Philosophie

Daniel-Pascal Zorn will den „Angelpunkt“ entthronen

„Die Krise des Absoluten“: Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn lädt ein zu einer postmodernen Bergtour.
Ein Hauptvertreter der Postmoderne: Jacques Derrida
Foto: IMAGO / Everett Collection | Ein Hauptvertreter der Postmoderne: Jacques Derrida huscht durchs Bild, wie auch seine philosophischen Themen kaum festzuhalten sind und sich methodischer Festlegung entziehen.

Aus Sicht von Daniel-Pascal Zorn währte die Postmoderne nur eine kurze Zeit – die ersten drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg (1950er, 1960er und 1970er), als einige westliche Denker erkannten, dass mit dem Erscheinen der Massengesellschaft etwas Neues an die Stelle der Moderne, die mit der Französischen Revolution (1789) begonnen hatte, getreten war.

„‚Die Entmachtung der Vernunft durch ein ,Übervernünftiges‘‘
führt in eine gefährliche philosophische Sackgasse und kennt viele Erscheinungsformen,
„sei es die Willkür eines Gottes, die Diktatur des Proletariats,
eine vorgegebene Natur des Menschen, ein geheimnisvolles Gesetz des Lebens,
der irrationale Grund eines Willens, der nach Durchsetzung strebt,
die Radikalität des Subjektiven oder die unmittelbare Praxis des konkreten Menschen“

Das moderne Zeitalter, das anstelle von königlichen oder kirchlichen Autoritäten von der zum Beispiel in Romanen artikulierten bürgerlichen Emanzipation und Selbstreflexion geprägt war, schien an ein Ende gekommen zu sein. Jeder elitär-hierarchische Anspruch, eingebettet in eine auf Geschlossenheit und Systematik zielende Philosophie und „große Erzählung“, ließ sich aus Sicht der französischen „Fab Four“ (Gilles Deleuze, Jean-François Lyotard, Michel Foucault, Jacques Derrida) und des amerikanischen Solo-Stardenkers Richard Rorty nicht weiter aufrechterhalten. „Das postmoderne Wissen verlässt den Anspruch auf Vollständigkeit, der die großen Erzählungen charakterisiert hat. Es widmet sich, skeptisch und aufs Konkrete versessen, den Problemen, vor die es die Systeme stellen, in denen es selbst lebt.“

Widersprüche und Paradoxien wurden wichtig, Zitate, Hybride und Referenzen, Vielheit, Mehrdeutigkeit und Relationen, die einen genauen Blick und keine schematisch anwendbare Erklärungsformel verlangten. Auch Abstand zu sich selbst und dem eigenen Standort, denn: „Wer die Ethik vor sich herträgt, dem gerinnt sie schnell zur moralischen Lebensführung, die er dann anderen vorzuschreiben versucht.“

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Trend: Orientierung an wissenschaftlichen Fragestellungen

Dabei zeigt Zorn, der 2015 in Philosophie promoviert hat und bereits durch seine Mitarbeit bei dem Werk „Mit Rechten reden“ (2017) für Aufsehen sorgte, in seinem aktuell erschienenen 656-Seiten-Wälzer „Die Krise des Absoluten. Was die Postmoderne hätte sein können“ eindrucksvoll, wie sehr die postmodernen Philosophen von europäischen Denktraditionen beeinflusst waren, zu denen nicht nur die üblichen Verdächtigen (Hegel, Nietzsche, Kierkegaard, Freud, Marx) als Stichwortgeber gehören, sondern zum Beispiel auch der schottische Empirist David Hume, der schon auf den Deutschen Idealismus eine enorme Wirkung entfaltet hatte. „Humes Philosophie ist durch ihre radikale Orientierung an der Sinneserfahrung kompatibel mit dem Trend, sich an wissenschaftlichen Fragestellungen zu orientieren. Andererseits präsentiert Hume seine Philosophie nicht als System, sondern als Suchbewegung.“

Besonders Gilles Deleuze, der seine akademische Laufbahn mit einem Hume-Buch begann, interessierte sich früh für derartige Suchbewegungen als wissenschaftliche Methode, wie auch für die „Wissenschaft des Absoluten“, womit ein Widerspruch markiert war, der nicht nur das Werk von Deleuze durchzieht, sondern die postmoderne Philosophie insgesamt – auch der Buchtitel wird vor diesem Hintergrund verständlich. „Was Deleuze bei Hume entdeckt, ist der Versuch, den menschlichen Geist und die menschliche Gesellschaft radikal von innen her zu denken.

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Gefährliche Radikalität des Subjektiven

Anstatt von einem absoluten Angelpunkt auszugehen – dem Subjekt, der Vernunft, dem Naturrecht – verfolgt Deleuze Humes Weg von der Entthronung dieser Ursprünge zur positiven Beschreibung von konkreten Verhältnissen.“ Wie wichtig eine solche „Entthronung“ eines absoluten Angelpunkts für jede Form der seriösen Philosophie ist, wird heute kaum noch von jemand bestritten. Doch ideologische Fallstricke lauern überall, wie Zorn – angelehnt an den etwas vergessenen Philosophen Joachim Ritter – deutlich macht: „Alle drei Philosophen, Augustinus, Cusanus und Marx, verhalten sich zur Vernunft auf eine Weise, die letztlich zur Auflösung oder aber zur Etablierung von Widersprüchen führt“.

Anders ausgedrückt: „Die Entmachtung der Vernunft durch ein ,Übervernünftiges‘“ führt in eine gefährliche philosophische Sackgasse und kennt viele Erscheinungsformen, „sei es die Willkür eines Gottes, die Diktatur des Proletariats, eine vorgegebene Natur des Menschen, ein geheimnisvolles Gesetz des Lebens, der irrationale Grund eines Willens, der nach Durchsetzung strebt, die Radikalität des Subjektiven oder die unmittelbare Praxis des konkreten Menschen. All diese Figuren sind Versuche, die Spannung zwischen verschiedenen Hinsichten, zwischen der Welt und dem Menschen oder dem Unendlichen und dem Endlichen, einseitig aufzulösen.“

Degenerierung zur Weltanschauung

Eine Versuchung, die zuweilen aber auch das postmoderne Denken bedroht hat, wie Zorn klug einräumt, wenn er auf die Rezeption von Lyotards Text „Das postmoderne Wissen“ (1979) zu sprechen kommt: ein Text, in dem die Legitimation von „Metaerzählungen“ in Wissenschaft und Kultur hinterfragt wird. Es sei „ironisch“, so Zorn, „dass dieser Text in wenigen Jahren selbst zu einer Metaerzählung der Postmoderne geworden“ sei. Sprich: auch die postmoderne Philosophie kann zu einer Weltanschauung degenerieren, in die Falle der „Verabsolutierungen“ laufen.

Was ein wesentlich stärkeres Argument zu sein scheint, als das, was die Kritiker der Postmoderne im Laufe der Jahre an Kritikpunkten aufgeführt haben. Allen voran Jürgen Habermas, dessen 1983/84 gehaltenen Vorlesungen von Zorn ausführlich und unterhaltsam dargestellt und als selbstverliebte Abrechnung der postmodernen Philosophie gedeutet werden. „Die Spielfiguren sind aufgestellt. Zug um Zug bringt Habermas nun die letzten Ressourcen der rationalen Moderne auf, um dem Untergang entgegenzuwirken. Der Kriegsberichterstatter verwandelt sich in den General, der sich dem Gegner auf dem Feld der Theorie entgegenstellt.“

Gut lesbar und verständlich

Dieser lockere Ton zieht sich durch das ganze Buch, das Zorn passenderweise als „Bergwanderung“, als „Rundweg durchs philosophische Gebirge“ versteht, was ihm die Lizenz gibt, verschiedene „Aussichtspunkte“ anzupeilen, ohne selbst „die höchsten Gipfel“ zu besteigen. Dabei gewährt Zorn neben den bereits erwähnten Denkern auch Theodor W. Adorno und dem Kybernetiker Heinz von Foerster jede Menge biografischen Raum, was wohl der Absicht dienen soll, sie trotz ihrer Genialität als normale Menschen zu zeigen und eine übertriebene Ehrfurcht vor ihrem Werk zu drosseln. Eine Gestaltungsstrategie, die aufgeht, denn trotz mancher Kletterpassagen ist das Buch sehr gut lesbar und verständlich. Die Fülle des von Zorn bewältigten Lesestoffes ist beeindruckend. Ebenso seine sprach-logischen Deutungen.

Die Frage, wie sich der Glaube an ein „höchstes Prinzip“ (oder „Gott“) mit der postmodernen Fokussierung auf Vielfalt und Pluralität verbinden ließe, wird im Buch nicht expressis verbis gestellt. Ausgehend von dem, was Zorn schreibt, könnte die Antwort wohl lauten: in dem man jede Einseitigkeit vermeidet, das Absolute und die Pluralität also immer zusammendenkt, trotz der darin enthaltenen Widersprüche und Spannungen, was die Idee der Trinität ja ebenso verlangt. Auch das Christus-Zitat „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“ könnte einen Dialog-Ansatz liefern. Daniel-Pascal Zorn würde bei einer solchen Verquickung von Philosophie und Weltanschauung aber vermutlich aus Protest den Rucksack ablegen. Insgesamt ein sehr anregendes, schön zu lesendes Buch.


Daniel-Pascal Zorn: Die Krise des Absoluten. Was die Postmoderne hätte sein können.
Klett-Cotta 2022, 656 Seiten, ISBN 978-3-608-98349-4, EUR 38,–

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