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Robert Barron und das Lob des mangelnden Mitgefühls

Der medienaffine US-Bischof tickt politisch anders als die meisten seiner Mitbrüder. Das zeigt sich auch in seiner Laudatio eines eher krawalligen Marketingprofessors.
Robert Barron mittig, rechts Trump
Foto: IMAGO/ANNA ROSE LAYDEN (www.imago-images.de) | Eine gewisse Nähe ist da: Bischof Robert Barron spricht auf Donald Trumps Nationalem Gebetstag.

Er ist interessant, weil er anders tickt: Auch in Deutschland halten viele Katholiken große Stücke auf den Bischof von Winona-Rochester, Robert Barron. Seine auf sozialen Medien verbreiteten Sonntagspredigten hören Millionen, Barron hebt sich aber auch politisch von den meisten seiner Amtsbrüder ab: Als (viel kritisiertes) Mitglied in der „Religionsfreiheitskommission“ des Weißen Hauses ist er sich nicht zu schade, der Trump-Regierung zuzuarbeiten.

Eine interessante Positionsbestimmung, gerade im Vergleich zum deutschen Episkopat, offenbart jetzt einer seiner Posts auf der Plattform „X“. Barron lobt darin das neue Buch des Marketing-Professors Gad Saad. Der Kanadier ist im inneramerikanischen Kulturkampf recht eindeutig zu verorten: als anti-woker Vordenker, dessen Thesen sich vor allem Elon Musk zueigen gemacht hat. Der offizielle Amazon-Klappentext seines Buches „Suicidal Empathie“ (selbstmörderisches Mitgefühl), erschienen Mitte Juni, fängt folgendermaßen an: „Was passiert, wenn eine Gesellschaft das Opferdasein zur Tugend erhebt und beschließt, dass Bestrafung grausam ist? Dann entsteht jene Krankheit, die Dr. Gad Saad als „suizidale Empathie“ bezeichnet. Und der Westen könnte bereits unheilbar davon befallen sein. In seinem neuen Buch „Suicidal Empathy“ übt Saad scharfe Kritik an dem maladaptiven, irrationalen Altruismus, der unsere Kultur erfasst hat.“

Irrationaler Altruismus, suizidales Mitgefühl? Starker Tobak, und klingt erst mal nicht nach einem Problem, über das Jesus sich groß Gedanken gemacht hätte. Insofern nicht sofort einsichtig, dass ein katholischer Bischof sich mit derartiger Gesellschaftskritik gemein machen würde. So sieht es etwa auch der Fuldaer Bischof und DBK-Vize Michael Gerber, der vor einigen Monaten gerade mahnend darauf hinwies, dass Elon Musk die Empathie (im Anschluss an Saad) als „fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation“ bezeichnet habe. Was dem Deutschen ein Zeichen von herzlosem Ungeist, gehört für Barron jedoch zu den „besten Entlarvungen des Wahnsinns, der im Kern der „Woke“-Philosophie steckt.“

Empathie ist nicht gleich Liebe

Wie kommt der US-Bischof zu dieser Einschätzung? Für Saad sei, referiert Barron zustimmend, „die Empathie – an sich eine absolut anständige Eigenschaft – so maßlos übertrieben worden, dass sie Wahrheit, Realität und Gerechtigkeit bedroht.“ Dafür gebe es „Beispiele zuhauf“: „Damit sie sich nicht schlecht fühlen, lassen wir zu, dass biologische Männer im Frauensport antreten und die Träume Tausender junger Frauen zunichte machen; um das Selbstwertgefühl von Minderheiten nicht zu untergraben, gestatten wir unqualifizierten Kandidaten, Positionen an Universitäten und in der Unternehmenswelt zu bekleiden; damit sich jeder einbezogen fühlt, bezeichnen wir die Leistungsgesellschaft als „weißes Privileg“ usw.“

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Empathie bedeute, so Barron, „tief in die Erfahrung eines anderen einzutauchen und sich zu bemühen, die Gefühle dieser Person nicht zu verletzen.“ Das sei grundsätzlich auch eine gute Sache. Aber es sei nicht dasselbe wie Liebe. Liebe aber sei es, zu der Jesus aufrufe. Gott sei die Liebe, nicht das Mitgefühl. Der entscheidende Unterschied: Die Liebe sei – im Anschluss an Thomas von Aquin – das Wohl des anderen zu wollen. Dazu aber könne es sehr wohl gehören, dessen Gefühle zu verletzen. Wenn ein Lehrer eine schlechte Note vergebe, sei das eben eine ehrliche Bewertung der Leistung des Schülers, die vielleicht sogar ansporne. Oder auch: „Wenn ein Priester im Beichtstuhl einem Mörder rät, sich der Polizei zu stellen, macht er diesem Menschen zweifellos das Leben schwerer, aber er will damit auch das Wohl des Mannes.“

Offenkundig, dass in der Empathiefrage Theologie und Politik miteinander in Berührung kommen. Wenige Politiker kommunizieren so rüpelhaft, und damit wenigstens vordergründig so unempathisch wie Donald Trump. Damit – im Namen der echten Liebe? – kein größeres Problem zu haben, ist vielleicht Voraussetzung für Barrons relatives Näheverhältnis zum US-Präsidenten. Genauso ließe sich so andererseits auch begründen, warum deutsche Bischöfe in den letzten Jahren teils durchaus ein Näheverhältnis zu woken Positionen einnahmen. Aber das ist eine Geschichte für sich.

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