Die Osternacht 2026 wir Sophia Maria Krug nie vergessen. An jenem Abend wurde die 18-Jährige im Kölner Dom getauft. „Ich liebe Tulpen, und dann komme ich zur Taufe in den Kölner Dom und das ganze Taufbecken ist mit Tulpen geschmückt“, erinnert sich Sophia Maria noch immer begeistert an ihre Aufnahme in die katholische Kirche. Zum christlichen Glauben fand sie über den Umweg Schule: Ausgerechnet eine muslimische Lehrerin hatte Sophias Klasse angeboten, jeweils vor den Mathematik-Klausuren mit den Schülern zu beten. Zunächst habe sie es nicht gemocht, später dann aber durchaus zu schätzen gelernt, da ihr das Gebet geholfen habe. Später beschäftigte sie das Thema Beichte sehr. Als sie spontan einmal im Kölner Dom beichten wollte, sei sie zunächst von Domvikar Jörg Stockem an die Glaubensstelle „Fides“ verwiesen worden, die im Erzbistum Köln Taufkurse anbietet.
Während des Gesprächs in der Kölner Altstadt sind immer wieder Glocken der nahe gelegenen Kirche Groß St. Martin zu hören: „Wenn die Glocken läuten, ist immer irgendwo ein Gottesdienst“, erinnert sie. Sophia hat ihren Glauben im wahrsten Sinne immer vor sich liegen, so hat sie auch zum Treffen wie selbstverständlich ihre Bibel mitgebracht. Diese ist durchsetzt mit Post-its zu Versen, die sie bewegen. Doch unter all den Versen sticht insbesondere Matthäus 7,7 deutlich hervor: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet.“ Hierzu kennt sie sogar ein Zitat: „Bevor der Herr einen Esel zum Ziel bringen kann, muss sich dieser erst einmal bewegen.“
Sophia erzählt offen von ihrem überwiegend atheistisch geprägten Umfeld. Sehr viele ihrer Bekannten praktizieren nicht. Immerhin respektieren die Eltern den Glauben ihrer Tochter, auch wenn sie ihn nicht teilen. Sie sei eben, so habe es ihr auch der Taufkurs vermittelt, „ein katholisches Einhorn“ in ihrem Umfeld. Sophia hat eine sichtbare Leidenschaft für Rosenkränze: Einen trägt sie am Handgelenk, den anderen, ein Taufgeschenk, in einer kleinen Schatulle. In ihrer Freizeit bastelt sie auch gerne Rosenkränze. Ohnehin gilt ihre Verehrung vor allem der Muttergottes, aber auch der heiligen Therese von Lisieux und der heiligen Teresa von Ávila. Der Gottesmutter zu Ehren hat sie Maria als ihren Zweitnamen angenommen. Sie möchte ihn auch so bald wie möglich im Personalausweis nachtragen lassen. Es sei für sie eine Selbstverständlichkeit, sich auf diese Weise zur Muttergottes zu bekennen, erzählt sie. Zu den Frauen, deren Glaubenszeugnis sie begeistert, gehört auch die ehrwürdige Dienerin Schwester Clare Crockett (1982–2016), die während eines Erdbebens in Ecuador im April 2016 bei dem Versuch, fünf Schülerinnen ihrer Ordensschule zu retten, selbst ums Leben kam. Für sie ist ein Seligsprechungsprozess eingeleitet worden.
Der Glaube lindert auch ihre Krankheit
Sophia Maria hat Pläne für ihre Zukunft. Nach dem Abitur möchte sie eine Ausbildung zur Küsterin in ihrer Gemeinde machen. Und sie will Zeit im Kölner Dom verbringen. In die Sakramentskapelle der Kathedrale zieht sie sich gern zum Gebet zurück. Die junge Frau, bei der unter anderem ADHS sowie das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde, führt ihre Entscheidung, sich taufen zu lassen, keineswegs auf eine vorübergehende Stimmung zurück. Auch von der Spontaneität, die für Betroffene der bei ihr diagnostizierten Syndrome typisch ist, grenzt sie ihren Weg zur Taufe ab. Einer 2012 im Wissenschaftsjournal PLOS One veröffentlichten Studie zufolge ist es für Asperger-Autisten wie Sophia Maria eher schwierig, einen Zugang zu Jesus Christus zu finden, da es ihnen schwerer als anderen fällt, das komplexe Verhalten Jesu und seine irritierenden Entscheidungen nachzuvollziehen.
Sophia Maria verweist darauf, dass ihr Weg in die katholische Kirche immerhin drei Jahre gedauert habe und es ihr aufgrund ihrer regelmäßigen Kirchgänge nun psychisch deutlich besser gehe als zuvor. Das deckt sich mit den Beobachtungen eines Teams des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit der Ruhr-Universität in Bochum. Religiöser Glaube ist einer im Frühjahr veröffentlichten Studie zufolge ein entscheidender Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Das Forscherteam hatte dafür Daten aus 70 Ländern auf allen Kontinenten zwischen 1989 und 2022 analysiert. Auch Sophia Maria kann bestätigen, dass die Symptome bei ihr deutlich abklangen, während sie ihren geistlichen Weg zur Kirche ging. In ihrem Umfeld dient die 18-Jährige auch als Vorbild. So wie der auferstandene Christus Maria Magdalena am Ostermorgen verwandelt hat, so hat er auch Sophia Maria ein neues Leben geschenkt.
Der Autor gehört zu den „Jungen Federn“ dieser Zeitung.
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