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Ein Bleistift in der Hand Gottes

Von einer, die vom Balkan auszog, um zunächst im indischen Kalkutta und schließlich weltweit den Ärmsten der Armen das Licht Gottes zu bringen.
Mutter Teresa
Foto: Manfredo Ferrari / wikimedia commons / CC-BY-SA 4.0 / https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mutter_Teresa_von_Kalkutta.jpg?uselang=de | Vor zehn Jahren heiliggesprochen: Mutter Teresa, lachend, Dezember 1985.

Als Anjeze Gonxha Bojaxhiu am 26. August 1910 in Skopje, der heutigen Hauptstadt Mazedoniens, zur Welt kam, gehörte dieser Landstrich noch zum Osmanischen Reich. Die heilige Teresa von Kalkutta ist somit im damals mehrheitlich muslimischen Üsküp geboren, als Jüngste von drei Kindern einer aus dem kosovarischen Prizren stammenden albanischen Familie. Aber es wird noch bunter beziehungsweise balkanischer: 1912 fiel Skopje/Üsküp durch den Ersten Balkankrieg an Serbien, weil aber die Familie Bojaxhiu nicht nur albanischer Nationalität, sondern auch katholischen Glaubens war, erfolgte ihre religiöse Begleitung und spirituelle Prägung durch die kroatischen Jesuiten der Region, die die Herz-Jesu-Verehrung förderten und begeisternd von ihrer Mission in Indien erzählten.

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Der Vater, Nikola Bojaxhiu, arbeitete als Apotheker und später im Baugewerbe. Er engagierte sich im Stadtrat für die albanische Minderheit. 1919 starb er nach einer Sitzung in der serbischen Hauptstadt Belgrad unter nie ganz geklärten Umständen. Sein Sohn Lazar, der später nach Italien emigrierte, war jedenfalls überzeugt, dass der Vater aus politischen Gründen vergiftet wurde. Mit seinem Tod verfiel der kleine Wohlstand der Familie rasch. Die Mutter, Drana, erzog die Kinder zu Disziplin, Fleiß, Opferbereitschaft und Askese. Die beiden Schwestern Agnes (Anjeze) und Aga gehörten der marianischen Gemeinschaft der von Jesuiten geführten Herz-Jesu-Pfarrei an.

Mit 18 Jahren folgte Agnes ihrer seit Jahren gewachsenen Berufung, „in die Welt zu ziehen und das Leben Christi den Menschen weiterzugeben“. Ohne Sprachkenntnisse, aber voll missionarischem Elan wurde sie 1928 bei den jesuitisch geprägten Loreto-Schwestern in Dublin aufgenommen und als Novizin nach Indien geschickt. Ihre Profess legte sie bereits in Kalkutta ab, der Stadt, die zu ihrem Schicksal werden sollte. Einer ihrer langjährigen geistlichen Begleiter, der österreichische Priester Leo Maasburg, erzählt, dass Mutter Teresa in späten Jahren einem indischen Nationalisten entgegengehalten haben soll: „Ich bin mehr Inderin als Sie! Ich habe mich dafür entschieden, Inderin zu sein. Sie hatten gar keine Wahl.“

Provozierende Klarheit

In Kalkutta lernte sie Bengali und Hindi, wirkte zunächst als Lehrerin und später als Direktorin an der St. Mary’s School. Doch dann trat Jesus neuerlich in ihr Leben: Auf einer Zugfahrt zu den jährlichen Exerzitien in Nordindien empfing sie ihre ganz persönliche „Berufung in der Berufung“. Es war eine mystische Begegnung mit Jesus, der sie aufforderte, sein Licht bei den Armen und Sterbenden zu sein. Sie vernahm Jesu Wort vom Kreuz herab, „Mich dürstet“, und verstand es als Aufforderung, Jesu Sehnsucht nach der Liebe der Menschen und der Rettung ihrer Seelen zu stillen. Aber Mutter Teresa lief nicht einfach davon, um in den Slums von Kalkutta ihrer neuen Berufung zu folgen. Sie klärte ihren Weg mit der Ordensleitung und dem Erzbischof von Kalkutta, bis Papst Pius XII. ihr 1948 die Erlaubnis erteilte, außerhalb des Konvents zu wirken – jedoch als Ordensschwester, unter Befolgung der Ordensregeln und im Gehorsam gegenüber dem Erzbischof von Kalkutta.

Zunächst wirkte sie alleine in den Slums, doch schon nach zwei Jahren hatte sie elf Schwestern, mit denen sie am 7. Oktober 1950 die „Missionarinnen der Nächstenliebe“ (MC) gründete. Als sie am 5. September 1997 in Kalkutta starb, bestand ihre Ordensfamilie aus fünf Kongregationen mit fast 600 Niederlassungen in 120 Ländern. Neben den aktiven Schwestern gibt es die 1976 gegründeten kontemplativen Schwestern; ebenso gibt es einen 1965 gegründeten aktiven Zweig der Brüder und einen 1979 geschaffenen kontemplativen. Die MC-Priestergemeinschaft wurde 1984 ins Leben gerufen; dazu kommt das „Corpus Christi Movement“ für Diözesanpriester, die im Geist von Mutter Teresa wirken wollen.

Am 19. Oktober 2003 wurde Mutter Teresa durch Papst Johannes Paul II., mit dem sie nahezu freundschaftlich verbunden gewesen war, seliggesprochen. Am 4. September 2016 – also vor genau einem Jahrzehnt – sprach Papst Franziskus sie heilig. Doch auch die profane Welt würdigte das jahrzehntelange aufopferungsvolle Wirken Mutter Teresas für die Ärmsten der Armen, etwa mit dem Friedensnobelpreis 1979 oder der Freiheitsmedaille der USA 1985.

Wenn sie gleichwohl in manchen Publikationen heute als „umstritten“ tituliert wird, dann beruht dies einerseits auf einem Missverständnis: Mutter Teresa verstand ihr Wirken und das ihres Ordens nie als Sozialarbeit, sondern als geistliche Berufung. Ihre liebende Zuwendung galt den von der Welt Weggeworfenen und Vergessenen, den Verelendeten und im Elend Sterbenden, eben den Ärmsten der Armen, denen sonst niemand die helfende, tröstende Hand reicht. Sie wollte nicht Systeme reformieren, sondern „nur ein kleiner Bleistift in der Hand Gottes“ sein, der „im Begriff ist, einen Liebesbrief an die Welt zu schreiben“. Andererseits aber provoziert bis heute ihr klares Eintreten für die ungeborenen Kinder, denen sie sogar eine Passage in ihrer Dankesrede für den Friedensnobelpreis gewidmet hat. Ja, sie sah in der Abtreibung den „größten Zerstörer des Friedens“. Die Aufregung darüber belegt wohl nur, dass – wie Mutter Teresa wusste – es nicht nur eine materielle Armut gibt, die der Heilung bedarf.

Buchtipps

Brian Kolodiejchuk (Hg): „Mutter Teresa. Komm, sei mein Licht“, Pattloch Verlag, München 2007.

Leo Maasburg: „Mutter Teresa. Die wunderbaren Geschichten“, Pattloch Verlag, München 2010, erweiterte Neuauflage 2016 bei Knaur.

Raghu Rai: „Mutter Teresa. Ein Leben für die Armen“, Knesebeck, München 2005. 

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Stephan Baier Erzbischöfe Exerzitien Jesus Christus Johannes Paul II. Mutter Teresa Papst Franziskus Pius XII. Päpste Schwestern

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