Frau in der Kirche

Adrienne von Speyr: Zentrales Thema ist das aus Gottes Geist gesprochene Wort

Ein geistlicher Aufbruch kann nicht durch „Synodale Wege“ oder lehramtliche Erklärungen organisiert werden – Adrienne von Speyr und die aktuelle Krise von Theologie und Kirche.
Adrienne von Speyr.
Foto: Archiv Hans Urs von Balthasar/Wikipedia | Vor 20 Jahren hielt Bischof Georg Bätzing einen bemerkenswerten Vortrag über sie: Adrienne von Speyr.

Glaube und Kirche stehen immer in der Krise, das heißt in der Entscheidung (crisis). Anfechtungen von innen und außen, Zweifel bis hin zum Glaubensabfall, begleiten ihren Weg durch die Geschichte genauso wie Sternstunden und neues Aufblühen. Ein geistlicher Aufbruch, eine Reform, kann nicht durch „Synodale Wege“ oder lehramtliche Erklärungen organisiert werden, sondern ist eine Gnade des Heiligen Geistes, der Altes und Neues aus dem Schatz der Kirche hervorholt und aufleuchten lässt.

„Und weil die Wahrheit immer am Wachsen ist und sich steigert,
fordert sie Gehorsam für sich: man kann in ihr nicht stillestehen,
man kann der Wahrheit, die einen immer wieder überwächst,
nur dienen, um mit ihr zu wachsen“

Ein solcher Schatz ist das breite und oft unentdeckte Werk der Basler geistlichen Autorin Adrienne von Speyr (1902-1967), die von der akademischen Theologie weitgehend ignoriert oder nur als „Anhängsel“ des großen Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar (1905-1988) gesehen wird. Uwe Wolff hat beide als „Doppelberufung“ oder „Doppelsendung“ in dieser Zeitung am 18. November 2021 kundig vorgestellt zur Eröffnung einer Serie über spirituelle Paare. Balthasars kurz nach ihrem Tod erschienenes Buch „Erster Blick auf Adrienne von Speyr“ (Einsiedeln 1968; 4. Aufl. Trier 1989) bleibt die maßgebliche Einführung in Person und Werk der außergewöhnlichen Charismatikerin.

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Adrienne von Speyr, die im französischsprachigen La Chaux-de-Fonds in einer aus Basel stammenden protestantischen Arztfamilie aufwuchs, selber Ärztin wurde, mit namhaften Basler Professoren verheiratet war (zuletzt dem Burckhardt-Biographen Werner Kaegi) und als Taufpaten den Pascal-Biographen Albert Béguin hatte, verdient es aber, nun einmal als eigenständige Frau auch ohne ihren berühmten Beichtvater und Verleger wahrgenommen und verstanden zu werden. Da sie anders als die Karmelitinnen Therese von Lisieux und Edith Stein nicht einmal im Traum an ein amtliches Frauenpriestertum denkt, haben trotz der Qualität und Einmaligkeit ihres Denkens und Schreibens auch feministische Theologinnen und Theologen bisher mit ihr nichts anfangen können.

Die Fülle ihrer Text kann erschlagend wirken

Das mag auch an der erschlagenden Menge ihrer Texte liegen, mehr jedoch wohl an der „instinktiven“ Abneigung gegen die in ihnen sich ausdrückende anspruchsvolle und ungeschminkte Gläubigkeit. Ihre Rezeption in deutschsprachigen Ländern ist bescheiden, während in Polen, Frankreich und den USA etliche ihrer Titel mehrfache Auflagen erleben konnten. 1985 fand in Rom auf Anregung von Papst Johannes Paul II. ein internationales Symposium zu ihrer kirchlichen Sendung statt, auf dem Balthasar und von ihm ausgesuchte Referenten wichtige Aspekte ihrer Lehre behandelten und auch der Papst würdigende Worte fand.

Um sich Adrienne von Speyrs theologisch-spirituellem Denken zu nähern, greift man am besten zu einem ihrer bestens edierten Bücher, die sämtlich über den nun seit längerem in Freiburg ansässigen „Johannes Verlag Einsiedeln“ erhältlich sind. Da wären an vorderster Stelle ihr schlichtes Marienbuch „Magd des Herrn“ (1988), der vierbändige große Kommentar zum Johannesevangelium und die kleineren weißen Themenbücher, unter ihnen besonders das ignatianische „Buch vom Gehorsam“ (1993), zu nennen. Ähnlich wie die heiliggesprochene Konvertitin Edith Stein beschrieb sie ihre vorkatholische Jugend im Fragment „Aus meinem Leben“ (1984).

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Ihre Worte lassen Jesus sakramental aufscheinen

Kurz vor seinem Tod hat Hans Urs von Balthasar noch das fast 600 Seiten umfassende theologische Lesebuch „Kostet und seht“ (Einsiedeln/Trier 1988) herausgebracht, das als unerschöpfliches Füllhorn Wesentliches fast im „Vielreden“ (Ignatius von Loyola) untergehen lässt und das Zupackende ihrer Worte nicht direkt spürbar macht. Gelungener scheint der von der gebürtigen Bremerin Barbara Albrecht (1927-2012) bereits 1972 veröffentlichte „Durchblick in Texten“ und deren Deutung als „Eine Theologie des Katholischen“ (Einsiedeln 1973). Zentrales Thema Adriennes ist das aus Gottes Geist gesprochene Wort, das das Trinitarische ins Gebet bringt und Jesus Christus sakramental in seiner Kirche aufscheinen lässt. Dabei ist ihr eine „Beichthaltung“, die nicht an das Vorhandensein von Sünde gebunden ist, wichtiger noch als die Praxis des von ihr bis zur Konversion (Allerheiligen 1940) gesuchten und ersehnten Sakraments.

Gemeint ist eine Offenheit gegenüber Gott, die frei von Machtwillen jedes Urteil ihm überlässt. Das hat sie charismatisch im Nachlasswerk „Das Allerheiligenbuch“ konkret aufgezeigt, dabei auch weltliche Persönlichkeiten wie Goethe, Mozart, Beethoven oder Kierkegaard auf ihre letzte Lauterkeit hin geprüft. „Kreuz und Hölle“ mit ihrer Theologie des Karsamstags, „Das Wort und die Mystik“ und eine sehr realistische „Theologie der Geschlechter“ bilden weitere Nachlassbände, von denen einige noch unveröffentlicht sind. Mystik ist bei Adrienne nichts Sensationelles mit Auditionen, Visionen und Stigmatisierungen, obwohl es auch diese reichlich gab, sondern der persönliche Dienst am Wort und an der Wahrheit des Glaubens. Das Objektive und für andere Hilfreichere steht im Vordergrund, nicht das Subjektive.

Ihre Anliegen und Gedanken könnten das Theologietreiben aufmischen

Dazu gehört dann auch eine Deutung der Zahl der 153 Fische aus Joh 21, 11 im Nachlassband „Das Fischernetz“, in dem die Sendungen wichtiger Heiliger Primzahlen erhalten und nach ihren Merkmalen konkretisiert und einander zugeordnet werden. Die unvergleichliche spirituelle Autorin, deren Anliegen und Zentralgedanken durch Balthasar in Vorworten und Hinführungen beschrieben werden, kann das gewohnte Theologietreiben aufmischen und Spiritualität real in Gott selbst verankern. Dazu braucht es aber der freien Zustimmung ihrer Leser mit Herz und Verstand. „Außerhalb der Liebe gibt es keine wahre Theologie“ (Johannes I, 253).

Die verworrene Lage von Kirche und Welt bedarf heute mehr denn je der glaubwürdigen Zeugen für die Wahrheit, auch in Medien und Synoden. „Lebt ein Mensch nicht nach der Wahrheit, die er verkündet, so wird sein Zeugnis nicht als seine Überzeugung und darum auch nicht überzeugend wirken“ (Kostet und seht, 142). Die ersehnte Reform der Kirche kann nicht über Strukturen, sondern nur aus ihrem göttlichen Ursprung und der Neuentdeckung dieses Ursprungs erfolgen.

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Speyers Texte könnten die Kirche in Deutschland aus Sackgassen führen

Dazu bietet das breite Werk Adrienne von Speyrs viele Anregungen und zeitgemäße Impulse. Zu ihrem 100. Geburtstag im September 2002 fand in der Freiburger Katholischen Akademie ein von Alois M. Haas (Zürich) organisiertes Symposion statt („Adrienne von Speyr und ihre spirituelle Theologie“), bei dem der heutige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, einen bemerkenswerten Vortrag hielt: „Damit Gott im Menschen wachse. Der Gedanke der Läuterung bei Adrienne von Speyr“.

Er wurde im Sammelband des Johannes Verlages veröffentlicht (Freiburg 2002) und enthält die Feststellung: „Die Qualität dessen, was sie geleistet und weiterhin in die Theologie einzubringen hat, spricht für die Echtheit ihres mystischen Erkenntnisweges“ (66f). Die Neubegegnung mit dem Charisma und der Theologie Adrienne von Speyrs könnte in der Tat in der gegenwärtigen Kirchenlage zu einer Läuterung und Klärung führen, die aus den verschiedenen Sackgassen hinausführt. Nicht erst im Jenseits eines „Fegefeuers“, über das Adrienne von Speyr im Frühjahr 1949 ihrem Beichtvater einen eigenen „Traktat“ diktierte, sondern schon in den Be- oder Vergegnungen im Hier und Jetzt geschieht Läuterung auf Gott hin.

Frausein bereitete ihr keine Identitätsprobleme

Die brennende Liebe des Herrn ist dabei das letzte Prinzip. Möge auch in den festgefahrenen Diskussionen um den „Synodalen Weg“, für den heute Bischof Bätzing Mitverantwortung trägt und für ausländische Bischöfe/Bischofskonferenzen Ansprechpartner war, ein Blick in Texte der Basler spirituellen Theologin, die mit ihrem Frausein keine Identitätsprobleme hatte, aufrütteln, entkrampfen und zu einem fruchtbaren Neuansatz führen, „damit Gott im Menschen wachse“ und Widergöttliches sich von ihm und der Kirche trenne.

Die Wahrheit des Glaubens ist kein heteronomes Diktat von außen, sondern ein sich entwickelndes Wachsen von innen: „Und weil die Wahrheit immer am Wachsen ist und sich steigert, fordert sie Gehorsam für sich: man kann in ihr nicht stillestehen, man kann der Wahrheit, die einen immer wieder überwächst, nur dienen, um mit ihr zu wachsen“ (82). Die Baslerin Adrienne von Speyr hat die Sendung, die Wahrheit Gottes in seinem Sohn und in seiner Kirche durch ihr einzigartiges Werk immer neu aufleuchten zu lassen. Es ist jene „Glut unter der Asche“ (Paul Josef Cordes), die ein großes Feuer entfachen könnte. Komm und lies!

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