Feuilleton

Die Affekte hinderten ihn am Glauben

Was der skeptische Empirismus David Humes für dessen Auffassung von Religion bedeutet. Von Alexander Riebel
Philosoph David Hume,  porträtiert von Allan Ramsey, 1766
Foto: IN | Der schottische Philosoph David Hume, porträtiert von Allan Ramsey, 1766.

Da hilft noch nicht einmal die Unterscheidung zwischen Wortlaut und Argument. Denn das die Theorie rettende Argument gibt es bei Hume nicht. Und folgerichtig kommt der Autor der Biographie zu dem Ergebnis: „Humes Empirismus ist gescheitert.“ Er musste scheitern, weil jeder Empirismus, der sich als Philosophie ausgibt, scheitern muss. Dennoch lohnt der Blick auf diese Philosophie, weil sie in ihrer Ausweglosigkeit zeigt, wie sich konsequenter Empirismus aufhebt. Dabei sollen hier besonders dessen Konsequenzen für die Auffassung von Religion in den Blick kommen.

David Hume kam am 7. Mai 1711 als Sohn des Rechtsanwalts Joseph Home Ninewells und dessen Frau Katherine in Edinburgh zur Welt. In Schottland sprach man seinen Namen „Hume“, nicht aber so in England, wo er später lebte; darum änderte er die Schreibweise im Alter von 23 Jahren in Hume. Die Homes spielten schon in der Clangeschichte des alten Schottland eine wichtige Rolle. Der Familiensitz lag in den Ausläufern der Lammermuirs, bekannt durch Donizettis Oper Lucia di Lammermoor und einer der schottischen Stützpunkte des fanatischen Calvinismus. Hume selbst bezeichnet seine Familie als gut, aber nicht reich.

Der Autor der Biographie, Gerhard Streminger, verwendet viel Mühe darauf, die calvinistische Umgebung Humes eindrücklich zu veranschaulichen. Und der Leser gewinnt den Eindruck, dass die Philosophie Humes eine Gegenbewegung gegen das strenge und in seinen Umgangsformen kalte Leben der Calvinisten war. Damals spielte noch die Lehre des Reformators John Knox mit seinem „Book of Discipline“ eine große Rolle in Schottland – Knox forderte darin für jede Stadt eine Universität, damit jeder Schotte imstande sei, die Autorität der Bibel zu hinterfragen. Und so soll auch Humes Mutter von Gefühlskälte nicht frei gewesen sein, weil ihre Religion auch lehre, dass Kinder von Natur aus schlecht und verderbt seien, und dass Menschen erniedrigt werden müssten, um gerettet zu werden. Humes Großvater starb für seinen Glauben den Märtyrertod, berichtet der Biograph über dessen Todesurteil durch den Strick. Und über die strenge Erziehung der Kinder heißt es: „Kein Lachen, kein Laufen, kein Hüpfen, kein Pfeifen, kein Singen war zu sehen oder zu hören, allerdings das Murmeln von Gebeten und das: lass doch den Käfer, hör endlich auf, mit der Schwester Gesichter zu schneiden, wirf keinen Stein...“

Sein Studium begann Hume im Alter von zwölf Jahren, was damals nicht unüblich war, mit 18 beendete er es. Hume befasste sich in den lateinischen Vorlesungen mit ethischen und naturrechtlichen Fragen, mit Logik und Metaphysik. Schließlich hatte er zwei „ethische Systeme“ kennengelernt, den Calvinismus, den Hume für das ganze Christentum hielt und die Stoa, die er schon in früher Jugend in Gestalt von Cicero, Seneca und Plutarch gelesen hatte. Aber beide Haltungen hielt er für lebensbedrohend, und der Biograph fasst zusammen: „Weder Christen noch Stoiker wussten offenbar Bescheid um die menschliche Natur.“ Denn weder die Sicht auf die Verderbtheit des Menschen noch die auf den überragenden Wert der Unerschütterlichkeit wollte Hume als Antworten hinnehmen. Die für ihn alles entscheidende Richtung schlug er im Frühsommer 1731 ein, indem er schrieb: „Ein jeder orientiert sich nur an seiner eigenen Phantasie beim Errichten von Lehrgebäuden über die Tugend und das Glück, ohne die menschliche Natur zu beachten, von der jede moralische Schlussfolgerung abhängen muss. Ich entschloss mich daher, die menschliche Natur zum Hauptgegenstand meines Studiums zu machen und zur Quelle, aus der ich jede Wahrheit in der Ästhetik und Moralphilosophie ableiten wollte.“ Vorausgegangen war der „Brief an einen Arzt“, den Hume anonym an einen ungenannten Mediziner schrieb und darin die inneren Kämpfe und Depressionen in seinem Kampf um den Calvinismus – die Anglikaner hat er offenbar nicht wahrgenommen, und die Stoa darstellte. Beide fühlte er nun überwunden zu haben, weil sie jeder empirischen Grundlage entbehrten und daher dem Menschen Gewalt antäten. Von nun an stützt Hume seine Philosophie nur noch auf die Erfahrung und auf das, was er für die menschliche Natur hält, also auf empirisch Vorfindliches, die den Sinnen zugängliche Natur und nicht auf das metaphysische Wesen der Dinge. Diese Theorie entwickelte er in seinen beiden Hauptwerken, in „Ein Traktat über die menschliche Natur“ (1739–40) und in „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“ (1748). Die Metaphysiker vergleicht Hume mit Engeln, „von welchen die Schrift sagt, dass sie die Augen mit den Flügeln bedecken“, weil sie ohne Empirie auskommen. Was in seinem Denken mit „Folge deinen Sinnen!“ begonnen hatte, endet mit „Folge deinen Neigungen!“ Denn in diesem Impressionismus der Sinne hatte nichts mehr Bestand, nicht die Naturgesetze und auch kein Ich als Einheit der Vorstellungen, kein Geist, keine Seele. Nicht einmal konnte er zeigen, wie Wahrnehmungen überhaupt möglich sind, womit sein Ziel, die empirische Wissenschaft vom Menschen zu begründen, unmöglich wurde. Selbst bei der Kritik am „Aberglauben“, womit er den Glauben meinte, musste er zugeben, dass die dafür zuständige Einbildungskraft doch unentbehrlich ist, weil auch der Glaube an die Gleichförmigkeit der Natur, deren Gesetzmäßigkeit er ja nicht als notwendig erkennen konnte, lebensnotwendig ist; die Gleichförmigkeit der Natur ist also nur eine Glaubensannahme, ohne die wir nicht mit ihr operieren könnten. Der Glaube im theoretischen und im religiösen Sinn verschmelzen Hume zur einzig möglichen Beweisart. Nur dass für ihn die natürlichen Glaubensinhalte lebensnotwendig, die metaphysischen aber überflüssig sind. Damit sei auch nicht die Religion Grund des Weltverstehens, sondern allein der „natürliche Glaube“. Auch die Unsterblichkeit der Seele lehnte Hume ab, die Seelenwanderung oder Reinkarnation sei „das einzige System dieser Art, dem die Philosophie Beachtung schenken darf“.

Auch im Hinblick auf Humes Einschätzung von Wundern zeigt sich, wie wichtig es ist, über einen scharf gefassten Vernunftbegriff in Gemeinschaft mit dem Glauben zu verfügen; Wunder sind für Hume Verletzungen der Naturgesetze und darum höchst unwahrscheinlich und vernünftig könnten sie nur sein, wenn die Glaubwürdigkeit der Zeugen wahrscheinlicher ist als die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses selbst: also wieder nur eine Subjektivierung. Bei Hume wird deutlich, wie wenig seine kritische Affektenlehre den Glauben überhaupt berühren kann, und er zeigt umgekehrt, wie Religionskritik letztlich auf Affekten beruht. So sind auch die höchsten Tugenden bei ihm nicht die christlich verstandenen Tugenden des Willens, sondern sie gründen in dem, was angenehm und nützlich ist, wie das Wohlwollen, die Gerechtigkeit, die Selbstachtung.

Vollends irrational wird der Schotte in seiner „Naturgeschichte der Religion“, in der er die Wurzeln der Religion auf die menschliche Natur zurückführen wollte. Menschenopfer findet er hier weit weniger furchtbar als Ketzerverfolgungen, der Polytheismus sei die tolerantere Religion, Menschen seien unmoralisch, weil sie religiös seien – alles in allem kommt er bestens überein mit den atheistischen Enzyklopädisten, die er in Paris aufsuchte. Dass er aber Gottes Ordnung mit seinen Ideen beeinträchtigen könnte, erklärte er selbst kurzerhand für blasphemisch.

Die Lektüre der Biographie, die auch die Argumente der wichtigsten Werke analysiert und die wissenswerte Details aus dem Leben Humes erzählt, lohnt sich allemal, auch wenn sich der Biograph zuweilen selbst die Haltung Humes, wenn auch nicht dessen theoretische Erkenntnisse, zu eigen macht. Hatte sich die nachfolgende deutschen Philosophie von Kant bis Hegel von Hume deutlich abgesetzt, so nannte man ihn im 20. Jahrhundert den „Propheten der Wittgensteinschen Revolution“ und sieht ihn in der Sprachphilosophie als frühmodernen Denker.

Gerhard Streminger: David Hume – Der Philosoph und sein Zeitalter.
C.H. Beck Verlag, München 2011, 796 Seiten, ISBN-13: 978-3406614026, EUR 34,–

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