Tod im unterirdischen Schutzstollen

Das Fernseh-Dokudrama „Die Suche nach den verlorenen Söhnen“ zeichnet das Schicksal eines Infanterieregiments nach. Von José García
Infanteristen im Schützengraben an der Westfront
Foto: ZDF und Johannes Hebing /Stadtarchiv Kleve | Infanteristen im Schützengraben an der Westfront posieren für eine Aufnahme. Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg, in dem sich die Soldaten selbst fotografisch dokumentiert haben.
Infanteristen im Schützengraben an der Westfront
Foto: ZDF und Johannes Hebing /Stadtarchiv Kleve | Infanteristen im Schützengraben an der Westfront posieren für eine Aufnahme. Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg, in dem sich die Soldaten selbst fotografisch dokumentiert haben.

Über den Ersten Weltkrieg scheint in den letzten Monaten bereits alles gesagt worden zu sein: Bücher wie Christopher Clarks knapp 900 Seiten starkes „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Weltkrieg zog“, Fernseh-Spielfilme („Das Attentat – Sarajevo 1914“ von Andreas Prochaska, DT vom 24. April) oder auch das hervorragende achtteilige Dokudrama „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ von Jan Peter und Yury Winterberg (DT vom 29. April) haben Ursprung, Anlass, Verlauf und Folgen des Großen Krieges aus den verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet.

Für das Dokudrama „Die Suche nach den verlorenen Söhnen“, das heute Abend von ZDFzeit ausgestrahlt wird, gehen die Autoren Alexander Berkel und Annette von der Heyde dem Schicksal einiger Weltkriegsteilnehmer nach. Im Jahre 2012 wurde bei Bauarbeiten bei Carspach im Elsass ein schauriger Fund gemacht: Französische Archäologen des „Pôle d’Archéologie Interdépartemental Rhénan“ (PAIR) legten die Überreste und Hinterlassenschaften von 21 deutschen Soldaten frei, die am 18. März 1918 an der damaligen Westfront in einem unterirdischen Schutzstollen verschüttet wurden. Sie gehörten zum 7. Westfälischen Regiment, dem Infanterie-Regiment Nr. 56 (IR 56) aus Wesel. Zu Beginn des Großen Krieges bestand das Regiment aus etwa dreitausend Soldaten. Insgesamt durchliefen das Regiment an die 18 000 deutsche Soldaten, von denen 133 Offiziere und 4 473 Soldaten während des Krieges im Kampf fielen – darunter die 21 in Carspach verschütteten und 2012 wiedergefundenen Soldaten. Ein glücklicher Umstand erlaubt, der Spur der Kriegsteilnehmer aus dem IR 56, die exemplarisch für mehr als 200 vergleichbare Truppenverbände steht, zu folgen: Im Stadtarchiv der ehemals preußischen Garnisonsstadt Wesel befindet sich eine einmalige Sammlung von Unterlagen und hunderten Glasplattenfotos des Regiments, die den Ausgangspunkt für die Spurensuche nach den „verlorenen Söhnen“ dieser Stadt bildet. Dazu kam ein weiterer Fund: In Kleve – wo bis 1914 ein Bataillon des IR 56 stationiert war – wurde der Fotoapparat eines Sanitätsunteroffiziers des Regiments aus den Archivkellern zutage befördert, dazu mehr als 200 seiner Fotos aus den Jahren 1914 bis 1916 sowie sein Diensttagebuch.

Die Autoren verknüpfen Originalaufnahmen und Auszüge aus Briefen der an der Front stehenden Soldaten mit nachgestellten Szenen sowie mit Interviews mit Historikern und Nachfahren der Soldaten, die ein Jahrhundert danach die genauen Umstände des Todes ihrer Vorfahren erfahren. Besonders aufschlussreich nimmt sich das Gespräch mit dem französischen Ausgrabungsleiter in Carspach Michael Landolt aus, der die Besonderheiten der ersten Grabung erläutert, die sich dem Ersten Weltkrieg widmet. Dank der Arbeit der französischen Archäologen können die letzten Stunden der Soldaten rekonstruiert werden.

Ihr Schicksal steht für eine Vielzahl Schicksale. Im Stadtarchiv Wesel sind Fotos mit Namen, Alter und Ursprungsort der Angehörigen des IR 56 verzeichnet. Einer von ihnen ist der Bauer Hermann Kortüm, der 1914 frischverheiratet in den Krieg ziehen musste. Weil er seiner Frau fast jeden Tag schrieb, geben seine Briefe Einblicke in die Gedanken und Gefühle eines einfachen Soldaten. So lässt sich der Gang des Infanterieregiments nachzeichnen: In der belgischen Stadt Herve ereignet sich ein Zwischenfall. In der Folge erschießen deutsche Soldaten 38 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. Das IR 56 nimmt an der Schlacht an der Marne teil. Die Soldaten graben sich ein. „Die Suche nach den verlorenen Söhnen“ gibt einen Einblick in das Leben im Schützengraben mit dem Gefühl des Eingesperrtseins. Unter dem Höhenzug Chemin des Dames befand sich ein Höhlensystem, das den Deutschen als unterirdische Kaserne diente. Die Direktorin des Museums „Caverne du Dragon“ Anne Bellouin erläutert den Alltag in diesem „unterirdischen Krieg“.

Die Schlacht in Verdun wird zum Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges und für das Scheitern der deutschen Armee. Der Film von Alexander Berkel und Annette von der Heyde dokumentiert nicht nur „die Blutmühle von Verdun“, wo 300 000 Soldaten fielen, sondern auch die „Kriegsneurotiker“: Menschen, die vom Krieg traumatisiert waren, von denen etwa Joseph Roth zu Beginn seines Romans „Die Rebellion“ (1924) berichtet.

„Die Suche nach den verlorenen Söhnen“ verdeutlicht aber auch, dass für die Soldaten – im Vergleich etwa zum Zweiten Weltkrieg – der Glaube eine bedeutende Rolle spielte. In Carspach wurde beispielsweise neben anderen Gegenständen auch ein Rosenkranz gefunden. Auf Anfrage gaben viele Soldaten an, Trost insbesondere vom Glauben und vom Gedanken an die Familie zu erhalten. Das Vaterland interessierte sie demgegenüber eher wenig. Dies stimmt mit den Beobachtungen von Christian Stachelbeck vom Zentrum für Militär- und Sozialgeschichte der Bundeswehr überein. In einem in „Die Suche nach den verlorenen Söhnen“ wiedergegebenen Interview kontrastiert er die Euphorie in Bezug auf den Krieg, die im Bildungsbürgertum herrschte und von der häufig im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg berichtet wird, mit der Stimmung in der ländlichen Bevölkerung, die von Angst und Schrecken geprägt war. Auch davon berichtet das mit 45 Minuten verhältnismäßig kurze, aber neue Einblicke gewährende Dokudrama „Die Suche nach den verlorenen Söhnen“.

„Die Suche nach den verlorenen Söhnen. 100 Jahre Erster Weltkrieg“. Regie: Alexander Berkel und Annette von der Heyde, Dienstag, 19. August 2014, 20.15 Uhr, ZDFzeit, 45 Minuten

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