Zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September wird Donald Trump nicht in New York sprechen, sondern am Pentagon, wo ihm die Bühne für eine Rede offensteht, die die überparteiliche Gedenkstätte in Manhattan seit 2012 Präsidenten grundsätzlich verwehrt. Für Trump ging es wieder einmal nur um sich selbst, nicht um die Opfer und schon gar nicht um die historische Dimension dieses Tages, der die Vereinigten Staaten grundlegend verändert und ihre Politik bis zum Abzug der US-Truppen aus Afghanistan vor fünf Jahren einschneidend geprägt hat. Mit der Entscheidung von George W. Bush am Morgen nach den verheerenden Anschlägen, in einen „Krieg gegen den Terror“ zu ziehen, sollten die 2.977 Menschen gerächt werden, die tags zuvor getötet worden waren.
Bush entschied sich nicht für eine polizeilich-geheimdienstliche Antwort auf den Terror, sondern für zwei Kriege. Afghanistan galt dabei völkerrechtlich als Grenzfall, aber als noch akzeptierte Form der Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta, auch wenn der Sicherheitsrat die Invasion nie ausdrücklich mandatierte. Anders zwei Jahre später der Irak: Als Bush 2003 einmarschierte, tat er das explizit gegen den erklärten Willen Frankreichs und Deutschlands, die im UN-Sicherheitsrat vor genau diesem Krieg gewarnt hatten. Die Behauptung, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, entpuppte sich später als Lüge.
Der Patriot Act weitete die Überwachungsbefugnisse des Staates aus
Der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sprach abschätzig vom „alten Europa“, als wären Skepsis und diplomatische Vorsicht ein Zeichen von Schwäche und nicht von historischer Erfahrung. Diese transatlantische Verwerfung wurde erst wieder zugeschüttet, als Barack Obama 2008 George W. Bush als Präsident ablöste. Bis dahin herrschte Eiszeit zwischen „alter“ und „neuer“ Welt.
Im Inneren des Landes vollzog sich gleichzeitig eine andere Verschiebung. Der Patriot Act weitete die Überwachungsbefugnisse des Staates aus, in einem Ausmaß, das noch Jahre später, etwa durch die Enthüllungen Edward Snowdens, für Empörung sorgen sollte. Zugleich entlud sich in der amerikanischen Gesellschaft ein Generalverdacht gegen alles, was arabisch oder muslimisch aussah oder klang. Die Zahl der als Hasskriminalität registrierten Übergriffe gegen Muslime und Menschen, die dafür gehalten wurden, etwa Sikhs mit Turban, stieg ab dem Jahr 2001 sprunghaft an und blieb auf Jahre hinaus auf einem Niveau, das es vorher nicht gegeben hatte. Guantánamo Bay, eröffnet Anfang 2002 als rechtliches Niemandsland außerhalb der amerikanischen Verfassung, und die Bilder aus dem US-Foltergefängnis Abu Ghraib zwei Jahre später beschädigten das Ansehen der Vereinigten Staaten als Anwältin von Recht und Menschenwürde, gerade in der islamischen Welt. Auch Barack Obama schloss das umstrittene Lager entgegen seinem Wahlkampfversprechen nicht. Noch heute sitzen 15 Gefangene dort ohne rechtsstaatliches Verfahren ein.
Barack Obama beendete die Erzählung vom „Krieg gegen den Terror“ gegen eine „Achse des Bösen“ zwar rhetorisch, führte den Krieg selbst aber in neuer Form weiter, mit einem Drohnen-Programm, das in Pakistan, Jemen und Somalia Ziele tötete, oft ohne dass der amerikanischen Öffentlichkeit die Ausmaße bewusst waren. Afghanistan wurde zum längsten Krieg der amerikanischen Geschichte, ein Nation-Building-Projekt, das zwei Jahrzehnte und über zwei Billionen Dollar verschlang, um 2021 in einem chaotischen Abzug zu enden, der die Taliban binnen weniger Tage wieder an die Macht brachte. Dabei kommen Militärexperten und Historiker zunehmend zu dem Schluss, dass sich Washington nach der Liquidierung von Osama bin Laden, dem Architekten von 9/11, im Jahr 2011 in Pakistan aus Afghanistan hätte zurückziehen sollen.
Trump leitet keine Abkehr von den „Forever Wars“ ein
Doch anstelle dieses besonnenen Endes kam es zu den „Forever Wars“, den unendlichen Kriegen am Hindukusch und im Zweistromland. Donald Trump nutzte die Kriegsmüdigkeit der US-Bevölkerung in seinen Wahlkämpfen 2016 und 2024. Eine ganze Generation amerikanischer Soldaten kehrte aus Kriegen zurück, mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Suizidraten, die die Zahl der Kriegstoten um ein Vielfaches übersteigen. Dass Trump nun, trotz anders lautender Versprechen, einen neuen Krieg vom Zaun gebrochen hat, der das Potenzial hat, in einen weiteren „Forever War“ der USA zu morphen, wird mehr und mehr in seinem MAGA-Lager als enttäuschend registriert.
Trump ist es also, anders als beispielsweise von seinem Vizepräsidenten J.D. Vance vollmundig behauptet, eben nicht gelungen, hier eine Kehrtwende einzuleiten, im Gegenteil. Trump, der sich vor dem Militärdienst gedrückt hat, muss nun den Tod von Soldaten verantworten. Und einmal mehr hat ein US-Präsident als Kriegsziel den „Regime Change“ ausgegeben, also den Sturz einer Diktatur mit dem Ziel, den Iran zu demokratisieren. Das hat im Irak nicht funktioniert und in Afghanistan auch nicht. Auch der von Trump massiv kritisierte, gescheiterte Abzug der US-Truppen aus Afghanistan unter seinem Vorgänger Joe Biden wird einmal mit dem Ende des von dem New Yorker Immobilien-Entwickler gestarteten Iran-Krieges verglichen werden.
Unter Donald Trump setzt sich die rassistische Ausgrenzungspolitik der Ära Bush gegen Muslime fort: Im Jahr 2017 verbot seine Administration eine Einreise von Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern: Irak, Iran, Libyen, Somalia, Sudan, Syrien, Jemen. Im Wahlkampf schlug er ein Register für alle im Land lebenden Muslime und eine umfassende Überwachung von Moscheen vor.
Die Vereinigten Staaten haben das Trauma 9/11 nicht verarbeitet
In New York selbst erinnern die beiden Brunnenbecken, die den Namen „Reflecting Absence“, „Spiegelung des Fehlens“, tragen, an die Wunde, die 9/11 in der weltoffenen Metropole gerissen hat. An der Stelle der einstigen Twin Towers fließt Wasser ruhig und gleichmäßig zehn Meter hinab in die Tiefe. Die Namen der Opfer sind an dem Mahnmal eingraviert. Sie werden jedes Jahr bei der zentralen Gedenkveranstaltung am 11. September am Ground Zero verlesen. Das ist der zentrale Punkt der Veranstaltung, der mehrere Stunden in Anspruch nimmt, und nicht eine politische Rede. In der Nacht dann erhellen Strahlen den Himmel über New York, die als „Tribute of Light“ an der Stelle der Twin Towers hinaufragen.
Auf dem gesamten Globus können sich Menschen erinnern, wo sie an jenem Schicksalsmorgen waren, als die Nachricht vom Einschlag des ersten Flugzeugs in das World Trade Center über die Ticker ging. Es folgte der zweite Flieger, live übertragen von CNN, und die erschütternden Bilder von Menschen, die aus Verzweiflung aus den Türmen in den Tod sprangen. Kurz darauf die Nachricht vom Angriff auf das Pentagon, gefolgt vom Kollaps der beiden Türme und schließlich von dem United-Flug, dessen Passagiere die Maschine selbst in den Boden stürzten, um ein weiteres Massaker durch islamistische Terroristen zu verhindern. Noch Monate später standen in der Grand Central Station, einem der zentralen Bahnhöfe der Stadt, Pinnwände mit Fotos und Vermisstenmeldungen von verzweifelten Angehörigen, die hofften, so ihre Lieben, die an jenem Morgen im World Trade Center gewesen sein mussten, doch noch zu finden.
New York, die glitzernde und schnelle Metropole, hat das Trauma hinter sich gelassen und ist zum normalen Leben zurückgekehrt. Die Auswirkungen jenes Tages aber prägen die Politik des Landes und die Wahrnehmung der Vereinigten Staaten in der Welt bis auf den heutigen Tag.
Dr. Alexander Görlach unterrichtet Politische Philosophie an der New York University.
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