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Am Kreuz: ein König

Lucca ist eine eher unbekannte Perle der Toskana. In der Kathedrale San Martino hängt das älteste Holzkruzifix des Westens: der Volto Santo.
Cattedrale di San Martino
Foto: Wikimedia Commons | Die Kathedrale San Martino samt Campanile in Lucca.

Wer nach Lucca kommt, betritt keine laute italienische Bühne, die Stadt wirkt eher wie eine bewahrte Erinnerung: umschlossen von ihren vollständig erhaltenen Mauern, geprägt von Romanik, Renaissance und einer eigensinnigen republikanischen Geschichte. Lucca war lange unabhängig, widerständig, fromm – und blieb sich selbst treu. Diese Haltung spürt man bis heute: in den Gassen, im Glockenklang, im Schatten der Loggien.

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Lucca hat heute fast 90 000 Einwohner und liegt nordöstlich von Pisa und etwa 20 Kilometer von der toskanischen Küste mit dem Tyrrhenischen Meer entfernt. Einst ein Zentrum der Luxusstoffindustrie und dadurch zu Wohlstand gekommen, wurde nach 1300 auch die Papierindustrie eine bedeutende Säule der Wirtschaft – bis heute. Und Lucca lebt vom Fremdenverkehr und ist mit Stolz die Geburtsstadt des Komponisten Giacomo Puccini, dessen Opern das menschliche Gefühl bis an die Grenze des Erträglichen führen. Doch vor aller Musik steht hier der Stein, vor allem der sakrale Stein: Kirchen, Baptisterien, Reliquien, Bilder und Zeichen des Glaubens durchziehen die Stadt wie ein zweites Straßennetz.

Der Rundgang beginnt auf den Renaissance-Stadtmauern, ein bis heute sehr gut erhaltener Befestigungswall, der im 16. und 17. Jahrhundert angelegt wurde. Er ist heute ein Park, ein grüner Ring, von dem aus man die Türme, Dächer und vielen Campanile sieht. Von hier steigt man hinab in die Altstadt, vorbei an der Piazza San Michele, der Piazza dell’Anfiteatro – oval, lebendig, auf den Fundamenten eines römischen Amphitheaters – und weiter Richtung Kathedrale.

Zwischen Cafés, kleinen Trattorien und Feinkostläden kann man eine einfache und herzhafte Küche erleben: Tordelli lucchesi, gefüllt mit Fleisch; Rovelline (Rindfleischscheiben in Tomatensoße), Buccellato (ein Hefegebäck mit Anisgeschmack), Farro-Suppe aus der nahen Garfagnana mit Dinkel, Bohnen und Gemüse; Kastanienmehl, mit dem die leckeren Castagnaccio-Kuchen gebacken werden, Olivenöl, Rot- und Weißweine aus der toskanischen Hügellandschaft Colline Lucchesi.

Die Cattedrale di San Martino aus dem 8. Jahrhundert besticht durch eine asymmetrische Fassade, reich geschmückte Säulen, Arkaden und Reliefs. Eine Besonderheit ist auch das marmorne Labyrinth aus dem 12. Jahrhundert, welches sich außen, am rechten Bogen der Fassade, befindet. Es ist ein Symbol für die irdische Pilgerreise und den Glaubensweg.

Das geheimnisvolle Antlitz Christi

Im rechten Seitenschiff befindet sich das bedeutendste Heiligtum Luccas: das Volto Santo, ein großes hölzernes Kruzifix aus dem 8. Jahrhundert, „das älteste des Westens“, wie ein Kirchenführer den Besuchern erklärt. Christus ist hier nicht als leidender Gekreuzigter dargestellt, sondern als König: bekleidet, aufrecht, mit offenem Blick. Der Legende nach wurde das Kreuz von Nikodemus selbst geschnitzt und auf wundersame Weise nach Lucca gebracht. Über 1 200 Jahre hinweg war das Volto Santo Ziel von Pilgern aus ganz Europa. Am 24. September 1989 kniete Papst Johannes Paul II. vor ihm nieder.
Heiliger Regulus und „Altar der Freiheit“
In der Sakristei befindet sich eines der berührendsten Grabmäler der italienischen Kunst: das Grabmal der Ilaria del Carretto, geschaffen 1406 von Jacopo della Quercia. Ilaria, aus einem ligurischen Adelsgeschlecht, starb mit nur 26 Jahren. Der Sarkophag zeigt sie wie schlafend. Das Gesicht ist ruhig, beinahe lächelnd, die Hände gefaltet. Zu ihren Füßen liegt ein Hund – Symbol der ehelichen Treue. Die Schönheit dieser Darstellung ist überwältigend: Jugend, Tod und Liebe liegen hier untrennbar nebeneinander.

Die „Kreuzabnahme“ von Nicola Pisano aus dem 13. Jahrhundert verbindet noch romanische Strenge mit einer neuen, menschlichen Körperlichkeit. Das Gemälde „Madonna mit Kind und den Heiligen Stephanus und Johannes dem Täufer“ von Fra Bartolomeo zeigt eine ruhige, ausgewogene Heiligkeit – ohne Pathos, aber voller innerer Sammlung. Hinzu kommt das „Letzte Abendmahl“ (1594) von Jacopo Tintoretto, das die Bedeutung der Eucharistie dramatisch und bewegungsreich ausdeutet. Die stillende Mutter im Vordergrund ist ein Symbol für die geistige Nahrung von Christi Leib und Blut. Und die Tafel der „Sacra Conversazione“ (1479) von Domenico Ghirlandaio darf zu Recht als ein Meisterwerk der florentinischen Kunstszene jener Zeit gelten, die den Himmel fast beiläufig in den Alltag hineinholt.

Volto Santo Lucca
Foto: Rocco Thiede | Der Volto Santo ist ein lebensgroßes Kruzifix aus dem 8. Jahrhundert.

Im Dom befinden sich unter einem Altar (1484) von Matteo Civitali die sterblichen Überreste des Heiligen Regulus, eines frühchristlichen Märtyrers. Sein Kult reicht tief in die Geschichte Luccas zurück und verbindet die Stadt mit den Anfängen des Christentums in der Toskana. Der „Altar der Freiheit“ (1579) von Giambologna mit seinen dynamischen Skulpturen erinnert an die Befreiung Luccas von der Herrschaft Pisas im Jahr 1369. Es war nun eine unabhängige Stadtrepublik, die bis zur Zeit Napoleons ihre Libertas auf ihre Fahnen schrieb. Noch heute wird am Sonntag nach Ostern dieses Ereignis gefeiert – als geistlich-politisches Gedächtnis einer Stadt, die ihre Unabhängigkeit als Gabe verstand.

Der Aufstieg auf den Campanile mit seinen 217 Stufen ist anstrengend, aber lohnend. Oben hat man nicht nur einen guten Blick auf die Domdächer und gedrechselten Säulen sowie die „Torres“ und roten Ziegeldächer der Stadt, von hier kann man auch gut das rechtwinklige römische Straßennetz erkennen, das seit der Antike besteht. Dahinter erstrecken sich die Berge der Toskana mit den Apuanischen Alpen und bis zu 2 000 Meter hohen Gipfeln. Die Glocken hängen nah – man spürt ihre Macht, ihren Ruf, der seit Jahrhunderten denselben Rhythmus vorgibt.

Empfohlen wird ein Kombi-Ticket, welches eine Besichtigung des Domes, des Baptisteriums und des Kathedralmuseums ermöglicht. In letzterem werden kostbare religiöse Stücke hinter Panzerglas bewahrt: wie die Krone des Volto Santo, seine Schuhe und Halsschmuck; zudem ein Reliquienbehälter des Heiligen Sebastian von 1492; Bischofsgewänder und prächtige Pluviale. Hinzu kommen eine Pietà aus dem 16. Jahrhundert, ein Kopf Johannes des Täufers aus derselben Zeit, ein Bischofskopf aus dem 11. Jahrhundert sowie wertvolle Psalter und Pergamente aus der Zeit von Papst Gregor IX.

Zwölf Jahrhunderte unter dem Boden

Das Baptisterium und die Kirche Santi Giovanni e Reparata führen tief in die Geschichte: archäologische Ausgrabungen zeigen Schichten von über zwölf Jahrhunderten. Ein Brunnen aus dem zwölften Jahrhundert, ein frühchristliches Baptisterium aus dem vierten und fünften Jahrhundert – und eine kleine Sonderschau zur Begräbniskultur sowie zur Innung der Bestatter machen sichtbar, wie eng Leben, Tod und Glaube verbunden waren.

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Ein überraschender Kontrast ist die Lucca Comics & Games Messe, die seit 1965 jedes Jahr im November stattfindet und die zweitgrößte ihrer Art weltweit ist. Hunderttausende, meist junge Menschen aus aller Welt feiern dann in der Stadt ein farbenfrohes Fest der Fantasie, während dessen die Innenstadt komplett für den Autoverkehr gesperrt ist.


Der Autor ist studierter Geisteswissenschaftler und gelernter Journalist.

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