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Gekommen, um Gottes bedingungslose Liebe wiederzuentdecken

Passender ging es nicht: Der sechste Weltkongress der Barmherzigkeit fand dort statt, wo das Bild des barmherzigen Jesus entstand.
Erzbischof Georg Gänswein
Foto: Evgenia Levin | Wichtig waren ihm vor allem die spirituellen Angebote auf dem Kongress, wie Heilige Messe, Beichtgelegenheit, Anbetung, Glaubenszeugnisse und geistliche Gespräche, sagte Erzbischof Georg Gänswein.

Ein hellblaues Haus in Vilnius’ Stadtkern hat die Form einer Brücke. Das Haus ist die „Kapelle der Barmherzigkeit“, ein Wahrzeichen der litauischen Hauptstadt. Menschen bekreuzigen sich, während sie auf sie zulaufen. Gerade beginnt die Messe, mittig über der Straße, hinter geöffneten Balkontüren. Folgt man der Straße weiter, gelangt man zur Kathedrale. An diesem Sonntagmorgen sind weiße Zelte auf dem Vorplatz aufgebaut. Freiwillige Helfer in blauen Westen laufen hin und her. Rentnergruppen, junge Familien, Ordensschwestern und Pilger – offensichtlich aus dem Ausland – füllen nun den Platz. Weiter abseits halten sich die Malteser und die litauische Polizei bereit. Mehr und mehr Fahnen werden ausgefahren, manche bestehen aus dickem Samtstoff. Außerdem Regenschirme als Schutz gegen die Sonne. Dann beginnt die Eröffnungsmesse des „Weltkongresses der Barmherzigkeit“. Aus Salzburg sind sieben ältere Pilger angereist. Sie haben noch Sitzplätze bekommen. Eine unter ihnen hätte vergangenen Sommer in Köln eine Litauerin kennengelernt. So erfuhren sie von dem Ereignis und entschlossen sich, zu kommen, berichten sie erwartungsvoll.

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Die Idee zum „Weltkongress der Barmherzigkeit“ hatte der heilige Papst Johannes Paul II. Der erste fand 2008 in Rom statt. In diesem Jahr ist es der sechste. Er beginnt mit der Fronleichnamsprozession, im Anschluss an die Messe. Äußerst angemessen sei das, erklärt Vilnius’ Erzbischof Gintaras Grusas in der Predigt. „Die Eucharistie ist das Zentrum von Gottes Barmherzigkeit. In der Eucharistie spricht Christus nicht bloß über die Liebe. Er schenkt sich selber. Er nährt, heilt und erneuert sein Volk“, so der Vorsitzende der litauischen Bischofskonferenz. Der Platz ist so groß, dass die Gläubigen ganz hinten unter den Bäumen ihn nur dank der Bildschirme sehen. Auch der litauische Chor wird zeitweise eingeblendet, außerdem Erzbischof Georg Gänswein, einer der Konzelebranten.

Nach der Kommunion ertönt wieder ein litauisches Lied. Dieses Mal ist zumindest die Melodie auch den Nicht-Muttersprachlern bekannt: „Gottheit tief verborgen“, singt der Chor. Litauisch, Polnisch, Englisch und Italienisch, in diese Sprachen wird der Kongress übersetzt. Die Teilnehmer kommen aus 53 verschiedenen Ländern. Zum Beispiel aus Mali, wie ein Priester von den „Missionaren der Barmherzigkeit von Papst Franziskus“. „Mein Leben als Priester ist der Barmherzigkeit gewidmet. Alle Generationen der Menschheit sind dazu aufgerufen, die Barmherzigkeit Gottes zu entdecken“, sagt er im Gespräch mit der „Tagespost“. „Hier, in Vilnius, wurde sie in besonderer Weise erfahrbar. Indem wir hierher pilgern, kommen wir zur Quelle. Es hilft uns, mehr und mehr im Alltag Zeugen der göttlichen Barmherzigkeit zu werden. Wir teilen das, was wir empfangen haben.“

Das originale Bild vom barmherzigen Jesus

Vilnius ist die „Stadt der göttlichen Barmherzigkeit“: Hier lebte die heilige Schwester Faustina Kowalska, hier entstand 1934 das Bild des barmherzigen Jesus. Es befindet sich in der Altstadt in einer kleinen Kapelle. Tagsüber gehen dort pausenlos Pilger ein und aus, auch um das Allerheiligste anzubeten oder zu beichten. Um 15 Uhr ist es besonders voll. Jetzt wird der Barmherzigkeitsrosenkranz gebetet – ein Gebet, das auf die heilige Faustina zurückgeht. „Die heilige Schwester Faustina und der Barmherzigkeitsrosenkranz führen mich ins Zentrum des christlichen Glaubens. Wir leben von der Barmherzigkeit“, sagt der Berliner Erzbischof Heiner Koch, der auch zum Kongress gekommen ist. „Den Rosenkranz bete ich täglich, den Barmherzigkeitsrosenkranz kenne ich durch Menschen aus meinem Bistum und bete ihn gerne mit.“

Vilnius Weltkongress der Barmherzigkeit 2026
Foto: Evgenia Levin | Menschen aus mehr als 50 Nationen beteten zusammen von dem Allerheiligsten auf dem Erlöserhügel in Vilnius.

Vilnius ist außerdem UNESCO-Kulturerbe. Barocke Kirchtürme, verzierte Fassaden und enge Gassen prägen das Stadtbild. Auch wenn die Fronleichnamsprozession durch die breitesten Straßen zieht, füllt sie diese voll aus. Rechts und links stehen Häuser; Überholen ist unmöglich. 7.000 Teilnehmer ermitteln Drohnenaufnahmen, 5.000 sind für den Kongress angemeldet. Die Kommunionkinder dieses Jahres streuen vor dem Allerheiligsten Blumen. Weiter hinten läuft eine Blaskapelle. Überall sieht man gut gelaunte und andächtige Menschen und dazu strahlt die Sonne. Alles scheint also im Zeichen des Kongressmottos zu stehen: „Eine Stadt der Barmherzigkeit bauen“. Diese lasse „sich nicht durch Steine und Gebäude errichten. Sondern durch Menschen, die von Gottes Liebe verändert wurden“, formulierte es Erzbischof Grusas. Am ersten Abend wird der Videogruß von Papst Leo ausgestrahlt. „Seine einzige Hoffnung ist Gottes Barmherzigkeit, schreibt der heilige Augustinus in seinen Bekenntnissen“, erinnert der Papst. Darum sei es gut, unser Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit zu erneuern.

Das Hauptprogramm – Vorträge, Lobpreisgebet, heilige Messen, Anbetung, Essen, Kaffeepausen – findet am Stadtrand statt: auf dem Erlöserhügel, der jahrhundertelang ein Ort konkret gelebter Barmherzigkeit war. Auf dem Klosterareal widmeten sich Orden der Kranken- und Armenfürsorge und Erziehung. Dort entstand nach der Vision von Schwester Faustina das Bild des barmherzigen Jesus. Die Kommunisten konfiszierten das Grundstück und nutzten es als Gefängnis. Die Kirche steht seit 80 Jahren leer. Sie ist stark baufällig, ihr Inneres ist mit Graffiti besprüht. Abgegrenzt durch hohe, graue Mauern befindet sich auf der einen Seite von dem Grundstück bis heute das Gefängnis, auf der anderen Seite wiederum ein Hospiz.

Gebet für die Häftlinge

Ein Abend ist der eucharistischen Anbetung mit Lobpreis-Musik gewidmet. Zu Hunderten stehen und knien die Kongressteilnehmer auf dem lehmigen Boden im Nieselregen vor der Bühne. Darauf befindet sich eine riesige Monstranz mit dem Allerheiligsten darin. Die Lobpreis- und Gitarrenmusik setzt aus. Einer der Sänger fordert die Menge auf, sich nach links zu drehen – zum Gefängnis – und mit erhobenen Armen für die Insassen zu beten. Die Gefängnisfenster stehen offen, hinter den Gittern winken die Häftlinge. Der Himmel hat sich eben aufgeklärt, Abendrot kündigt den Sonnenuntergang an. Es passt zur Stimmung. „Wir beten für alle, die im Gefängnis sind“, sagt der Sänger. Dann wendet er sich an die Kongressteilnehmer und fügt hinzu: „Und dafür, dass Gott uns aus unseren eigenen Gefängnissen befreien möge.“

Apropos Gefängnis: John Pridmore, einer der Bühnenredner, war ebenfalls Häftling. An einem der Vormittage gibt der Brite Zeugnis von Gottes Barmherzigkeit in seinem Leben. „Es gab eine Zeit, da hätte ich mein Haus nicht ohne meine Pistole verlassen. Heute würde ich nicht mehr ohne meinen Rosenkranz rausgehen“, erzählt er dem gebannten Publikum. „Der erste Mann, der den Mond betreten hat, hatte keine Angst vor diesem Schritt. Ich bete dafür, dass jeder Einzelne hier unter uns keine Angst hat – und ‚Ja‘ sagt zu Gottes Einladung“, sagt der Katholik. Zum Mittagessen bilden sich nicht nur vor den Essenszelten Schlangen. Auch bei Pridmore stehen die Menschen an. Er hat ein Bestseller-Buch über sein Leben geschrieben, das er nun signiert.

Jesus im Alltag vertrauen

„Wir haben lange hierauf hingefiebert“, sagt eine Rentnerin aus Vilnius. Sie sitzt beim Mittagessen auf einer der vielen Bierbänke. Die Tische sind voll, es ist laut, dazwischen spielen Kinder auf dem Gras. Vor der Litauerin steht ein Teller mit einem großen Stück Lachs. Sie sei sehr angetan von dem Kongress, sagt sie. Ähnlich geht es Jovita Valeikaite La Ferrera, Leiterin des Presseteams: „Alles läuft besser als vorgesehen. Wir sind sehr froh. Es ist sehr emotionalisierend, die verschiedenen Flaggen zu sehen. Die Menschen kommen aus den entferntesten Ländern – den USA, Australien, den Philippinen – und dadurch entsteht diese internationale Atmosphäre“, äußert sie sich im Gespräch mit dieser Zeitung. Erzbischof Gänswein beschreibt seine Erfahrung in Vilnius gegenüber der „Tagespost“ mit: „Der Kongress war keine Beschäftigungstherapie, sondern ein geistliches Bemühen um echte Vertiefung im Glauben.“

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Was Barmherzigkeit im Alltag bedeutet, darüber spricht Familie Kissel, zugeschaltet aus Ohio. Anreisen konnten die Eltern mit ihren drei Söhnen nicht. Der lange Flug wäre zu anstrengend für zwei ihrer Söhne, die an einer seltenen Hauterkrankung leiden. Die Hände des älteren sehen aus wie blutige, faustgroße Klumpen. „Meine Finger sind theoretisch noch dran“, erklärt er sachlich. „Gott möchte das Leiden nicht. Er lässt es zu, für ein höheres Gut“, sagt sein Vater. „Gott wollte damit seine Liebe zu uns ausdrücken. Wir haben uns für die Freude entschieden und gelernt, zu beten“, ergänzt seine Frau. Für sie als Mutter sei es das Schlimmste gewesen, ihre Babys leiden zu sehen. „Und nicht wirklich helfen zu können. In diesen Situationen hat mich der Barmherzigkeitsrosenkranz getragen“, sagt die Mutter. Die fünf betonen immer wieder, dass der barmherzige Jesus, um den es in diesen Tagen in Vilnius geht, wirklich da ist. „So sieht völliges Vertrauen aus: zu sagen ‚Jesus, ich vertraue auf dich‘“, schließt der Familienvater.

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