Sonnenaufgänge faszinieren Menschen aller Generationen. Es ist dieses besondere Licht am Horizont, der Beginn eines neuen Tages, wenn die Sonne sich wie ein gewaltiger Ball aus dem Wasser hebt. Die Zeit scheint stillzustehen, wenn man diesem Naturschauspiel zusieht. Immer wieder verzaubert es einen, obwohl Sonnenaufgänge seit Milliarden Jahren jeden Morgen stattfinden. Am heutigen Tag, dem Geburtstag der Gottesmutter, wird Maria in der Liturgie als die „Morgenröte“ besungen, die, ohne Erbsünde empfangen, aufsteigt und das Kommen Jesu Christi ankündigt. Maria wusste damals noch lange nicht, dass sie eine der Hauptrollen im Drehbuch von Gottes Heilsplan übernehmen würde.
Eigentlich ist es ja nur ein Geburtstag, genau neun Monate nach dem Tag ihrer Empfängnis (8. Dezember). Aber es ist immerhin einer von nur drei Geburtstagen, die die Kirche überhaupt feiert: die Geburt Jesu, die des Täufers und eben Marias Geburtstag. Ansonsten begeht die Kirche vor allem die Todestage von Heiligen; und ja, diese etwas morbide anmutende Tradition macht theologisch durchaus Sinn.
Warum heißt sie Morgenröte?
Die Morgenröte kündigt nicht sich selbst oder ihr eigenes Licht an, sondern das der aufgehenden Sonne. Sie ist also nur Vorbotin, genauso wie Maria es war. Und doch war, was sie tat, nicht unerheblich. Ohne sie hätte es Jesus nicht gegeben. Keine andere hätte sie ersetzen können. Der Erzengel wäre nicht zur nächsten und übernächsten gepilgert, in der Hoffnung auf ein Ja. Gott hat Maria bereits so geschaffen, dass sie wie keine andere diese ihr zugedachte Aufgabe erfüllen konnte. Sie als die, die ohne Erbsünde war, konnte den neuen Bund durch das Licht der Welt ankündigen.
Doch zurück zu Maria: Wie bei Jesus und Johannes dem Täufer kam mit Maria etwas Neues und Großartiges in die Welt: der Beginn der Erlösung der Welt durch Christus, das „Licht der Welt". Sie sprach das Ja, das alles veränderte – wenn auch anders, als die Menschen sich das vorgestellt hatten: Die Römer wurden schließlich nicht ausradiert. Maria ist bis heute eine mächtige Fürsprecherin am Thron des himmlischen Abbas, häufig unterschätzt oder sogar missachtet.
Woher wissen wir das eigentlich?
Dass Maria die Tochter von Joachim und Anna war, wissen wir aus den Apokryphen – Schriften, die zwar nicht in den biblischen Kanon aufgenommen wurden, aber wertvolle Zeugnisse der frühchristlichen Überlieferung darstellen. Das Prinzip „Sola Scriptura“ (allein durch die Schrift) existiert in der katholischen Kirche nicht. In der frühen Kirche wurde der Glaube rein mündlich weitergegeben. Welche frühchristlichen Schriften in die Bibel aufgenommen wurden, entschieden Bischöfe und Konzilien erst Jahrhunderte nach Jesu Tod. Auch die Bibel selbst sagt nirgendwo, dass sie die einzige Quelle des Glaubens sei.
Die katholische Kirche stützt sich auf das eine Wort Gottes, das uns durch die Heilige Schrift und die Heilige Tradition überliefert und durch das Lehramt ausgelegt wird. Dennoch ignoriert sie andere Schriften nicht, die wichtige Zeugnisse der frühchristlichen Überlieferung sein können. Dazu gehört das Protoevangelium des Jakobus, aus dem die christliche Überlieferung die Namen der Eltern Marias, Joachim und Anna, kennt.
Der Stammbaum: mehr als Pflichtlektüre
Marias Geburt wird in der Bibel nicht erzählt, aber ihr Name begegnet uns im Stammbaum Jesu, der den Großteil des heutigen Evangeliums ausmacht. Nicht, damit Katholiken endlich im Schlaf aufsagen können, wer auf wen folgt, sondern unter anderem, um deutlich zu machen, dass Josef der gesetzliche Vater Jesu und Jesus damit offiziell sein Sohn war. Darum heißt es, Jesus sei aus dem Stamm Davids hervorgegangen.
Außerdem tauchen neben Maria auch Tamar, Rahab, Rut und die Frau des Uria im Stammbaum auf – für die damalige Zeit bemerkenswert, denn Frauen kamen darin sonst kaum vor. Nicht alle der genannten Frauen stammen aus Israel, womit angedeutet wird, dass Jesus nicht nur für die verlorenen Schafe des Volkes Israel kommen würde. Seine Geschichte reicht weit zurück: in die Geschichte eines Gottes, der sich sein Volk – und am Ende die ganze Menschheit – auf unglaublich verschlungenen Wegen und Irrwegen zusammensucht.
Feiern im Himmel wie auf Erden
Maria war in dieser Geschichte die Morgenröte am Horizont. In der Tradition findet sich ihr Geburtstag auch in zahlreichen Bauernregeln wieder. Um den 8. September herum beginnt die Zeit des Vogelzugs: Die Schwalben brechen Richtung Süden auf, während in den Bergen beim traditionellen Almabtrieb die Kühe talwärts ziehen. Der Sommer geht in den Herbst über, und in vielen Regionen startet die Herbstaussaat – für Bauern beginnt heute der landwirtschaftliche Herbst. Hasel- und Walnüsse gelten als ausgereift.
Währenddessen findet im Himmel heute vermutlich eine große Feier zu Ehren der Gottesmutter statt. Und es gibt keinen Grund, warum Christen hier auf Erden den Festtag nicht auch irgendwie begehen könnten. Der Himmel ist geöffnet: So wie aus dem Himmel Gnaden und andere Geschenke auf die Menschen herabregnen, kann auch der Mensch Geschenke nach oben schicken – zum Beispiel ein Ave für die Muttergottes. Portokosten: der zeitliche Aufwand.
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