Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung UKRAINISCHES TAGEBUCH – Teil 8

Die Heilung seelischer Wunden endet nicht mit dem Krieg

Jedem das Seine: Joe Biden besucht Wolodymyr Selenskyj, ich besuche zeitgleich den römisch-katholischen Erzbischof von Kiew.
Besuch Bidens bei Selenskyi in Kiew
Foto: IMAGO/Ukraine Presidency (www.imago-images.de) | US-Präsident Joe Biden besuchte am Montag überraschend Kiew. Damit setzt die US-Regierung ihre Solidarität mit der Ukraine sichtbar ins Bild.

US-Präsident Joe Biden ist am Montag überraschend, weil unter strikter Geheimhaltung vorbereitet, in Kiew eingetroffen. Das ist gut. Jedenfalls für die Ukraine, denn damit setzt die US-Regierung – wie zuvor die Doppelspitze der Europäischen Union – ihre Solidarität mit der Ukraine sichtbar ins Bild. Wie könnte der Westen jetzt einen „schmutzigen Deal mit Putin“ machen, wie ihn viele Ukrainer fürchten, nachdem all diese Politiker in Kiew unter Lebensgefahr dem Überlebenskampf der Ukraine ihre Treue schworen?

Weniger gut ist Bidens Besuch für mich, denn die Straßen sind verstopft und die Zufahrtsstraße zur bescheidenen Residenz des römisch-katholischen Erzbischofs von Kyiv-Zhytomyr ist von Polizei und Militär gesperrt. Nach einem kurzen Wortwechsel winkt uns ein Soldat weiter. Erzbischof Vitaliy Kryvytskyi nimmt unsere Verspätung gelassen. Während die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine etwa fünf Millionen zählt, kommt die römisch-katholische Kirche auf etwa eine Million. Jetzt, angesichts des Krieges, sind viele Herausforderungen aber vergleichbar: Nothilfe, Sorge um die Traumatisierten und Heimatlosen, Seelsorge für die Trauernden.

Der Kiewer Erzbischof Vitaliy Kryvytskyi
Foto: Stephan Baier | Der Kiewer Erzbischof Vitaliy Kryvytskyi. Während die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine etwa fünf Millionen zählt, kommt die römisch-katholische Kirche auf etwa eine Million.

Ja, einige katholische Priester wirken noch immer in den russisch okkupierten Gebieten, sagt der Erzbischof. „Der russische Geheimdienst ist immer in der Nähe, alles wird gehört und geprüft“, darum wolle er nicht mehr sagen, um diese Geistlichen nicht in Gefahr zu bringen. Die Versorgung der Binnenflüchtlinge mit dem Nötigsten, mit warmer Kleidung und Essen, fordert jetzt alle Kräfte der Kirche. Zugleich sorgt Erzbischof Kryvytskyi für eine psychologische Begleitung, denn „wer selbst verwundet ist, kann anderen nicht helfen“. Die Heilung der seelischen Wunden werde nicht mit dem Krieg enden, sondern Jahrzehnte in Anspruch nehmen. „Wir sind in der Ukraine ja alle betroffen“, sagt auch er.

Keine Alternative zum Widerstand

Wir sprechen über die Arbeit des „Allukrainischen Rates der Kirchen und Religionsgemeinschaften“, den er selbst einmal präsidierte, über die Zusammenarbeit zwischen dem Staat und den Kirchen, über die humanitäre Katastrophe und über die Frage, ob der Papst den rechten Augenblick für einen Solidaritätsbesuch in der Ukraine nicht schon verpasst habe. Einige Aussagen von Papst Franziskus hätten die Ukrainer sehr enttäuscht, meint der Erzbischof, dabei sei Franziskus vor dem Krieg im Vertrauensindex ganz oben gewesen. Mehrfach habe der Papst angekündigt, in die Ukraine kommen zu wollen, sagt der Erzbischof. „Besser spät als nie!“

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Draußen ertönt erneut der Luftalarm. Russland legt auch für Joe Biden keine Kriegspause ein. „Wenn wir den Feind jetzt nicht stoppen, kommt die Sowjetunion zurück in die Ukraine!“, sagt Erzbischof Kryvytskyi. Die Ukrainer wüssten, was das bedeutet – daher ihr verzweifelter Widerstand. „Wir haben keine Alternative!“ Es gehe nicht um Territorien, sondern um ein Leben in Freiheit und Menschenwürde. „Das ist es, wofür wir kämpfen. Dieses Land ist getränkt vom Blut der Märtyrer.“

Beginnt Russland bald wieder hinter Brody?

Einen kurzen Besuch wollte ich dem Erzbischof abstatten. Nach zwei Stunden verlasse ich sein Büro, um nach vier Tagen in der Hauptstadt die Reise Richtung Westen – nach Lemberg – anzutreten. Es geht über den Maidan, vorbei an der Sophienkathedrale, an Checkpoints mit Sandsäcken. Am Straßenrand warnt ein riesiges Plakat davor, Minen zu berühren. Mit großer Verspätung fahren wir Richtung Lemberg. Hin und wieder ist ein originelles Schild an der Straße zu sehen: Ein schwarzes Putin-Portrait, rot durchgestrichen.

Mein Traum, auf der Rückreise einen Zwischenstopp in Brody einzulegen, ist eben geplatzt. Einer meiner Lieblingsschriftsteller, der jüdische Galizier Joseph Roth, ist in Brody geboren. „Gleich hinter Brody beginnt Russland“, schrieb er in einem seiner Romane, der in der Zeit des Ersten Weltkriegs spielt. Für Roth repräsentierte das habsburgische Österreich-Ungarn jene Zivilisation und Ordnung, die wir heute als europäische Lebensart bezeichnen würden. Roth konnte nicht ahnen, dass mehr als ein Jahrhundert später neuerlich ein russischer Zar versuchen würde, den Ukrainern eben diese Lebensart zu rauben.


Begleiten Sie unseren Korrespondenten Stephan Baier in diesen Tagen auf seiner Reise durch die Ukraine. Alle Folgen des Ukrainischen Tagebuchs finden Sie hier.

Lesen Sie weitere Berichte und Reportagen aus der Ukraine in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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