Bruder Andreas, Sie leben in einem säkularisierten Umfeld, in dem Getaufte in der Minderheit sind. Haben Sie schon einmal einen Menschen persönlich ermutigt, Jesus kennenzulernen?
Ich habe in Leipzig einige Jahre im Montessori-Schulzentrum, das in katholischer Trägerschaft ist, ehrenamtlich als Schulseelsorger gearbeitet. Es gab viele Gelegenheiten, Schülerinnen und Schüler wie auch den Eltern von Jesus und dem Evangelium zu erzählen. Auch als Gefängnisseelsorger konnte ich bei Gottesdiensten oder in einem Bibelkreis Menschen, denen das Evangelium völlig unbekannt war, die Person Jesu und seine Botschaft näher bringen.
Die kleinen Brüder vom Evangelium leben in sozial schwachen Vierteln am Rand der Gesellschaft. Wie würden Sie Ihren missionarischen Auftrag beschreiben?
Unsere Gemeinschaft versteht sich nicht als missionarischer Orden im klassischen Sinn. Wir orientieren uns am heiligen Charles de Foucauld, der das Evangelium durch sein Leben bezeugen wollte, und zwar durch das solidarische Mitleben und die Freundschaft mit den Menschen am Rand. Durch unser Engagement, etwa in der Nachbarschaftshilfe oder in der Flüchtlingsarbeit, sind wir ganz unspektakulär präsent. Uns ist das Evangelium vom Sauerteig wichtig, der sich untermischen lässt und dadurch den ganzen Teig durchsäuert.
Der biblischen Überlieferung zufolge hat Jesus die Menschen angesprochen und zur Nachfolge eingeladen. Wie zeitgemäß ist das Vorbild Jesu für Getaufte?
Jesus ist und bleibt Zentrum unseres Glaubens. Dabei geht es vor allem um eine persönliche Beziehung zu Jesus, um eine Freundschaft. Diese kann vor allem durch das Lesen und Meditieren des Evangeliums wachsen. Wer so mit der Person Jesu immer mehr vertraut wird, kann dann auch für sein konkretes Leben die Frage stellen: Was würde Jesus mir jetzt raten? Wie würde er handeln? Eine solche aus dem Gebet erwachsene Orientierung an Jesus kann uns als Getauften gerade heute Zuversicht, Freude und Hoffnung schenken.
In den vergangenen Jahren haben einige deutsche Bistümer Formate umgesetzt, die sich teilweise auch in der Ökumene bewährt haben: Alphakurse, Church planting, Adoratio, Fokus-Missionare. Inwieweit wird das dem biblischen Missionsauftrag gerecht?
Mission ist ein weites Feld. Und da haben je nach Kontext ganz verschiedene Formate ihren Sinn. Im Evangelium selbst finden sich die unterschiedlichsten Situationen: Die Aussendung der Jünger, das Reich Gottes zu predigen, indem sie heilend und versöhnend wirken. Das Staunen darüber, dass der Glaube beim heidnischen Hauptmann schon da war – und nicht erst gepredigt werden musste. Das Bild vom verborgenen Wirken des Sauerteigs und vom Licht, das allen leuchtet.
Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige äußerte sich unlängst skeptisch über Strategien und Methoden zur Evangelisierung und befürchtete, Menschen könnte das Evangelium „übergestülpt“ werden. Wie hoch ist aus Ihrer Sicht das Risiko, dass in der katholischen Kirche in Deutschland ein missionarischer Überdruck entsteht?
Für mich ergibt sich der missionarische Impuls aus der Erfahrung, dass ich beschenkt bin. Und ich möchte den Schatz des Evangeliums nicht für mich behalten, sondern ihn mit anderen teilen. Hier stellt sich dann die Frage, in welcher Weise ich andere mit dem Evangelium vertraut machen will. Der erste Petrusbrief betont, dass die Getauften in einem nichtchristlichen Umfeld durch ein vorbildliches Leben Zeugnis geben sollen. Sie sollen den anderen respektvoll und bescheiden begegnen und ihnen Antwort geben, wenn sie nach dem Grund ihrer Hoffnung gefragt werden. Dieser Hinweis zielt auf eine sehr diskrete und dialogische Form von Mission.

Einen missionarischen Überdruck nehme ich in meinem Umfeld und auch in Deutschland insgesamt nicht wahr. Es gibt aber durchaus Strategien und Methoden zur Evangelisierung, an die ich Anfragen habe. Wenn etwa in einer eher belehrenden Form Glaubenswissen vermittelt werden soll. Oder wenn Großveranstaltungen, die der Evangelisierung dienen, von einer starken Event-Stimmung geprägt sind. Für mich liegt der Prüfstein dann im gewöhnlichen Alltag: Kann die Begeisterung eines Glaubensfestes in die kleine Münze meiner täglichen Arbeit und Beziehungen umgewechselt werden? Wie wirkt sie sich auf mein Konsumverhalten, mein ehrenamtliches Engagement, auf meine Gebetspraxis aus?
Welche gelungenen Beispiele stehen Ihnen vor Augen, wenn Sie „Evangelisierung“ oder „Mission“ hören?
Ich denke besonders an die kirchlichen Schulen in den neuen Bundesländern, wo auch viele nicht getaufte Schülerinnen und Schüler wie auch Lehrer mit der Botschaft der Kirche in sehr positiver Weise in Berührung kommen. Auch die „religiöse Kinderwoche“ ist für mich ein schönes Beispiel, wie die Botschaft der Bibel an die nächste Generation weitergegeben werden kann.
Ich habe in Leipzig auch erleben können, dass viele caritative Einrichtungen sehr wertgeschätzt werden und Menschen konkret erleben lassen, wie Jesus auf Kranke und Ausgestoßene zugegangen ist. Schließlich ist für mich die Nikolaikirche in Leipzig ein Beispiel, wie eine Kirche „offen für alle“ gelebt wird und wo bis heute das Montagsgebet Menschen in ihrer Hoffnung auf Frieden und in ihrem Einsatz für Gerechtigkeit bestärkt.
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