Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Benjamin Dahlke

„Vance strebt nach dem ,guten Leben‘, hat aber auch den Willen zur Macht“

Bei den US-Republikanern liefern sich Katholiken ein Duell um die Trump-Nachfolge. Für den Eichstätter Dogmatiker Benjamin Dahlke trägt die Programmatik von Vizepräsident J.D. Vance beinahe sozialdemokratische Züge. Mit dem Tech-Libertären Peter Thiel bestehe ein nicht öffentlich ausgetragener Dissens.
US-Vizepräsident J.D. Vance beim Gedenkgottesdienst für Lindsey Graham
Foto: IMAGO / Newscom / AdMedia | US-Vizepräsident J.D. Vance ist niemand, der sich leicht in eine Schublade einordnen lässt – weder als Politiker noch als Katholik.

Auch wenn es evangelikale Protestanten waren, die bei den vergangenen drei US-Präsidentschaftswahlen mit überwältigender Mehrheit für Donald Trump gestimmt haben und das Rückgrat der heterogenen republikanischen Wählerkoalition bilden: Katholiken nehmen innerhalb der amtierenden Regierung eine mindestens genauso prominente Rolle ein. Allen voran Außenminister Marco Rubio und Vizepräsident J.D. Vance, der qua Amt den unmittelbarsten Draht zum US-Präsidenten hat. Beiden werden sowohl Ambitionen wie auch gute Chancen nachgesagt, Trump 2028 zu beerben.

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Vance, der erst 2019 zum Katholizismus konvertierte, tut sich aber auch dadurch hervor, dass er derzeit wie kaum ein Zweiter seinen Glauben in den Vordergrund stellt. In seinem jüngsten Buch „Communion“, sowohl politisches Manifest wie religiöse Autobiografie, beschreibt der 42-Jährige, wie er über Umwege in die katholische Kirche fand. Deutlich wird in den Schilderungen des Vizepräsidenten: Es waren auch die Lust am intellektuellen Austausch und die Faszination für die philosophischen Dimensionen des katholischen Glaubens, die ihn schließlich konvertieren ließen.  

J.D. Vance und Bischof Robert Barron: Ideale Sparringspartner

Da überrascht es nicht, dass Vance in Person des konservativen Bischofs Robert Barron kürzlich einen idealen Sparringspartner fand. Der medienaffine Bischof der Diözese Winona-Rochester, dem immer wieder eine enge Verbindung zu Donald Trump nachgesagt wird, traf den Vizepräsidenten zum Podcast-Gespräch und ließ sich von Vance noch einmal ausführlich die wesentlichen Thesen aus dessen Buch erläutern. Fast schon auf Augenhöhe, so schien es, unterhielten sich die beiden über den heiligen Augustinus, Thomas von Aquin und den Philosophen René Girard – Figuren, die Vance immer wieder zitiert, wenn er von seinen katholischen Vorbildern berichtet. 

Es ist ein ganz anderer Katholizismus, als ihn beispielsweise noch der letzte katholische US-Präsident Joe Biden pflegte. Seinen von Kindesbeinen an gewachsenen Glauben sah der Demokrat nie als intellektuelle Spielwiese, sondern als praktisches Konzept, aus dem sich konkrete Maximen und Handlungsappelle für den Alltag ableiten ließen: Nächstenliebe, Einsatz für die Schwachen, Trost für die Trauernden. Ob er dem immer gerecht wurde, sei dahingestellt.

Versucht man jedoch, an der Politik der amtierenden US-Regierung die Handschrift eines katholischen Vizepräsidenten zu erkennen, wird man auch nicht so leicht fündig. Mit dem Vatikan gibt es Differenzen, unter anderem aufgrund unterschiedlicher Ansichten in der Einwanderungspolitik. Vance machte sich noch unter Papst Franziskus für das Konzept vom „Ordo amoris“ stark, einer Rangordnung der Liebe vom Nahen zum Fernen – und handelte sich den Widerspruch des Papstes ein.

Vance sprengt das gängige Links-Rechts-Schema

Gleichzeitig ist Vance niemand, der sich leicht in eine Schublade einordnen lässt – weder als Politiker noch als Katholik. Auch in seinem Buch „Communion“ wurde deutlich, dass die Standpunkte des ehemaligen Senators von Ohio, der erst 2022 in die Politik wechselte, oftmals – und entgegen dem landläufigen Bild, das von Vance kursiert – das gängige Links-Rechts-Schema sprengen.

Der bislang in Eichstätt, bald in Mainz lehrende Dogmatiker Benjamin Dahlke beobachtet Vance und den US-Katholizismus schon lange. Er hat mehrere Bücher publiziert, zuletzt „One Nation under God“, in dem er die wechselvolle Geschichte von Amerikas Katholiken von der Besiedlung des amerikanischen Kontinents bis in die Gegenwart erzählt. Im Interview spricht er über die Bedeutung des katholischen Glaubens für den politischen Aufstieg von J.D. Vance sowie die Pluspunkte, aber auch Nachteile, die mit seiner speziellen Spiritualität im Hinblick auf eine mögliche Präsidentschaftskandidatur einhergehen. Dahlke nennt auch den Vorteil, den Außenminister Rubio im potenziellen Duell mit Vance haben könnte, und erklärt, warum die Religion auch künftig für die Wahlentscheidung eine große Rolle spielen wird.


Herr Professor Dahlke, viele wundern sich, dass der US-Vizepräsident J.D. Vance seinen katholischen Glauben so ins Schaufenster stellt. Würden Sie sagen, das ist typisch Konvertit?

So zugespitzt würde ich es nicht formulieren. J.D. Vance ist 2019 zum Katholizismus konvertiert und spricht darüber sehr ausführlich. Dass er das tut, hat auch mit einem seiner größten Probleme zu tun: Als Vizepräsident bewegt er sich zwangsläufig in unmittelbarer Nähe zum Präsidenten Donald Trump. Glaubhaft von seinem Chef distanzieren kann er sich nicht. Doch er muss auch ein eigenes Profil gewinnen, wenn er selbst Präsident werden möchte. Und da bietet ihm der Katholizismus eine gute Gelegenheit.

Aber sammelt man beim Wahlvolk als praktizierender Katholik wirklich Pluspunkte in einem Land, in dem antikatholische Ressentiments noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verbreitet waren?

Man darf Vance nicht auf seinen katholischen Glauben reduzieren. Er ist eine Art religiöses Hybrid, da er seine Kontakte ins evangelikale Milieu, in den konservativen Protestantismus, nie abgebrochen hat. Vance profiliert sich ja nicht, indem er katholisch ist in Abgrenzung zum Protestantismus, sondern er versucht, beide Strömungen zu integrieren. Das muss er auch, denn ansonsten wird er sich weder innerparteilich durchsetzen, noch hat er als Präsidentschaftskandidat eine Chance.

Der Eichstätter Dogmatiker und Kenner des US-Katholizismus Benjamin Dahlke
Foto: privat | Der Eichstätter Dogmatiker und Kenner des US-Katholizismus Benjamin Dahlke.

Und das liegt daran, dass die Wählerkoalition, die Trump zweimal ins Amt verholfen hat, unterschiedliche religiöse Strömungen in sich vereint und ganz erheblich auch von den Evangelikalen dominiert ist?

Genau. Deshalb muss Vance beide großen Gruppen, konservative Protestanten und Katholiken, ansprechen. In seinem neuen Buch „Communion“, in dem er seine Konversionsgeschichte schildert, gelingt ihm das auch gut. Sein Katholizismus ist gar nicht so stark dogmatisch geprägt. Es geht viel um den Wert der Familie, um eine von der katholischen Soziallehre bestimmte Wirtschaft. Außerdem ist der digitale Raum neuerdings ein wichtiges Thema bei ihm. Es ist ein moderner Konservativismus, den er da entwickelt. 

Wie blicken denn Katholiken, die nicht im Trump-Lager verortet sind, auf den Katholiken Vance?

Vance wird natürlich von vielen eher zu den Demokraten tendierenden Katholiken sehr kritisch gesehen. Sie werfen ihm vor, die sozialethische Dimension des Glaubens komplett außer Acht zu lassen. Themen, die schon Papst Franziskus sehr am Herzen lagen, wie der Wert der Menschenwürde von Migranten oder die ökologische Frage, würden in seinem Portfolio keine Rolle spielen. Stattdessen fokussiere sich Vance nur auf die Sakramente, etwa die Beichte oder die Eucharistie. Aber in letzter Zeit merkt man, dass Vance versucht, diese vermeintliche Leerstelle zu füllen.

Gerade Themen wie Beichte und Eucharistie berühren ja Kernelemente des katholischen Glaubens. Das ist doch ein Punkt, der bei katholischen Politikern oft eher stiefmütterlich behandelt wird.

„Er neigt dazu, aufbrausend und ungestüm zu sein,
er neigt zu dem, was man Sünde nennt"

Das stimmt, Joe Biden etwa hat sich dazu kaum geäußert. Es war schon klar, dass er regelmäßig zur Eucharistiefeier ging. Aber für Vance ist eben aufgrund seiner Biografie die Eucharistie besonders wichtig, denn er weiß: Er neigt dazu, aufbrausend und ungestüm zu sein, er neigt zu dem, was man Sünde nennt. Und durch die Beichte, durch die regelmäßige Selbstreflexion und durch die Gnade, die er durch die Sakramente empfängt, kann er zu einem neuen Menschen gewandelt werden. Für ihn ist das eine Charakterformung, die sich durch die Sakramente vollzieht. 

Es ist tatsächlich auffällig, wie sehr Vance an seinem Image arbeitet, ja fast eine Art Charmeoffensive fährt: Er tritt häufig in Podcasts auf, jüngst sprach er mit dem konservativen US-Bischof Robert Barron. Und doch schafft er es nicht, den Eindruck abzuschütteln, er sei nicht wirklich authentisch. Woran liegt das?

Ihm hängt immer noch an, dass er vor Jahren demokratische Politikerinnen als „childless cat ladies“ bezeichnet hat, als kinderlose Katzenfrauen. In seinem Buch schreibt er, dass er die Äußerungen bedauert, dass sie ein Fehler waren. Für Vance ist das ein Beispiel dafür, dass er sich auf einem Weg befindet, dass er weiter an sich arbeiten muss. Das nehme ich ihm persönlich ab. Natürlich lässt sich solch ein mea culpa aber auch wahlkampftaktisch begründen. Das eine lässt sich schwer vom anderen trennen.

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Dass Vance ausgerechnet bei Bischof Barron auftritt, ist nicht überraschend. Barron nimmt im US-Katholizismus eine besondere Rolle ein: Er erreicht mit seinem Medienapostolat „Word on Fire“ Millionen von Menschen, seine Kritiker sagen ihm jedoch eine allzu große Nähe zu Trump nach. Was ist da dran?

Zum einen ist Barron wirklich ein Medienstar, er hat ein regelrechtes Medien-Imperium aufgebaut. Sein Youtube-Kanal beispielsweise hat über dreieinhalb Millionen Abonnenten. Das ist immens. Barron erreicht gerade viele junge Leute, da er es schafft, den Katholizismus auf zeitgemäße, aber auch intellektuelle Weise darzustellen. Es stimmt aber schon, dass er sich in den letzten Jahren vielleicht in eine etwas zu große Nähe zur aktuellen US-Regierung begeben hat. 

Wodurch?

J.D. Vance im Podcast-Gespräch mit Bischof Robert Barron
Foto: Screenshot Youtube | Unterhielten sich eine Stunde lang beinahe auf Augenhöhe über den heiligen Augustinus, René Girard und Thomas von Aquin: J.D. Vance und Bischof Robert Barron.

Barron gehört der von der Trump-Regierung ins Leben gerufenen Kommission für Religionsfreiheit an, die sich gerade in den letzten Zügen ihrer Arbeit befindet und auch konkrete Gesetzesvorschläge ausarbeiten soll. Und für das Gespräch mit Vance war er übrigens in der Residenz des Vizepräsidenten mitten in Washington zu Gast. Barron hat somit privilegierten Zugang zur aktuellen Regierung, das macht eben die Ambivalenz aus.

Auch der Name Peter Thiel fiel in dem Gespräch. Vance nennt ihn einen Freund und Mentor, auch Barron verlor kein kritisches Wort über den Tech-Milliardär. Woher rührt diese Faszination für Thiel in manchen katholischen Kreisen? Gerade für die Kirche gibt es doch ganz viel zu kritisieren an Thiels Welt- und Menschenbild, etwa dessen Haltung zum Post- und Transhumanismus.

„In Thiels Apokalyptik geht es um Endzeitszenarien
im Wortsinn, daher auch seine Faszination
für das biblische Konzept des Katechons"

Zunächst einmal ist Peter Thiel ein wichtiger Spender, der über seine Investments viele, auch missionarische, Initiativen mitträgt. Er ist zum Beispiel an der erfolgreichen Gebets-App „Hallow“ beteiligt. Auf der anderen Seite ist er einer der wenigen, die sich auf die apokalyptische Dimension des Christentums fokussieren. Für ihn geht es nicht darum, dass das Reich Gottes auf Erden anbricht und sich das durch Heilungen, durch gutes Miteinander der Menschen, bezeugt. In Thiels Apokalyptik geht es um Endzeitszenarien im Wortsinn, daher auch seine Faszination für das biblische Konzept des Katechons, des „Aufhalters“. Damit lenkt er den Blick auf Strömungen des Christentums, die in den USA prominenter sind als hierzulande, da ja gerade im evangelikalen Bereich – anders als im Katholizismus – Endzeiterwartungen sehr prominent diskutiert werden.

Und dennoch muss es inhaltlich doch krasse Differenzen zwischen Vance und Thiel geben.

Vance und Thiel scheinen mir einen Dissens zu haben, den sie nicht öffentlich austragen. Vance weist in vielen Bereichen fast schon sozialdemokratische Züge auf, er ist kein Neoliberaler. So äußert er sich zunehmend internet- und großfirmenkritisch. Die Tech-Giganten sind nicht seine Welt. Er betont sehr stark die negativen Auswirkungen des digitalen Zeitalters, also die Vereinsamung und das Phänomen, dass Menschen mehr im digitalen Raum als in der Wirklichkeit leben. Und so fordert er mehr aktive Industriepolitik, mehr Regulierung, mehr Fokus auf das Miteinander in der Gesellschaft. Das steht im Widerspruch zu dem, was der Libertäre Thiel möchte. Er steht für einen unregulierten Tech-Sektor, will den ungebremsten Fortschritt, auch der künstlichen Intelligenz, trotz möglicher negativer Konsequenzen.

Ist das generell ein Phänomen innerhalb der MAGA-Bewegung? Dass viele Differenzen und Widersprüche ausgeblendet werden?

In der Tat: Die MAGA-Bewegung ist sehr heterogen. Sie wird bei uns oft als einheitlicher Block wahrgenommen. Dabei lassen sich inzwischen mehrere verschiedene Strömungen mit teils gegensätzlichen Auffassungen identifizieren, die eigentlich nur durch die Figur Donald Trump und den Willen zur Macht zusammengehalten werden. 

Stichwort Machtwille: Eine Kernthese aus Vance‘ Buch lautet, er habe sich gegen das sinnentleerte Streben nach Reichtum, Macht und Ansehen stemmen wollen – und sich auch in Abgrenzung dazu dem Glauben zugewandt und die Familie priorisiert. Liegt darin nicht ein performativer Widerspruch, jetzt wo er vielleicht das höchste Staatsamt anstrebt?

„Wenn Politiker sagen, sie handelten rein altruistisch,
ganz selbstlos für das Land, glaubt ihnen das ja eh keiner"

Eine zentrale Frage, die ihn beschäftigt hat, scheint zu sein: Wie führe ich ein „gutes Leben“, nicht nur ein erfolgreiches? Ich würde Vance schon abkaufen, dass ihm das Streben nach einem guten Miteinander mit der Familie, mit seinen inzwischen vier Kindern, wichtig ist. Gleichzeitig ist er natürlich hoch ambitioniert und hat schon einen Willen zur Macht. Das geht aber auch nicht anders, wenn man in der Politik etwas erreichen möchte. Wenn Politiker sagen, sie handelten rein altruistisch, ganz selbstlos für das Land, glaubt ihnen das ja eh keiner. Insofern muss man Vance in beiderlei Hinsicht ernst nehmen: Er strebt nach einem guten Leben, will aber auch gestalten. Das würde ich ihm nicht zum Vorwurf machen.

Vom Streben nach dem guten Leben ist man schnell beim „common good“ – ein Begriff, der in der politischen Debatte in den USA derzeit eine wichtige Rolle spielt. Vor allem in Verbindung mit dem Postliberalismus, für den Vance eine gewisse Affinität zu haben scheint.

Der Postliberalismus ist inzwischen auch in Deutschland schon etwas bekannter geworden. Vance hat eine Nähe zu den postliberalen Denkern und scheint deren Befund zu teilen, dass sich die westlichen Gesellschaften zunehmend erschöpft haben. Der Mensch, der sich selbst entwirft und versucht, sich selbst zu gestalten, sich selbst zu optimieren, der erreicht zwar eine ganze Menge. Doch zugleich zerstört er auch viel: die Umwelt, indem er immer mehr Ressourcen braucht und verschwendet. Er verkümmert jedoch auch selbst, weil er im digitalen Raum auf sich selbst fixiert lebt. Diesen Befund muss man nicht teilen, man sollte ihn aber erst einmal analysieren, dann kann man schauen, was davon stimmt und wo er vielleicht zu weit geht.

Vom Postliberalismus ist es nicht weit zum Neo-Integralismus. Es gibt ja gewisse Befürchtungen, Intellektuelle wie der Harvard-Professor Adrian Vermeule, mit dem auch Vance bekannt ist, würden darauf hinarbeiten, die Trennung von Staat und Kirche aufzuheben. Wo sortieren Sie Vance da ein?

Ich sehe keinen Beleg dafür, dass Vance Anhänger des Neo-Integralismus wäre. Das würde ja bedeuten, er ist der Meinung, dass die kirchlichen Heilsvorstellungen auf die gesamte Gesellschaft angewandt werden müssten. Das heißt, was die Kirche möchte, müsste man auch in staatliche Gesetze packen. Das kann ich bei Vance nicht erkennen. Es gibt natürlich schon ein paar integralistische Denker in den USA. Aber ich glaube, das sind wenige, und sie sind nicht so einflussreich, als dass sie den politischen Diskurs entscheidend prägen könnten.

Seit Amtsantritt sorgt die Trump-Regierung regelmäßig für Schlagzeilen, indem sie auf Konfrontationskurs mit dem Vatikan geht, etwa in Sachen Migrationspolitik oder Irankrieg. Wie nehmen Sie das Verhältnis zwischen dem Vatikan und Washington wahr?

Angespannt. Und das hängt vor allem mit Donald Trump zusammen. Der Irankrieg an sich, aber auch die Äußerungen von Trump über Papst Leo, haben dazu geführt, dass das Verhältnis eher schlecht ist. Gerade in so einer Situation ist jemand wie Vance wichtig, weil er zu Papst Leo ein entspanntes Verhältnis zu pflegen scheint. Im Interview mit Robert Barron hat er Leo ja auch gelobt. Selbst für Papst Franziskus hatte er warme Worte übrig, obwohl dieser ihn persönlich angegangen ist.

Offenbar schätzte Vance an Franziskus die Offenheit, zu sagen, was er denkt, anstatt sich auf diplomatische Floskeln zu beschränken, wie es andere hochrangige Vatikan-Vertreter Vance gegenüber taten.

Genau. Vance nennt explizit Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin als Negativbeispiel, da dieser Themen wie die Migrationspolitik diplomatisch geschliffen und abstrakt angesprochen habe, ohne je konkret zu werden. Natürlich könnte man denselben Vorwurf auch Bischof Barron machen, denn er hat die Chance verpasst, Vance zu fragen, ob er denn weiter festhält am Konzept vom „Ordo amoris“, oder wie er im Detail über das Verhältnis von Religion zur Politik denkt. Da hat das Gespräch keine Klarheit in die derzeit schwelenden Debatten gebracht.

US-Außenminister Marco Rubio beim Begräbnis von Lindsey Graham
Foto: IMAGO/Ron Sachs (www.imago-images.de) | „Wenn er wirklich Präsident werden will, muss er nachlegen": Benjamin Dahlke über US-Außenminister Marco Rubio.

Mit Vance und Marco Rubio sind die beiden heißesten Kandidaten der Republikaner auf die Trump-Nachfolge Katholiken. Warum hört man von Rubio so wenig zu seinem Glauben?

„Rubios Vorteil ist, dass er als Latino einer starken
ethnischen Minderheit angehört,
die bei Wahlen immer wichtiger wird"

Rubio bezeugt auch öffentlich seinen Glauben, er ist sogar mit dem Aschenkreuz auf der Stirn im Fernsehen aufgetreten. Ich bin gespannt, ob er noch ein ähnliches Buch wie Vance schreiben wird. Wenn er wirklich Präsident werden will, muss er nachlegen. Es gibt aber schon eine Autobiografie von ihm, in der man erfährt, dass auch Rubio ein religiöses Hybrid ist: Katholisch getauft, ging er kurzzeitig mit seiner Familie zu den Mormonen. Später besuchte er eine freikirchliche Baptistengemeinde, um dann doch wieder in die katholische Kirche zurückzukehren. Er pflegt weiter sehr gute Verbindungen in das evangelikal-protestantische Milieu. Rubios Vorteil ist, dass er als Latino einer starken ethnischen Minderheit angehört, die bei Wahlen immer wichtiger wird. Für die Republikanische Partei wäre er eine ernstzunehmende Alternative, weil er in größerem Maße für die ethnische Vielfalt der USA steht.

Oft stimmen die US-Wähler ja mit Blick auf ihren Geldbeutel ab. Nun steigen die Lebenshaltungskosten immer mehr, auch durch den Irankrieg. Wird die Religion bei künftigen Wahlen überhaupt ein Faktor sein?

Auf jeden Fall. Religion hängt ja auch viel mit Wirtschafts- und Familienpolitik zusammen. Sie ist ein wichtiger Faktor der amerikanischen Politik insgesamt. Und Religion kann auch positive Effekte auf das Leben der Menschen haben. Sie kann über Schichten und Generationen hinweg zusammenführen, vor allem in einer gespaltenen Gesellschaft. Wenn sich Afroamerikaner, Weiße, Asiaten und andere Minderheiten zu einem Sonntagsgottesdienst in ihrer Kirchengemeinde versammeln, ist das ein Beispiel ethnischer Vielfalt, das Seinesgleichen sucht.

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Themen & Autoren
Maximilian Lutz J. D. Vance

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