicht unweigerlich Zugriff hat, scheint unserer vorgeblich aufgeklärten Geisteshaltung fremd zu sein.
Für die Einsicht hingegen, dass der Autonomie-Radius des modernen Menschen begrenzt ist, sind wir offenbar noch nicht reif genug. Aber diese Erkenntnis könnte, nach der kopernikanischen und der freudianischen Kränkung, die nächste humane Beschämung epochalen Ausmaßes sein.

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