Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Theologie als freischaffende Kunst

Der erste Band der Gesammelten Schriften Gottfried Bachls führt in die Denkwelt eines theologischen Schriftstellers ein, der mit der Theodizeefrage und der kirchlichen Verkündigung rang.
Foto: dpa | Das Stundenbuch der Anne von Bretagne aus dem 15. Jahrhundert – hier ein Faksimile aus dem 19. Jahrhundert – zeigt einen Schlüsselmoment der Heilsgeschichte: die Verkündigung des Erzengels Gabriel an die Jungfrau.

Neues zur Gotteslehre gibt es in den „Gesammelten Schriften“ des ehemals in Linz und Salzburg lehrenden Dogmatikers Gottfried Bachl (1932–2020). Vier Bände sind in der Reihe geplant. Der erste Band präsentiert die Texte zur Gotteslehre, der zweite jene zur Eschatologie und Soteriologie, der kommende dritte Band ist der Ekklesiologie gewidmet, und der vierte wird eine Sammlung von Varia, Predigten und Gedichten enthalten.

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Stilistisch geht Bachls Werk deutlich über die gewohnte Schultheologie hinaus. Nach seiner 1963 an der Gregoriana in Rom eingereichten Dissertation, die er in der alttestamentlichen Exegese über die Weissagungen vom leidenden Gottesknecht (Jesaja 52–53) und ihre Rezeption in der frühjüdischen und neutestamentlichen Literatur verfasste, hat sich der für die Diözese Linz geweihte Priester immer mehr von den fachlichen und methodischen Grenzen der Wissenschaft befreit und in lockerer und zugleich dichter, kultur- und literaturgeschichtlich kundiger und sprachlich erfinderischer Weise „seine“ Theologie entwickelt.

Kindheit in der Nähe eines Konzentrationslagers

Bachl hat trotz vieler Promovenden keine „Schule“ begründet und keinen bestimmten Ansatz vertreten, sondern – hierin ist er noch am ehesten mit Metz vergleichbar – seine Texte vor allem als Korrektiv zu einer weit verbreiteten katholischen Denkweise und Frömmigkeit verstanden und dabei den zeithistorischen Kontext „nach 1945“, also die Theodizeefrage und die Auseinandersetzung mit den verdrängten Folgen des Nationalsozialismus, sehr ernst genommen.

So wie die Bachl zum 60. Geburtstag gewidmete Festschrift trägt auch der vorliegende erste Band der „Gesammelten Schriften“ den Haupttitel „Gottesgeschichten“. Nach einer informativen Einleitung von Heinrich Schmidinger, die einen Überblick über Bachls Leben und Schaffen sowie die vorliegende Edition gibt, umfasst das Buch vier Kapitel. Neben den „klassischen“ Traktaten katholischer Dogmatik Gotteslehre, Christologie und Mariologie ist eines den Publikationen rund um „Mauthausen“ gewidmet.

Der Autor verbrachte seine Kindheit nur wenige Kilometer entfernt vom dortigen Konzentrationslager, Begegnungen mit Gefangenen und Gerüchte um deren schreckliche Behandlung prägten sich ihm tief ein und verlangten nach einer theologischen Antwort. Dass in diesem Kapitel der vergriffene Bildband „Auch Dinge haben ihre Tränen“ von 1988 mit Bachls erschütternden Begleittexten vollständig abgedruckt wurde, verdient eine besondere Erwähnung.

Sprach- und Erfahrungsräume durch freie Form

Neben bereits bekannten Schriften wie den „Thesen zum Bittgebet“ oder der vielfach ausgezeichneten Annäherung an den „schwierigen Jesus“ (Erstauflage 1994) enthält der Band zahlreiche bisher kaum zugängliche Texte und erweitert so den Einblick in Bachls Denkwelt mit ihrer „eigentümlichen Mystik“ (Roman Siebenrock) enorm. So schälen sich einige Grundzüge dieses Ausnahme-Theologen noch einmal deutlicher heraus.
Zu Recht hat sich der Autor weniger als Wissenschaftler denn als theologischen Schriftsteller gesehen.

Diese Freiheit in Form und Zugang zahlt sich besonders bei existenziellen Fragestellungen wie etwa der nach dem Leid des unschuldigen Hiob oder der von Abraham geforderten Opferung seines Sohnes aus. Mit ihnen kommt Bachl in frei erzählender, tastender, sensibel sich annähernder Weise ins Gespräch und eröffnet auf diese Weise in der akademischen Theologie kaum zu findende Sprach- und Erfahrungsräume.

Freilich hat dies auch seinen Preis. Beispielsweise bezieht Bachl in seiner Salzburger Abschiedsvorlesung „Dank an Paulus“ zwar die Philosophen Hegel, Wittgenstein und Feyerabend mit ein, spart sich aber jegliche exegetischen oder bibeltheologischen Referenzen. Derart über alle akademischen Konventionen hinweg assoziativ oder, wie der Autor selbst sagt, „aphoristisch“ vorzugehen, macht eine Diskussion auf der Sachebene kaum mehr möglich.

Jesus sehen, berühren und erleben

In der Christologie geht sein ganzes Bemühen auf die Gleichzeitigkeit und Unmittelbarkeit mit Jesus aus Nazareth. Bachl will ihn sehen, ihn berühren, ihn in seiner sozialen Umgebung aufsuchen, auf Augenhöhe mit ihm kommen. Die Frage nach dem historischen Jesus und seinen Absichten, die ihn schon in seiner hier erstmals in Auszügen publizierten Dissertation umgetrieben hat, ist auch die Frage nach dem Ursprung des christlichen Glaubens und seiner Bedeutung für heute – gewissermaßen die Absicht des Zweiten Vatikanischen Konzils, übersetzt in einen kontinuierlichen theologischen Denkprozess. So erklären sich auch die vielen Anleihen in der antiken und frühchristlichen Bildung, daher der betont biblisch-erzählende Tonfall, daher auch die Ausblendung vermittelnder Instanzen.

Was aufs Ganze gesehen doch auffällt, ist das Problem, das Bachl mit jeder Art von kirchlicher Vermittlung hat. Natürlich ist Jesus Christus immer größer und herausfordernder, als man es im normalen Glaubensbewusstsein oft sieht und sehen will. Aber der gesamten kirchlichen Verkündigung vorzuwerfen, sie gehe am historischen Jesus vorbei, erscheint doch überzogen. Zwei lange und ausführlich belegte Aufsätze über Ludwig Feuerbach aus den frühen 1970er-Jahren zeigen, dass dessen Projektionsthese für Bachl offenbar eine gewisse heuristische Funktion besaß.

Der ideologiekritische Zug seines Denkens tendiert nicht selten zu einer Psychologisierung der Glaubensinhalte, sodass die geoffenbarten Wahrheiten letztlich auf innerpsychische Vorgänge, Ängste und Kompensationen zurückgeführt werden können und man eher die krank machenden Seiten als die erlösend-heilende Wirkung von Religion vorgeführt bekommt.

Die Gottesmutter als Gegenpol zum Richter

Auch Bachls strikte Zurückweisung des Opferbegriffs als Deutung des Kreuzestodes Jesu – eine Einstellung, die er nach einem Hinweis der Herausgeber schon bei seiner Priesterweihe gehabt haben soll – führt dazu, dass Leiden nur noch als zu überwindendes Übel gedeutet werden kann, anstatt in ihm, wie in Bibel und christlicher Kreuzeserfahrung breit bezeugt, „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ zu sehen.

Dass der Mariologie ein ganzes Kapitel mit neun Beiträgen sowie weitere Aufsätze zur Frage der Analogie des Weiblichen in der Trinität bei Bernhard von Clairvaux und Feuerbach gewidmet sind, hat auch wiederum mit Bachls psychologisierender Gotteslehre zu tun. Maria kompensiert seiner Analyse nach den strafenden und angstmachenden Gott, sie verkörpert den lebensbejahenden und liebenden Gott und nimmt daher in der katholischen Frömmigkeit einen nahezu gottgleichen Platz ein. Aufgrund des Dogmas der Jungfräulichkeit sieht Bachl auch die angebliche Leibverachtung und priesterliche Zwangsverpflichtung zum Zölibat in dieser „Hyper-Mariologie“ begründet.

Lesart, die Dogmatik „undogmatisch“ zu erneuern sucht

Ohne Zweifel legt der Theologe damit einige Facetten frei, die dringend bedacht und auch spirituell aufgearbeitet werden müssen. Was aber fehlt, ist ein überzeugender Gegenentwurf, der etwa klarmachte, dass Maria nicht auf der Seite Gottes, sondern auf Seiten der Schöpfung steht, oder dass ihre Jungfräulichkeit bereits von Kirchenvätern wie Augustinus primär als eine Haltung des Glaubens und erst sekundär als leibliche Keuschheit verstanden wurde. Dazu findet sich in den originellen Texten des Bandes mancher Hinweis, aber dominant bleibt die ideologiekritische Lesart, die auf „undogmatische“ Weise die Dogmatik zu erneuern versucht.

Gerade in ihrer Gesamtheit sind die vorliegenden Texte einer neuerlichen Lektüre wert, bedürfen aber auch der kritischen Einordnung. Die Freiheit des Glaubens, für die Gottfried Bachl stets eingetreten ist, sollte man sich auch ihm gegenüber gönnen.


Gottfried Bachl: Gesammelte Schriften, Bd. 1, Gottesgeschichten: Gottesfrage–Theologie-Mauthausen–Christologie–Mariologie. Herausgegeben von Wilhelm Achleitner, Alois Halbmayr und Heinrich Schmidinger, Herder 2025, gebunden, 714 Seiten, EUR 58,–

Der Rezensent ist Lehrstuhlinhaber für Dogmatik an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie.

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