Religionsphilosophie

Alois Dempf: Widerständiger Katholik und christlicher Denker

Der Philosoph Alois Dempf: Widerständiger Katholik, Gegner von Faschismus und Nationalsozialismus und christlicher Denker.
Alois Dempf, Philosoph
Foto: Nachlass Alois Dempf.

Alois Dempf wurde am 2.1.1891 in Altomünster geboren und wuchs als Einzelkind in einer katholischen Familie im Dachauer Hinterland auf. Seine Herkunft aus einer genuinen „terra catholica“ hat ihn zeitlebens geprägt. Der Großvater war Bürgermeister und sein Vater betrieb neben der Posthalterei eine Landwirtschaft. Ein Onkel, der Theologe war, riet dem jungen Alois, sich mit Herman Schells „Gott und Geist“ (1895/96) zu befassen.

Durch Schells Werk inspiriert, begann Dempf, der die Gymnasien in Schäftlarn und am Freisinger Domberg besuchte, ein Philosophiestudium in Innsbruck. Sein Ziel war es, später zur katholischen Theologie überzugehen. Die neuscholastisch geprägte Philosophie traf jedoch nicht das tiefere Interesse von Alois Dempf, so dass er nach dem philosophischen Abschluss auf Anraten seines Vaters das Medizinstudium in München in Angriff nahm. Doch da er 1914 durch Hermann Platz vermittelt in Düsseldorf mit einigen Schell-Schülern zusammentraf, sah er sich bald wieder zur Philosophie hingezogen.

„Religion lenkt nicht von der Realität ab und auf ein wie auch immer geartetes Jenseits hin,
sondern beweist die Bedeutung und den Ernst der Realität und unseres Lebens,
da beide in Wahrheit ewige Konsequenzen nach sich ziehen, die über das Jetzt hinausweisen“

Als Siebtsemester der Medizin in Kiel wurde Dempf im Ersten Weltkrieg als Feldunterarzt in Polen eingesetzt. Er las in dieser Zeit in jeder freien Minute philosophische Hauptwerke von Platon, Kant, Fichte, Hegel und anderen. Besondere Bedeutung erlangte jedoch das Studium der Schriften des Thomas von Aquin, die er nun, nicht mehr rein neuscholastisch vermittelt, im Original las. Dempf stand in diesen Jahren der Liturgischen Bewegung und dem Quickborn nahe. Er war oft auf Burg Rothenfels, später auch als Referent, und erlebte dort Romano Guardini.

Nach 1918 studierte Dempf wieder Philosophie in München. Er heiratete 1919 die aus Gelsenkirchen stammende Mathematikstudentin Maria Theresia Jütte und wurde Vater zweier Töchter und eines Sohnes. Auch den elterlichen Hof führte Dempf weiter. 1921/22 erfolgte in München bei Hans Meyer und Clemens Baeumker die Promotion mit der Dissertation „Der Wertgedanke in der Aristotelischen Ethik und Politik“. Seine philosophischen Bücher und seine Artikel für die Zeitschrift „Hochland“ schrieb Dempf bis 1925 in Altomünster, wobei er die Klosterbibliothek in Scheyern intensiv nutzte. Die Erkenntnisse aus klassischen Quellen der antiken Philosophie und der Kirchenväter verband Dempf mit den Entwicklungen moderner Philosophie bei Hegel, Scheler und Max Weber. Durch seine Forschungsarbeiten aus den frühen 1920-er Jahren begründete Alois Dempf die mittelalterliche Wissenssoziologie.

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Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus

Trotz dieser Erfolge lehnte es der neuscholastisch geprägte Joseph Geyser ab, Dempf in München zu habilitieren. Zu weit entfernt vom universitären Betrieb schien ihm Dempf zu sein. Vermittelt durch Hermann Platz und Ernst Robert Curtius konnte Dempf jedoch 1925/26 in Bonn mit der Schrift „Das Unendliche in der mittelalterlichen Metaphysik und in der Kantischen Dialektik“ bei Adolf Dyroff die Habilitation zum Abschluss bringen. Danach war er als Privatdozent an der Bonner Fakultät tätig und zog mit der ganzen Familie an den Rhein. Seine Studien zur mittelalterlichen Philosophie und zur Kulturphilosophie, die er wesentlich in der idealistischen Realphilosophie Platons begründet sah, führte er weiter.

In den Bonner Jahren entwickelte sich, bestärkt durch Don Luigi Sturzo, Dempfs Widerstand gegen die Ideologie des Faschismus und des aufkeimenden Nationalsozialismus. Veranlasst durch Karl Barth und Erik Peterson wandte sich Dempf, der auch Gegner des Reichskonkordats war, öffentlich gegen Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ (1930) und war bald Feind der Nazis.

Rosenberg will die Karriere verhindern

Rosenberg selbst verhinderte trotz des positiven Einwirkens Erich Rothackers –später Doktorvater von Jürgen Habermas – eine Berufung auf einen Bonner oder Breslauer Lehrstuhl. Dempfs Kampfschrift „Die Glaubensnot der deutschen Katholiken“, 1934 unter dem Pseudonym Michael Schäffler veröffentlicht, wandte sich offen gegen das Denken und Wirken der Nazis. Wie die bekennende Kirche sollte sich die katholische Kirche eindeutig gegen die neue und gewaltbringende politische Bewegung stellen. Mithilfe von Karl Barth konnte das Heft in der Schweiz gedruckt werden.

1937 gelang dann eine Berufung Dempfs nach Wien auf den Lehrstuhl des Wissenschaftstheoretikers Moritz Schlick. Kurz nach dem Anschluss Österreichs verlor Dempf seinen Lehrstuhl. Er emigrierte jedoch nicht, sondern schrieb an seinen systematischen Arbeiten weiter, die 1947 zusammengefasst als „Selbstkritik der Philosophie“ erschienen sind. 1945 erhielt Dempf seinen Wiener Lehrstuhl zwar zurück, wechselte jedoch bereits 1948 nach München. Dort arbeitete er eng mit Aloys Wenzl, Helmut Kuhn, Romano Guardini, später mit Eric Voegelin und anderen zusammen an einem eigenen Profil „Münchener Philosophie“, das von klassischer philosophia perennis genauso geprägt war, wie vom deutschen Idealismus oder der Wissenschaftstheorie.

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In der Geschichte ist immer auch Heiliges

Im Jahr 1959 wurde Dempf emeritiert, wirkte jedoch weiter durch Vorlesungen und Vorträge in der Öffentlichkeit. Der 1971 verwitwete Alois Dempf heiratete 1972 in zweiter Ehe Christa Dulckeit, geborene von Arnim. Am 15.11.1982 starb Dempf in Eggstätt und wurde in Wien auf dem Hernalser Friedhof beigesetzt.

In einem seiner bekanntesten Werke, „Sacrum Imperium“ von 1929, griff Dempf eine zentrale Linie des Denkens dieser Jahre auf: In der Geschichtlichkeit des Menschen als Person und seines Wirkens in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik tritt uns die Geschöpflichkeit des Menschen entgegen. Dadurch wird das Wirken Gottes im Menschen und seinem Werk offenbar. Die Geschichte ist somit nicht allein säkular, sondern immer auch vom Heiligen durchdrungen. Ebenso wird auch das irdische Reich, die Herrschaftsorganisation des Menschen, nicht vom Heiligen ausgespart. So kann das „Sacrum Imperium“, das Heilige Römische Reich deutscher Nation, verstanden werden, das Dempf im gleichnamigen Buch vor allem in seiner historischen Systematik darstellt. Er zeigt damit auch das von der Heilsgeschichte durchdrungene Verständnis des Menschen in dieser Zeit auf.

Dempf düpiert die Vordenker eines „germanischen Christentums“

Nicht weniger wichtig sind die Bonner Meister-Eckhart-Vorlesungen, die Dempf 1934 unter dem Titel „Meister Eckhart. Eine Einführung in sein Werk“ veröffentlichte. Darin verteidigt er Eckhart gegen eine Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Ideologie, die in dem mittelalterlichen Prediger den Vordenker eines germanischen Christentums sehen wollte. Gleich zu Beginn schreibt Alois Dempf: „Meister Eckhart ist jetzt schon beinahe dreißig Jahre in Mode bei Leuten, die ihn gar nicht verstehen können, ja völlig missverstehen müssen.“

Damit prangert Dempf nicht allein wissenschaftliche Irrtümer an, sondern eben auch ideologische, die 1934 immer stärker an Einfluss gewonnen haben. 1935 erschien das Buch „Kierkegaards Folgen“, in dem Dempf kritisch den Subjektivismus Kierkegaards und das dialektische Denken analysierte. Dempf nennt Kierkegaard einen „subjektivistischen Metaphysiker“, der lediglich eine „halbe und falsche Lehre vom Korrektiv“ hat, da er sich von einer klassischen Ontologie verabschiedet hat.

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Seine Religionsphilosophie zielt auf eine möglichst umfassende Perspektive

In seiner „Religionsphilosophie“ von 1937 zielte Alois Dempf auf eine möglichst umfassende Perspektive der Religionsphilosophie als Philosophie ab. So heißt es zu Beginn: „Die Religion ist viel philosophischer als die Philosophie. Sie allein hat ja ein Gesamtbild der ganzen Wirklichkeit und des ganzen Lebens und vermag vor allem den ganzen Menschen zu erfassen. Also muss die Philosophie von ihr lernen, gerade noch philosophischer zu sein, als sie zu sein geneigt ist. Das ist zwar schwer für die Philosophie und den Philosophen, aber wer sollte mehr als er bereit sein zu vernehmen, was die ganze Wahrheit ist.“

Ausgehend von der Religion werden durch die Religionsphilosophie der gesamten Philosophie Fragen aus der Perspektive der Religion gestellt. Diese Fragen sind gerade deshalb eminent philosophisch, da sie das Ganze der Wirklichkeit und die höchste Wahrheit betreffen. „Die Religion ist umfassende Bewältigung der ganzen Wirklichkeit“, heißt es bei Dempf weiter. Das bedeutet keineswegs, dass sich die Religion in Kontingenzbewältigung erschöpft. Auch bei der Philosophie, die Dempf von der Religion stets unterscheidet, ist dies nicht der Fall: Beide sind niemals Bewältigung, sondern Reflexion der Wirklichkeit. Es kann auch nicht Absicht der Religion sein, die Philosophie erst zur Philosophie zu machen.

Religion lenkt den Blick auf die Religion als Ganzes

Wirklichkeitserfassung und Wahrheitssuche sind seit jeher die wichtigsten Aufgabengebiete für die Philosophie, wohingegen die Religion auf das Transzendente Antwort gibt. Jedoch bekräftigt die Religion die Philosophie und den Philosophen, sich in konzentrierter Weise auf die wesentlichen Problem- und Fragestellungen der Philosophie zu beziehen und sich diesen zu stellen. Diese Konzentration geschieht durch die Perspektive der Religionsphilosophie, wie sie uns Dempf hier vorlegt.

Mit diesem Gedanken gibt Alois Dempf der aktuellen philosophischen Debatte einen wichtigen Impuls: Religion ist gerade deshalb philosophisch so relevant, weil sie einen Blick auf die Realität als Ganzes nimmt. Religion lenkt nicht von der Realität ab und auf ein wie auch immer geartetes Jenseits hin, sondern beweist die Bedeutung und den Ernst der Realität und unseres Lebens, da beide in Wahrheit ewige Konsequenzen nach sich ziehen, die über das Jetzt hinausweisen. Das führt uns das lesenswerte Werk von Alois Dempf mit klaren Worten vor Augen.


Der Autor lehrt als außerplanmäßiger Professor der Philosophie an der LMU München.

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