Würzburg

Das Dogma der Unfehlbarkeit ist irrtumslos und doch umstritten

Beiträge und Diskussionen rund um die Unfehlbarkeit  in der Tagespost aus den vergangenen Jahren. Dieser Beitrag liefert einen kleinen Überblick über Berichte und Debatten zum Thema Unfehlbarkeit. Autoren und Leser der Tagespost diskutieren.

Papst Pius IX. berief das I. Vatikanische Konzil ein
Papst Pius IX. berief das I. Vatikanische Konzil ein, das vor 150 Jahren das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit verkündete. Foto: - (ANSA/epa)

Vor 150 Jahren wurde das Dogma der Unfehlbarkeit vom I. Vatikanischen Konzil beschlossen.  Zum Jubiläum erschienen zwei Beiträge, die die Tragweite des Dogmas ausleuchteten.

Im Gespräch mit der Tagespost führt der Kirchenhistoriker Walter Kardinal Brandmüller aus: 

Die Unfehlbarkeit ist ein Instrument für Situationen äußerster Gefahr

Dabei ist eine Ex- Kathedra- Entscheidung eines Papstes keinesfalls die einzige Weise, wie ein Papst verbindlich und irrtumsfrei lehren kann. Kardinal Brandmüller führt "Ordinatio sacerdotalis" als Beispiel an.  Zur Intention Papst Pius IX. sagt Kardinal Brandmüller: 

"Eine solche Interpretation geht an der Person Pius  IX. vorbei. Pius IX. war zunächst einmal ein frommer Papst, der die Wahrheit des Glaubens in einer Welt des Unglaubens zu verteidigen und ihn zu bewahren suchte."

Es ist ein spannendes Gespräch zwischen Guido Horst und Walter Kardinal Brandmüller.

In einem weiteren Beitrag setzt sich Stefan Hartmann mit der Auseinandersetzung und Rezeptionsgschichte des Dogmas auseinander. 
Doch wozu dient das Dogma? Hartman dazu: 

"Es geht um die geistliche und dogmatische Zusage, dass durch den Primat Petri die Kirche in der Wahrheit bleibe und aus der Wahrheit der Offenbarung irrtumsfrei lehren könne. "

Kurz gesagt: Damit die Kirche in der Wahrheit bleibt

Ein Dogma kommt unabhängig von seiner theologischen Bedeutung nur dann ins Bewusstsein der Menschen, wenn es im Leben der Kirche in der jeweiligen Zeit einen Widerhall findet. Es greift in die Diskussion um Lehre und Praxis der Kirche ein und treibt Debatten um der Wahrheit willen voran. 
In seinem Beitrag 

Macht und Synodalität

setzt sich Kardinal Müller mit einer sehr praktischen Bedeutung des Dogmas auseinander 

„Zwar gibt es gegenüber einer unfehlbaren Entscheidung des Papstes und des ökumenischen Konzils in Glaubens- und Sittenfragen keine nachträgliche Ratifikation durch die Kirche, weil diese in der Autorität des Heiligen Geistes zustande kommt und niemand gegen Gott appellieren kann. Aber der Glaubenssinn des Gottesvolkes, der sich im Hören des Wortes Gottes und der Treue zur Lehre der Kirche bildet – und darum nicht auf dem Machtanspruch einer demokratischen Mehrheit wie im Staat beruht – geht konsultativ einer höchsten lehramtlichen Entscheidung voraus (vgl. „Lumen gentium“ 25; J. H. Newman, Über das Zeugnis der Laien in Fragen der Glaubenslehre: Polemische Schriften IV, Mainz 1959, 255–292). Ein Konsensus, der im geoffenbarten Glauben begründet ist, das heißt in der Unfehlbarkeit im Glauben (infallibilitas in credendo), muss einem Assensus zu den Definitionen des Lehramtes (infallibilitas in docendo) logisch und zeitlich vorausgehen. Niemand kann sich in seinem Widerspruch gegen eine geoffenbarte und definierte Lehre auf den sensus fidei fidelium berufen, weil die verbindliche Erklärung der Offenbarung nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut wurde, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird. („Dei verbum“ 10).“ 


schreibt der Kardinal in einem Beitrag für die Tagespost

Ist man der Wahrheitsfrage auf der Spur, so kommt man zum Schluß: 

Über den Glauben kann man nicht abstimmen

Die Diskussionen des Synodalen Weges zeigen: Mehrheit darf nicht mit Wahrheit verwechselt werden. Auch beim viel zitierten Glaubenssinn der Gläubigen gibt es offensichtlich falsche Vorstellungen. Wie verhält es sich wirklich? Welche Rolle spielt das apostolische Lehramt? Und wie wirken die Gläubigen bei der Wahrheitsfindung mit? Hier sind die Antworten

Nun ist es keineswegs so, dass die Gläubigen der Kirche völlig unbedeutend wären. Der Glaubenssinn spielt eine wesentliche Rolle bei der Wahrheitsfindung. Doch nicht eine lineare aus dem Zeitgeist abgeleitete Agenda kann die Wahrheit abbilden. Es gehört etwas mehr dazu.

 

Walter Brandmüller zur Amazonas-Synode

Foto: Wolfgang Radtke (KNA)

Kardinal Brandmüller nennt es: Das gläubige Immunsystem

Der Sensus fidei bedeutet nicht weniger, als dass die Gesamtheit der Glaubenden kann nicht irren kann.

„Man spricht da gern von der infallibilitas in credendo, der passiven Unfehlbarkeit der Kirche, die in ihrer Gesamtheit keinem Glaubensirrtum erliegen kann. Nun aber wirkt der sensus fidei der Gläubigen nicht nur dann, wenn es um die Abwehr des Irrtums geht, sondern auch beim Zeugnis für die Wahrheit.“

Kardinal Brandmüller liefert eine Begriffsklärung.

In Folge des ersten Vatikanums trennten sich die Altkatholiken von der Kirche. Doch auch innerhalb der Kirche blieb das Dogma umstritten. Der bekannteste Zeitgenosse, der wegen Leugnung der Infallibilität seine Lehrerlaubnis verlor, ist Hans Küng.

In seinem Beitrag "Ukas gegen Küng" beschreibt Karl-Heinz Menke Aktualität der Lehrverurteilung von vor 40 Jahren: 

Hans Küng

Hans Küng. Seit mehr als 40 Jahren gleichermaßen verehrt und umstritten. Foto: dpa

Dass seine Thesen auch heute noch wirkmächtig sind, darauf wies der Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke gegenüber dieser Zeitung hin. Menke, der auch Mitglied der Internationalen Theologenkommission ist, sieht in den Auffassungen der Theologen Saskia Wendel, Magnus Striet und Michael Seewald die Theologie Küngs fortleben: „Wenn die Dogmen der Kirche nur noch ,anthropogene‘ Ausdeutungen des notwendig zu denkenden Absoluten sind, dann ist das Lehramt der Apostelnachfolger, wenn es in

Gemeinschaft mit dem Petrusnachfolger eine verbindliche Trennung wahrer von falscher Christusinterpretation dekretiert, nur noch ein fehlbares – anthropogenes – Entscheidungsorgan.“

Auch an unseren Lesern ging die Debatte um die Unfehlbarkeit nicht vorbei.

Die Leserbriefdebatte

aus dem Jahr 2017 in der Tagespost ist spannend zu lesen: 

Brief 1, Brief 2, Brief 3 und Brief 4 .

Die Unfehlbarkeit des Papstes bleibt ein sehr spannendes Dogma, weil der Zeitgeist sich seit 150 Jahren heftig daran reibt. Auf absehbare Zeit wird sich das nicht ändern.

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