Aus den Zeitschriften

Von Alexander Riebel

Plötzlich ist Martin Heidegger wieder in der Diskussion. Der Leiter des Martin Heidegger-Instituts in Wuppertal, Peter Trawny, hat mit seiner Herausgabe der „Schwarzen Hefte“ ein neues Licht auf den Philosophen geworfen. Denn die Hefte, die ihren Namen wegen des schwarzen Umschlags haben, zeigen Notizen Heideggers, die auf Antisemitismus hinweisen. Darüber sprach jetzt das „Philosophie Magazin“ mit Trawny.

Trawny vertritt die Auffassung, dass es zwischen der Seinsphilosophie und dem Antisemitismus Heideggers einen Zusammenhang geben könnte: „Wie weit und in welchem Ausmaß Heideggers ganzes seinsgeschichtliches Denken von diesem Befund berührt wird, ist natürlich die eigentliche Frage.“ Doch was hat es mit Heideggers Antisemitismus auf sich. Öffentlich hat er sich nie dazu bekannt, nur eben in diesen „Schwarzen Heften“, seinen von 1931 bis 1970 geführten „Denktagebüchern“, tauchen ab 1938 Eintragungen über das Judentum auf und er schreibt von der „Rechenhaftigkeit“ der Juden und ihrem „rechnenden Denken“. Dass dies nicht schon längst auffiel, liegt daran, dass Heidegger testamentarisch verfügt hat, dass die „Schwarzen Hefte“ erst am Ende der Gesamtausgabe veröffentlicht werden dürfen; immerhin hat er es überhaupt erlaubt.

Das rechnende Denken war für Heidegger keine Bagatelle, sondern das, wogegen sich seine Philosophie im Kern gerichtet hat. Das wird auch im Interview sowie in den erklärenden Beiträgen des „Philosophie Magazins“ deutlich gemacht. Heideggers Seinsphilosophie richtete sich gegen das technische Denken und damit gegen das „Machenschaftliche“, das er als Ausdruck für die Vollendung des Nihilismus hielt. In seinem Buch „Beiträge zur Philosophie“ (1936), dem zweiten Hauptwerk nach „Sein und Zeit“ spricht Heidegger etwa von der „totalen Mobilmachung als Folge der ursprünglichen Seinsverlassenheit“. Damit ist das naturwissenschaftliche Denken der Neuzeit gemeint, aber auch eine Kritik an der Mobilmachung des Nationalsozialismus. Den Nationalsozialismus kritisiert Heidegger in dieser Schrift schon genauso wie das „amerikanische Denken“ als ein bloß technizistisches: „Die ,völkische‘ ,Organisation‘ ,der‘ Wissenschaft bewegt sich auf derselben Bahn wie die ,amerikanische‘, die Frage ist lediglich, auf welcher Seite die größeren Mittel und Kräfte zur schnelleren und vollständigen Verfügung gestellt werden, um das ungeänderte und aus sich auch unveränderbare Wesen der neuzeitlichen Wissenschaft seinem äußersten Endzustand entgegenzujagen“, wodurch die wesentliche Verwandlung des Wissens und der Wahrheit ausgeschlossen werde. Und zu den Gründen dieser untergehenden Welt zählt Heidegger völlig unkritisch die Juden dazu. Nach Trawnys ist Heidegger durch die sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ zu seiner Auffassung gekommen, einem „rein fiktiven Kongressbericht von einem Zionisten-Kongress in Basel“, wie Trawny erklärt. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass Heidegger den Bericht überhaupt gelesen habe.

Heidegger hat auf ein baldiges Endes des technologischen Zeitalters gehofft – das Gegenteil ist der Fall. Am Endes des Interviews gibt Trawny einen unerwarteten Ausblick. War Heidegger auch noch nach 1945 bei seiner „privaten“ Kritik am jüdischen Denken geblieben, meint Trawny, dass man „diesen antisemitischen Einfluss mit Blick auf Heideggers Denken und Denkweg sinnvoll begrenzen kann. Das wird meine Stimme in dieser Diskussion sein.“ Das philosophische Erbe des Denkers müsse vor anderem Hintergrund bedacht werden. Das hat bereits „Philosophie“-Chefredakteur Wolfram Eilenberger begonnen, wenn er „Antisemismus als Seinsgeschichte“ deutet oder wenn Jürgen Kaube in der FAZ schreibt, es geschehe Heideggers Werk Recht, wenn fast nur noch über die Person und nicht über das Werk gesprochen werde. Ob aber emotionale Reflexe dem Problem gerecht werden, ist jedoch höchst fragwürdig.

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